Burka, Maske: Verlust des Gesichts

Burka Maske Verlust Gesichts
Burka Maske Verlust Gesichts(c) Exici
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Eine kleine Ausstellung birgt eine große These: Das Phänomen der Gesichtslosigkeit springt von der Protestkultur in unseren Alltag über.

Die Tendenz zur Gesichtslosigkeit im Zeitalter von „Gesichtsbuch“ – das ist für eine Ausstellung abseits der großen Häuser eine ziemliche Ansage. Und wirklich hat man selten eine derart brisante, professionelle Schau im kleinen Freiraum des Museumsquartiers gesehen. Aus seinen Beobachtungen von Mode, Kunst, Pop und Politik hat der serbischstämmige Künstler-Kurator Bogomir Doringer, zurzeit „Artist in Residence“ im MQ, eine These aufgestellt, die in ihrer Drastik so überrascht wie überzeugt: Die Abwendung bzw. Verhüllung des Gesichts ist nicht mehr nur Zeichen einer Avantgarde, sei es auf dem Laufsteg, im öffentlichen Protest oder im Netz. Sondern fließt langsam in unsere alltägliche Selbstdarstellung ein – Anonymität wird Normalität. Dem soll in einem zweiten Teil der Ausstellung „Faceless“ nachgegangen werden.

Im ersten Teil wird jetzt der Status quo, der Trend an sich, nachgewiesen, wofür Doringer u.a. Videos von Daft Punk oder das (natürlich gesichtslose) Cover des neuen Albums von David Bowie anführt. Das Paradoxe aber ist, dass gerade der Moment exzessiver Selbstentblößungen (Facebook etc.) gleichzeitig zu ungenierten Verhüllungen führt (anonyme Hass-Postings). Dass die Verweigerung des permanenten Kamerazwangs zu einer Gegenbewegung führt, ist da schon logischer (siehe die zurzeit diskutierte „Krise“ der Society-Berichterstattung).

Alle haben einen Feind: Den Westen

Am spannendsten wird die Beobachtung der Gesichtsverweigerung aber als ambivalentes Symbol der Freiheit, das sowohl von politisch-muslimisch motivierten Schleierträgerinnen als auch von den Pussy Riots benutzt wird, von vermummten Kämpfern im Nahen Osten wie von Aktivisten der „Occupy“-Bewegung: Der ausgemachte Feind, der mit Burka, neongelben Stricksturmhauben oder der Vendetta-Maske attackiert werden soll, ist derselbe: der Kapitalismus, respektive der „Westen“. Vor diesem Hintergrund ergeben die hier gesammelten Kommentare aus der Kunst- und Modebranche eine ideologisch völlig irre Mischung. Die Analyse bleibt man zwar schuldig, dafür wird das Phänomen „faceless“ erstmals konzentriert vorgeführt.

So scheinen Modemacher ein regelrechtes Faible für verhüllte Gesichter entwickelt zu haben, die sich Doringer mit einer „Overdose of Beauty“ erklärt. Martin Margiela schickte seine Models vorigen Sommer mit funkelnden Gesichtsmasken über den Laufsteg, die jetzt wie glamouröse Totems im Freiraum auf Stangen prangen. Viktor und Rolf tarnten ihre Schönheiten mit funkelnd schwarzen Motorradhelmen. Und die skulpturalen, schwarzen Gesichts- und Kopfbedeckungen Junya Watanabes für eine Comme-des-Garcons-Schau 1992 nähren den Verdacht, dass das „Faceless“-Phänomen vielleicht auch in der Mode nicht gar so neu ist.

Genau wie sich auch in der bildenden Kunst die „Köpfung“ der Frau durch die Jahrhunderte zieht, um den Blick, ohne Empathie zu fordern, auf das lenken zu können, wofür der weibliche Körper in der von Männern definierten Kulturgeschichte stand – Fruchtbarkeit, Bedrohung, Sex. Den besten Kommentar dieses Frauenbilds gab Marcel Duchamps in „Etant Donnés“, einer geheimnisvollen Installation, bei der man durch den Spalt einer Holztüre einem von einer Gaslampe (Freiheitsstatue!) erleuchteten nackten Frauenkörper zwischen die Beine sehen kann/muss – ihr Kopf bleibt im Dunkeln.

Ein Werk, das im „Freiraum“ übrigens auf der überquellenden „Inspirationswand“ der Niederländerin Hester Scheurwater aufscheint. Inspirationen zu einer Serie auf ungewohnte Art sexualisierter Selbstporträts – kopflos meist. Sie hat sie täglich auf ihrer „Facebook“-Seite veröffentlicht. Womit wir bei dem Medium der Stunde wären. Hier formiert sich schon seit Längerem Widerstand, auf den die Österreicherin Eva-Maria Raab mit ihrem „Facebook“ hinweist: einem tatsächlichen Buch, in dem sie „Profilbilder“ von Bekannten abdruckt, Silhouetten in Hellblau, ähnlich den Bildern, die automatisch erscheinen, wenn man auf seiner „Facebook“-Seite eben kein Foto hochlädt.

Gerade in der Fotografie wird das abgewandte Gesicht heute als Verweigerung gelesen. Dieser Überdruss an der gefälligen Pose ist mittlerweile allerdings selbst zu einer geworden, sie zieht sich durch die „Hipster“-Fotografie, deren Schnappschuss-Ästhetik Generationen von Lifestyle-Magazinen prägt. In China wird das tatsächlich noch als systembedrohend gewertet, wovon der junge Fotograf Ren Hang erzählen kann, wenn er im August ebenfalls als „Artist in Residence“ im MQ weilen wird. Seine Fotos nackter, oft zu Landschaften geschlichteter Körper brachten ihn in seiner Heimat ins Gefängnis.

Sind wir schon zu iPads geworden?

Die Selbstdokumentation einer anderen, homoerotischen Subkultur im Internet lenkt den Blick auf eine völlig neue Facette der Gesichtslosigkeit. Die von Frank Schallmaier gesammelten anonymen Fotos haben alle eines gemein: Die Gesichter der nackten Männer im Spiegel sind vom Blitz ihres Fotoapparats ausgeblendet. An ihre Stelle ist die Technik gerückt, meist das Smartphone, immer öfter auch ein iPad. So nimmt die neueste Kommunikationstechnik nicht nur unsere Zeit, sondern sogar unser „Face“. Wird sie auch zu unserer Identität? Vielleicht ist sie das schon.

Bis 1. 9., Di–So 13–19h, Freiraum im Quartier 21, MQ, Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2013)

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