Bachmann-Preis: Aufgeblähte Bilder, perfekte Rollenprosa

Bachmann Wettbewerb
Bachmann Wettbewerb (c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)
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Der erste Tag, an dem es bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ nicht um die Existenz der Veranstaltung, sondern um die Texte der Autoren ging, war sehr körperlich.

Nach all den Beteuerungen der Unersetzlichkeit des Bachmann-Wettbewerbs, nach Michael Köhlmeiers Protestrede gegen die geplante Abschaffung zur Eröffnung hat er nun also begonnen. Jetzt ist die Literatur am Wort, wie der neue Moderator, Christian Ankowitsch, die Lesungen ankündigte.

Der Zufall der Auslosung spülte die 1971 in Wiesbaden geborene Larissa Boehning an den Beginn. Vor den Lesungen wird stets ein Video gezeigt, das die Teilnehmer porträtieren soll. In diesem Film fertigte die Autorin Schnittmuster an und nähte. Das ist erst einmal unverdächtig. Nach der Lektüre jedoch fällt einem dazu das Wort handgestrickt ein. „Zucker“ überschrieb Boehning das „Erbschleicher-Kammerspiel“ zwischen einer alten Bayerin (Bäuerin), die nur noch kurz zu leben hat, und einem Hamburger Versicherungsvertreter. Sie versucht ihn im Wortsinn einzukochen, um ihn sexuell gefügig zu machen, er hingegen hat es auf ihr Haus abgesehen. Es wird nicht ganz klar, wer wen manipuliert. Diese „Unheimlichkeit“ spiegelt sich allerdings nicht in der Sprache des Textes. Vieles ist auserzählt und überbestimmt: „Er blähte das Bild auf, dass es groß, überdimensional wurde, alles einnahm.“ Die Jury schien es nicht zu stören. Sie lobte den Text.

Am ersten Tag ist die Jury üblicherweise milde gestimmt. Deshalb fiel ihr zwar auf, dass das Thema des Tages die Unterscheidung von Kunst und Kunsthandwerk ist, aber sie entdeckte mehr Artifizielles, als die Texte tatsächlich hergaben. Viele der Coming-of-Age-Geschichten, die den Tag dominierten, hat man schon viel besser, viel eindringlicher, viel bedeutungsvoller gelesen. Man muss in Musils Heimatstadt dabei nicht auf den „Törleß“ verweisen.

Joachim Meyerhoffs Diebsgeschichte

Sehr gut weg kam auch der Burgtheater-Schauspieler Joachim Meyerhoff mit seiner autobiografischen Diebsgeschichte. Wie für die Debatten vor dem aktuellen Bachmann-Preis geschrieben hieß sein Text „Ich brauche das Buch“ und war als Hymne auf ebendieses angelegt. Der souveräne Vortrag täuschte allerdings über die Schwächen des Textes hinweg, die nicht nur das Ende mit seiner moralischen Sentenzenhaftigkeit betreffen, sondern noch mehr das Anekdotische: Hat man die Pointe(n) einmal gehört, ist die Story auch fertig. Es bleibt nichts zurück.

Nadine Kegele hat etwas riskiert

Und das könnte auch schon eine Bilanz des ersten Tages sein. Es wird wenig zurückbleiben von diesen Texten. Wohl auch nicht von jenem der Vorarlbergerin Nadine Kegele, deren Ton versuchte, über die Alltagssprache hinauszureichen. Ihr Romanauszug „Scherben schlucken“ enthielt immerhin Sätze, die ungewöhnlich (und zum Teil) witzig waren: „Ein Fußgänger will über die Straße bei Rot, es kommt ihm eine Straßenbahn zuvor, die das darf, weil sie Grün hat.“ Auch ihr Sprachduktus mit meist kurzen, abgehackten Sätzen erzeugte einen Rhythmus, bei dem die Jury allerdings nicht mit musste. Dem einen war die Mutter-Tochter-Geschichte zu rätselhaft, dem anderen zu prätentiös. Der Text hat seine Schwächen, aber er hat wenigstens etwas riskiert. An dieser Stelle rief Jurorin Daniela Strigl den „Tag des Schamhaares“ aus, obwohl sie die vierte Lesung noch gar nicht gehört hatte. In Verena Güntners Text kam wieder ein Schamhaar vor, in diesem Fall ein männliches. Im Gegensatz zu Kegeles Text hat ihre Geschichte einen klar erkennbaren Erzähler: einen 16-Jährigen, der „alles wissen“ will. Eben auch, „bis wo genau Richtung Arsch die Schamhaare wachsen“. Perfekte Rollenprosa, aber sehr konventionell.

Ob handwerklich gelungen schon ein Wert an sich sei oder ob Kunst nicht doch darüber hinausgehen müsse, war Thema der beiden letzten Jurydiskussionen. Am Text „Falunrot“ der 1979 in Erfurt geborenen Anousch Mueller ließe sich gut zeigen, dass Anstrengung noch nicht Gelingen bedeutet. „Da begriff ich, dass das Virus, das mich gerade heimsuchte, ein kluges Ablenkungsmanöver meines hinterlistigen Körper-Seele-Bundes war.“ Das hört sich doch einigermaßen angestrengt an. In ihrem Video bezeichnete Anousch Mueller das Schreiben als familienfreundliche Tätigkeit. Genau das scheint das Problem heutiger Literatur zu sein. In alten Zeiten war Schreiben stets eine sehr einsame Angelegenheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2013)

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