Anglistik: Wo bleibt der Text?

Manfred Draudt über Shakespeare-Theater und seine Interpretationen.

Von Giorgio Strehlers "Spiel der Mächtigen" in den siebziger Jahren bis zu Luk Percevals und Tom Lanoyes "Schlachten" in den neunziger Jahren - um nur zwei beliebige Beispiele zu nennen - bietet der britische Klassiker Regisseuren und Autoren ein breites Experimentierfeld. Wie hat man sich das Shakespeare-Theater vorzustellen? Bearbeiter pflegen darauf hinzu weisen, dass es keine präzisen Vorstellungen gibt.


Doch, sagt Manfred Draudt, Anglist, früher außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Er beschäftigt sich vor allem mit der schwierigen Frage, welche von den unterschiedlichen Druckversionen, die überliefert sind, Shakespeares ursprünglicher Intention am nächsten kommt: "Wir wissen von diesem Theater mehr, als wir in den letzten Jahrzehnten geglaubt haben. Es werden immer wieder neue Entdeckungen gemacht", erklärt Draudt.


"Shakespeares Theater war, wiewohl vermutlich stark stilisiert, ein Volkstheater. Der Standard muss hoch gewesen sein. Hauptdarsteller spielten 30 Hauptrollen im Jahr, Knaben sämtliche Frauenrollen. Lange Probenzeiten gab es nicht. Alle 14 Tage oder drei Wochen kam ein neues Stück heraus. Die Zuschauer-Struktur war sehr diversifiziert. Sie reichte vom einfachsten Lehrling über die bürgerliche Mittelschicht bis zum Adel. Die Stücke, die Shakespeare, anders als die Sonette, vor allem zur Unterhaltung schrieb, sprachen alle an. Ihre Bandbreite reicht ja auch vom Vulgären, Obszönen bis zu mythologischen Anspielungen und zur neuplatonischen Literatur in der Tradition von Petrarca.

Das Problem der heutigen Aufführungspraxis ist, dass die Sprache stark verändert wird, die Stücke sehr stark simplifiziert, reduziert werden auf die niedrigste Ebene, wenn man etwa an ,Schlachten' denkt, das stark von der Dutroux-Affäre in Belgien geprägt war."


Aktualisierung dient aber doch auch der Erläuterung: "Mag sein, aber wenn zu viel Zeitgeist in den Aufführungen ist, versteht man sie nach ein paar Jahren nicht mehr", sagt Draudt: "Ich bin im übrigen kein Gegner von Bearbeitungen. Shakespeare selbst war, ebenso wie Nestroy, auch ein genialer Bearbeiter. ,Hamlet'-  und ,Lear'-Dramen gab es schon vor Shakespeare. Diese Originale sind natürlich vergessen. Das anonyme Lear-Drama ist hölzern, naiv, heutzutage kaum mehr zu lesen, geschweige denn aufführbar. Was mich im heutigen Theater stört, ist, wenn nicht deutlich gemacht wird, ob das Original-Stück aufgeführt wird - oder eine Bearbeitung. Die Bearbeitungen heute haben viele Charakteristika der Shakespeare-Parodien des 19. Jahrhunderts. Es gab sie in England, in Österreich, in Frankreich, in Spanien - überall."

"Das Publikum war noch nie so zahm"

"Die Handlung", so Draudt weiter, "wurde in die Gegenwart verlegt und vulgarisiert, der Blankvers an die zeitgenössische Sprache angepasst, der Titel verändert. Diese Parodien waren von den jeweiligen Autoren als solche gekennzeichnet. Heute ist es oft so, dass sich die Bearbeiter hinter Shakespeare verstecken. Unter diesem Deckmantel wird dann etwas ganz anderes gemacht."


Das Publikum reagiert selten offen erzürnt. Vielleicht gefallen ihm die modernen Aufführungen? Draudt: "Es wundert mich oft, wie brav die Zuschauer drin sitzen. Das ist etwas, was sich sehr stark verändert hat. Das Publikum war noch nie so zahm wie heute. Zu Shakespeares Zeiten gab es deutliche Missfallenskundgebungen. Bis ins 19. Jahrhundert konnten die Besucher ihre Ablehnung lautstark kund tun. Heutzutage ist das nicht mehr üblich, obgleich das Theater noch nie so aggressiv war, mit bedingt durch das Fehlen von Zensur, wodurch es zu einer Eskalation von Tabubrüchen kommt. Verstehen Sie mich richtig, ich bin absolut nicht für Zensur; aber sie hat die Dramatiker dazu gezwungen, ihre Qualitäten voll auszuspielen, politisch und moralisch anstößige Anspielungen indirekt darzustellen, durch Analogien und Wortspiele, insgesamt also eine vielschichtige Ausdrucksweise zu finden, die auch die Fantasie der Zuschauer anregte."


"Heute", meint Draudt, "ist der Maßstab das Fernsehen, das wirkt sehr nivellierend. Shakespeares Sprache erfordert große rhetorische Fähigkeiten, die heute kaum mehr jemand hat oder auch einzusetzen wagt. Ein Oskar Werner oder ein Peter Matic wirken da schon fast wie Fossile. Das Theater ist, finde ich, auch sehr einseitig geworden. Wir sehen fast nur mehr die Arbeiten deutscher Regisseure, des deutschen Regietheaters, in der Nachfolge der Textzertrümmerungen der 68iger. Ich würde mir wünschen, dass wir in Wien mehr internationale Gastspiele und Regisseure hätten, vor allem aus England, von der Royal Shakespeare Company, vom National Theatre, aber auch von anderen großen europäischen Bühnen."

"Bildungsbürgertheater gab es nicht"

Muss das englische Theater nicht "konventioneller" sein als das deutsche, da es viel weniger Subventionen bekommt? Draudt: "Ich finde, dass es eher so ist, dass die Künstler hier weniger gefordert werden, und die Zuschauer auch. Der Druck auf die Schauspieler ist viel größer in England, sie spielen oft große Rollen in fünf, sechs Aufführungen pro Woche. Es gibt kaum eine soziale Absicherung." Immer noch besser als zu Shakespeares Zeiten, wo die Theater gelegentlich geschlossen wurden. "Nein, nur zu Pest-und Krankheitszeiten. Aber die Puritaner haben das Theater natürlich bekämpft, Pamphlete geschrieben und schreiben lassen. Die Stadtväter Londons haben das Theater zu verhindern versucht, darum durfte es auch nur außerhalb der City Londons stattfinden. Shakespeare-Bühne und Tierhatz-Arena, da war kein Unterschied. Die größten Schauspieler, die größten Impresarios haben in beiden Metiers Geld verdient und zwar sehr viel. Das Bildungsbürger-Theater wie heute gab es damals nicht."

BIOGRAFIE: Manfred Draudt

Text-Forschung, Shakespeare-Parodien sind die Spezialität Manfred Draudts, der 1972-2003 an der Univ. Wien lehrte. Er war a. o. Univ.-Prof. für Englische Sprache und Literatur am Institut für Anglistik, Amerikanistik: 30 Publikationen, Vorträge in Europa, USA, Japan.


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