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Wenn nichts mehr bleibt

Wenn nichts mehr bleibt
Wenn nichts mehr bleibt(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Ich weiß, wie es ist, wenn man am Abend Alkohol braucht, weil einen sonst die Gedanken an die Schulden nicht einschlafen lassen. Meine Kreditnehmer-Karriere: über Schuld, Schulden und Schuld(en)gefühle.

Wenn i nur die Hypothek wieder schaff!“ Das ist einer der ersten und intensivsten Sätze, die durch meine Kindheitserinnerungen geistern. Im März und im September war sie fällig, die Hypothek, und ihr war alles untergeordnet: der Kauf einer Hose, wenn ich aus der alten schon wieder herausgewachsen war, wie das, was wir uns zum Essen leisten konnten.

An andere Ausgaben war sowieso nicht zu denken, denn meine Mutter musste uns zu dritt über die Runden bringen: die blinde, taube und halbseitig gelähmte Großmutter, die keine Rente bekam, mich und sich selbst. Das kleine baufällige Haus im Salzburger Bergbauerndorf, in dem wir wohnten, gehörte immerhin uns. Aber da war noch die von einer Verwandten übernommene Wohnung in Salzburg, für die die Hypothek zu zahlen war.

Meine Mutter hat die Hypothek jedes Mal geschafft, und irgendwann war sie abgezahlt. Dass ich nicht mehr genau weiß, wann das war, liegt vermutlich daran, dass wir das nicht gefeiert, sondern nur kurz aufgeatmet haben, denn mit dem Geld ging es sich auch weiterhin nur knapp aus. Jedenfalls sind wir, nach dem Tod der Großmutter und als ich zehn Jahre alt war, in diese Salzburger Wohnung gezogen. Sie gehörte meiner Mutter, bis sie sie in hohem Alter gegen eine kleinere, aber für sie leichter zugängliche eintauschte.

Meine eigene Schuldengeschichte ist nicht so glücklich verlaufen. 1988 habe ich mich erstmals in Schulden gestürzt – um ein Eigenheim, ein Haus zu erwerben. Wer nicht aus der kleinen Schicht der Kapitalbesitzer kommt, kann das ja nur mit einem Kredit und gehört mindestens für die nächsten 20 Jahre zur Mehrheit der Zinsenzahler. Während der Errichtung des Hauses ging die Fertigteilhausfirma pleite, so wurde die Fertigstellung teurer. 1990 verlor ich meine Arbeit, 1993 wurde unsere Ehe geschieden. Das Haus, das wir ohnedies schon bis dahin kaum mehr hatten halten können, mussten wir verkaufen. Ich habe viel Geld dabei verloren – vor allem das, welches meine Mutter mir gegeben hatte, als sie in die kleinere Wohnung gezogen war.

Alimente, anfangs auch Unterhaltszahlungen, hauptsächlich freiberufliche Arbeit und ein Neuanfang in Wien – es war eine Gratwanderung. Ende 1995 kamen eine saftige Steuernachzahlung und vierteljährliche Vorauszahlungen. Da dachte ich, jetzt bin ich am Ende, denn es war klar: Verdienen kann ich das nicht.

Ich wusste damals nichts von einer Schuldnerberatung. Und ich wollte mit niemandem darüber sprechen. Ich hielt nur hektisch Ausschau nach Preisen, um die ich mich als Wissenschaftsjournalist, der ich damals hauptsächlich war, bewerben könnte; ich habe allerdings keinen der Preise bekommen, bei denen ich mir Chancen ausgerechnet hatte – nur den, von dem ich nicht zu träumen gewagt und wo ich ganz heimlich eingereicht hatte, damit mich niemand für größenwahnsinnig hielte: den Österreichischen Staatspreis für Wissenschaftspublizistik. 70.000 Schilling – etwa 5500 Euro – waren viel Geld damals, und etliche Freunde fragten mich, was ich denn damit machen werde. Meine Steuern zahlen, erklärte ich ihnen, aber ich sah ihren Blicken an, dass sie das für Understatement hielten und sicher waren, ich würde mindestens einen Superurlaub machen. Das Geld reichte für alle Finanzamtsschulden und das überzogene Girokonto, und ich war so glücklich, dass mir der Urlaub gar nicht fehlte.

Aber warum erzähle ich so viel von mir? Weil ich nicht will, dass die mit den Schulden immer die anderen sind, über die gesprochen, nachgedacht und Statistik geführt wird. Ihre Geschichten gehören aufs Podium und in die Öffentlichkeit; darum möchte ich stellvertretend wenigstens meine eigene erzählen.

Auch weil ich das Tabu brechen möchte, das in Österreich ganz besonders gilt: dass man über Geld nicht spricht. Geld bedeutet Macht und ist daher männlich konnotiert, habe ich in einer Broschüre gelesen. In Österreich kommt die Macht besonders gerne heimlich daher, darum ist sie so wirkungsvoll.

Und auch die Ohnmacht wird verheimlicht – darum ist sie eine besonders wirksame Fessel. Indem ich von mir erzähle, möchte ich auch zeigen, dass man nicht der unteren Bildungsschicht angehören, spiel- oder sonst wie süchtig sein, langzeitarbeitslos werden oder in trunkenem Zustand sein Leasingauto an den Baum lehnen muss, um in Schulden verstrickt zu werden, mit denen man irgendwann einmal nicht mehr zurechtkommt. So erzähle ich meine Geschichte also weiter.

In den folgenden Jahren ging alles so gut, dass ich es im Jahr 2000 noch einmal wagte, Wohnungseigentum zu erwerben – eine große, damals billige Altbauwohnung in Wien. Natürlich wieder mit einem Kredit. Ich selbst wäre ja nie darauf gekommen, aber meine Bank erklärte mir ausführlich die enormen Vorteile eines endfälligen Schweizer-Franken-Kredites mit den entsprechenden Tilgungsträgern.

Etliche Jahre habe ich voll Freude beobachtet, wie meine Schuld in Euro immer weniger wurde. In der alten Wohnung habe ich viel restauriert und 2007 noch einen Umbaukredit aufgenommen, damit die Wohnung eine normale Küche und ein schönes Bad bekam. „Den größeren Teil machen wir wieder als Schweizer-Franken-Kredit“, empfahl mir die Bank auch 2007.

Wie es weiterging, kennen Sie aus vielen anderen Geschichten: Im Zuge der Finanzkrise veränderte sich das Verhältnis des Euro gegenüber dem Franken dramatisch, und außerdem entwickelten sich die Tilgungsträger schlechter als prognostiziert. Die Deckungslücke wurde immer größer, 2019 wäre der alte Franken-Kredit endfällig gewesen.

Was mich in dieser Situation wirklich erbost hat: 2011 bekam ich einen Brief der Österreichischen Nationalbank, die mir erklärte, Fremdwährungskredite seien hochriskante Spekulationsgeschäfte. Weil ich getan hatte, was die Bank mir empfahl, war ich plötzlich ein Spekulant – und noch dazu einer, der verloren hatte, während die Bank in der ganzen Zeit gut an mir verdiente. Das war für mich der Gipfel der Verhöhnung und der billigen Leugnung jeder Verantwortung durch die österreichischen Banken.

Peter Kolba, der Rechtsexperte des Vereins für Konsumenteninformation, hat die zynische Rolle der Banken bei den Fremdwährungskrediten in einem ORF-Interview auf den Punkt gebracht: „Die Banken haben in Wahrheit ein sicheres Geschäft gemacht. Sie haben bei endfälligen Krediten 20 Jahre die Zinsen vom gesamten aushaftenden Kapital rechnen können. Das heißt, die Bank verdiente sehr viel mehr an Zinsen und hatte dazu kein Risiko. Die Banken haben den Schuldner, zudem noch die Tilgungsträger, verpfändet, und wenn es um ein Eigenheim ging, waren sie im Grundbuch. Aufseiten der Bankkunden war das ein reines Glücksspiel, aufseiten der Banken ein sicheres Geschäft. Und diese Schräglage hat nie eine Bank aufgeklärt, und das muss man den Banken schon vorhalten.“

Wie ging es in meinem Fall weiter? Es war nicht mehr abzusehen, wie ich die Deckungslücke bis 2019 schließen könnte, und ich hatte daher auch immer weniger Aussicht, die Wohnung überhaupt noch in der Zeit abzuzahlen, in der ich erwerbsfähig sein würde; außerdem hatte ich die beständige Gefahr vor Augen, die Schweizer Nationalbank könnte mit den Stützungskäufen aufhören und der Euro-Franken-Kurs infolgedessen auf das Verhältnis eins zu eins fallen – dann wäre die Situation völlig aussichtslos geworden.

So habe ich mich im Vorjahr entschlossen, die Wohnung zu verkaufen. Aufgrund der guten Sanierung und der in den vergangenen Jahren ständig steigenden Wohnungspreise in Wien konnte ich sie gut verkaufen. So habe ich zwar alle Schulden vom Hals, aber mir ist aus den zwölf Jahren der Zinsenzahlung und der Investitionen in den Umbau nur meine Lebensversicherung geblieben. Die Verluste durch die Frankenkredite haben die Wertsteigerung aufgefressen.

Ich habe also nach 25 Jahren endlich keine Schulden mehr: weder bei der Bank noch beim Finanzamt oder der Sozialversicherung, die mir Zahlungen zu besonders teuren Zinssätzen gestundet hat. Und auch nicht bei Freunden – ja, auch das, was man als „verdeckte Schulden“ bezeichnet, ist mir nicht fremd.

Wie mir viele andere Situationen nicht fremd sind: Ich weiß, wie es ist, wenn man am Abend Alkohol braucht, weil einen sonst die Gedanken an die Schulden nicht einschlafen lassen; wie man sich fühlt, wenn man nicht weiß, ob man mit der Bank noch ausverhandeln kann, dass die monatlichen Zahlungen abgebucht werden, weil das Girokonto schon so weit überzogen ist; und wie es ist, wenn es momentan keinen anderen Ausweg gibt als das, was ich ironisch „Eigenblutinjektion“ genannt habe: Bargeld von der Kreditkarte beheben und aufs Konto einzahlen, um einstweilen liquid zu bleiben. Und ich weiß auch gut, wie teuer das kommt. Was mich betrifft, so bin ich zwar meine Schulden samt den Schuldengefühlen losgeworden – nicht jedoch die Schuldgefühle. Besser gesagt: nicht nur Schuldgefühle, sondern auch eine reale Schuld, meinen Kindern gegenüber, denen ich nichts hinterlassen kann – so wie meine Mutter, die ihre Hypothek geschafft hat, mir schrittweise ihre Wohnung vererbt hat. In meinen Planungen hatte auch ich meine Wohnung für die Zukunft der Kinder vorgesehen; ob ich es jetzt noch schaffe, ihnen etwas zu hinterlassen, ist mehr als ungewiss.

Diese Situation ist freilich nicht nur das Ergebnis der Schulden, aus denen ich mich befreien konnte, sondern vor allem auch der Tatsache, dass ich nie richtig gut und nur etliche Jahre einigermaßen gut verdient habe – so wie viele, die ganz oder hauptsächlich freiberuflich in den chronisch unterkapitalisierten Bereichen von Literatur und Kultur arbeiten.

Was ich dafür auf der Habenseite verbuchen kann: fast alles, was ich geschrieben und aus dem Litauischen übersetzt habe – auch viele Rundfunksendungen – hätten in ganztägigen Beschäftigungsverhältnissen nicht entstehen können. Und: Ich habe mich Angestelltenverhältnissen, die für mich demütigend waren oder wo ich gezwungen gewesen wäre, gegen meine Überzeugungen zu handeln, nicht gebeugt. Wenn man aus der Nähe gesehen und erlebt hat, wie genau manche Manager und Personalchefs wissen und damit kalkulieren, dass sich ein sogenannter Familienvater, der einen Kredit laufen hat, alles gefallen lassen muss, dann ist einem bewusst, wie groß das Privileg ist, nicht durch so lange Jahre ein gefügiger Kreditnehmer sein zu müssen, bis man auch ohne Kredit nirgendwohin mehr ausbrechen kann. Ich möchte auch nicht wissen, wie viele Ehen und Familien der Kredit mehr zusammenhält als alles andere. Meine finanzielle Situation hängt auch damit zusammen, dass das für mich keine Lebensmöglichkeit ist.

So besitze ich zwar kein reales Kapital, habe aber immer wieder das bekommen, was Pierre Bourdieu so genial „symbolisches Kapital“ genannt hat: Preise, Orden, Auszeichnungen, Aufmerksamkeit. Ich kann mir zwar kein Auto leisten, aber erstens brauche ich auch keines, da ich in Gehweite zweier U-Bahnstationen wohne, und zweitens muss ich mich nicht über mein Auto definieren, da ich viele andere Möglichkeiten habe, meine Identität auszudrücken. Weil es mir wichtig ist, dass ich mit meiner Arbeit als Subjekt sichtbar bin, kann ich mir nur zu gut vorstellen, dass einer, der jeden Tag warten muss, bis die Arbeit zu Ende ist und das Leben beginnt, der im Getriebe seiner Firma funktioniert und nie namentlich hervortreten kann, die einzige Möglichkeit, sich von anderen zu unterscheiden, darin findet, sich ein Auto zu kaufen, das er sich nicht leisten kann und das er daher least. Man muss ein sehr dummer Intellektueller sein, um darüber zu lachen.

Damit habe ich mich schon einer Frage angenähert, die ich uns nicht ersparen möchte: Wer ist denn schuld an den Schulden? Sind es die Einzelnen, die über ihre Verhältnisse leben?

Dafür lassen sich immer groteske Beispiele finden, aber es ist dennoch zu billig, Einzelne an den Pranger zu stellen, um das System zu schützen. Oder ist die Konsumgesellschaft schuld, die als Ganze nach dem Motto lebt, das der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer schon 1995 mit seinem Buchtitel auf die Formel gebracht hat: „Jetzt haben, später zahlen.“ So leben wir ja insgesamt, nach dieser Devise gehen wir mit der Umwelt, mit den nicht erneuerbaren Rohstoffen um.

Wolfgang Schmidbauer gibt übrigens auch ein griffiges Beispiel, wie die ihn selbst ruinierenden Bedürfnisse des Einzelnen mit Wirtschaft und System, mit den Lebens- und Arbeitsverhältnissen zusammenhängen: „Je stärker eingeengt die Spielräume der Individuen werden, desto beliebter sind die Offroad-Fahrzeuge: Der Jeep mit Ledersitzen und Klimaanlage wird zwar niemals im Gelände fahren, aber er festigt den Traum von der Dschungelsafari noch im Ampelstau.“ Besser kann man es nicht sagen, warum sich jemand etwas kauft, was er gar nicht braucht und sich oft auch nicht leisten kann. Aber auch wenn es ihn in den Abgrund des Schuldenchaos reißt: Die Autoindustrie profitiert auf jeden Fall davon – und die Banken profitieren auch.

Apropos Banken: Im Jahr 2003 hat mich die Erste Bank, auf deren Girokonto die finanziellen Erträge meiner Arbeit fließen, in ihrer Werbung offen verhöhnt. Sie druckte einen Werbefolder mit dem Slogan: „Die einen arbeiten für ihr Geld, die anderen lassen ihr Geld arbeiten.“ Andere Banken haben Ähnliches plakatiert.

Ich habe damals davon geträumt, dass wenigstens irgendjemand, der wie ich für sein Geld arbeiten muss, weil er keines hat, das er arbeiten lassen kann, ein Säureattentat auf die Automaten dieser Banken verübt, eine Filiale verwüstet oder wenigstens ein paar Fenster einschlägt – als Antwort auf diese freche Provokation. Abgeklärt, wie ich heute, zehn Jahre später, bin, weiß ich natürlich: Gewalt ist keine Lösung.

Eine bessere Antwort ist das neue Buch von Arno Gahrmann: „Wir arbeiten und nicht das Geld. Wie wir unsere Wirtschaft wieder lebenswert machen“ (Westend Verlag, Frankfurt am Main). Man darf aber nicht vergessen, welche Hoffnungen die Banken geschürt haben und wie sie das finanzkapitalistische Denken im Hirn ihrer Kunden festsetzen wollten. Und es hat ja sogar Finanzberater gegeben, die Menschen dazu überredeten, ihr vorhandenes Kapital in einen Tilgungsträger zu investieren und für den Hausbau einen Franken-Kredit zu nehmen; auch da haben Banken mitgespielt. Heute werben die Banken anders: „Jetzt billige Kredite nutzen.“ Dass diese Kredite jederzeit auch wieder teurer werden können, sagen sie natürlich nicht dazu.

Um Kritik zuvorzukommen: Ja, es ist komisch, wenn ausgerechnet einer wie ich, der oft nur über die Runden gekommen und noch das Nötigste einkaufen konnte, weil es die Bank mit ihrem Überziehungsrahmen gab, die Banken geißelt. Und die Banken sind auch keineswegs an allem schuld. Zum Beispiel nicht daran, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld haben; dass die Gehaltsschere immer weiter auseinanderklafft. Da muss ich noch einmal auf jenes Management- und Geschäftsführergesindel verweisen, das mittlerweile in vielen Fällen von der Sparte, in der es gerade managt, bei Weitem nicht so viel versteht wie davon, Mitarbeiter in Schach zu halten und ihre Leistungen zu kürzen, ja ihnen zum Beispiel auch die ihnen gesetzlich zustehende Anstellung zu verweigern, obwohl sie auf fixe Arbeitszeiten und einen fixen Arbeitsplatz verpflichtet werden. In immer unverschämterer Weise bekommen sie Erfolgsprämien dafür, dass sie Gehaltskürzungen durchsetzen oder Mitarbeiter kündigen, wodurch der Unternehmenserfolg steigt.

Immer mehr Menschen geht mittlerweile das Geld aus – europaweit. In Spanien ist es bereits zu geschätzten 400.000 Zwangsräumungen gekommen; 2012 waren es 500 pro Tag. Gleichzeitig hat die konservative Regierung Spaniens 150 Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln in marode Banken gepumpt, wie Reiner Wandler kürzlich in einem Kommentar festgehalten hat.

Aber auch Sozialdemokraten nehmen mittlerweile den Abstieg breiter Bevölkerungskreise ungerührt in Kauf. Helmut Schmidt hat im vergangenen Monat in der „Zeit“ die Wende der Sozialpolitik durch die „Agenda 2010“ seines Nachfolgers Gerhard Schröder uneingeschränkt verteidigt – mit dem Argument: „Ohne sie wäre die gegenwärtig hervorragende Stellung Deutschlands im internationalen Vergleich gar nicht denkbar.“ Dass immer weniger Menschen von dieser hervorragenden Stellung profitieren, sagt er nicht dazu; Niedriglöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse nimmt er dafür in Kauf.

Die Politik wäre gefragt, aber es gibt auch Bereiche, in denen jeder und jede etwas verändern kann. Alle Schuldnerberatungen wissen: Zu Weihnachten nehmen die Probleme drastisch zu. „Weihnachten ist das Fest der Liebe – und des Konsums“, wie eine Beraterin unlängst in einer Wiener Tageszeitung hellsichtig diagnostizierte. An der Entkoppelung von Liebe und Konsum können wir alle in unserem eigenen Umfeld arbeiten.

Eine Befreiung von Schulden ist für jeden, der Schulden erlebt hat, eine Erlösung. Im Alten Testament steht für das Wort „Erlöser“ das hebräische Wort „goel“ – ein juristischer Terminus, der den haftpflichtigen nächsten Verwandten bezeichnete, der einspringen musste, wenn jemand in Schuldknechtschaft geraten war. Heute sind viele in Schuldknechtschaft, eine Befreiung gibt es nur selten, das Wort „Erlöser“ ist in die Sphäre harmloser Konventionsreligiosität abgewandert, und die Banken sind als Besatzungsmächte des Alltags bestens akzeptiert.

Schuldner wird es also noch lange geben, auch viele, die mit ihren Schulden nicht mehr zurechtkommen – in Österreich wie europa- und weltweit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2013)