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Mein alter Zorn

Eigentlich wollte ich meinen Vortrag nützen, um Sie dafür zu begeistern, Jörg Fauser zu lesen oder wieder zu lesen, wie ich es getan habe. Aber dann ist einiges passiert. Der Ingeborg-Bachmann-Preis: über den ORF, seinen Bildungsauftrag und den Klagenfurter Literaturgerichtshof.

Eigentlich wollte ich an den Schriftsteller Jörg Fauser erinnern, der vor 30 Jahren hier gelesen hat. Ich wollte darauf hinweisen, dass seine Romane, Essays, Erzählungen, Aufsätze und Gedichte in liebevoll und sorgfältig editierten Werkausgaben erhältlich sind, einer schon älteren bei Rogner & Bernhard, einzeln im Berliner Alexander Verlag und in einer Kassette zu neun Bänden im Züricher Diogenes Verlag – eine verlegerische Ehre, die keinem anderen Autor, der je beim Bachmann-Wettbewerb gelesen hat, zuteil wurde.

Davon wollte ich eigentlich sprechen.

Ich wollte wiederholen, was so viele vor mir gesagt haben: dass Jörg Fauser ein Kultautor ist; und wollte erklären, was ich darunter verstehe, nämlich einen Dichter, dessen Wirkmächtigkeit in Werk und Leben ihren Ausdruck findet, der also doppelte Verehrung erfährt – einmal für das, was er schreibt, und dann noch dafür, wie er lebt. Und ich wollte ein wenig von Jörg Fausers Glanz auf mich lenken und erzählen, dass wir uns vor 30 Jahren hier in Klagenfurt kennengelernt und befreundet haben, dass wir einander Briefe geschrieben, einander besucht, dass wir einander verstanden haben.

Und eigentlich wollte ich dann auch berichten, dass ich vor wenigen Tagen Gast im deutschen Literaturarchiv in Marbach war und mich dort mit einem der Herausgeber der Werke von Jörg Fauser getroffen habe; dass wir bei 38 Grad an der Erdoberfläche im kühlen Keller des Instituts saßen, mitten im Archiv des Suhrkamp Verlags, das hier unten im Bunker vor der Zerstörung oben bewahrt wird, dass sich einige Besucher zu uns gesellten und dass wir uns über Jörg Fauser unterhielten, eben über seine unvergleichliche Art zu leben und zu schreiben – und über seinen Tod. Davon hatte ich Ihnen eigentlich erzählen wollen.

Ja, auch über Jörg Fausers Tod am 17.Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43.Geburtstag, wollte ich Gedanken anstellen; als er, wie es in den Nachrichten hieß, betrunken auf der Autobahn spazieren ging und von einem Lkw niedergefahren wurde. Ich wollte berichten, dass einer der Anwesenden im Keller des Marbacher Literaturarchivs von begründeten Zweifeln an dieser Version wusste. Fauser habe zu jener Zeit, sagte der Mann und senkte sogar im Keller die Stimme, über die Verbindung zwischen deutscher Drogenmafia und deutscher Politik und Wirtschaft recherchiert, habe noch in der Nacht drei Typen getroffen, die ihn zu einem Gewährsmann bringen wollten, und sei auf der Autobahn aus dem Wagen gestoßen worden – ein Tod, wie er zu einer von Fausers Figuren gepasst hätte.

Eigentlich aber wollte ich meinen Vortrag nützen, um Sie dafür zu begeistern, Jörg Fauser zu lesen oder wieder zu lesen, so wie ich es getan habe.

Zum Beispiel diesen in jeder Hinsicht vorbildlichen Text aus dem Jahr 1979, in dem er von einem Besuch in der Stadt Berlin erzählt, durch die sich damals noch bis in alle Ewigkeit eine Mauer wand; ein Text, den wir mit gleichem Recht eine Reportage, einen Essay oder eine Erzählung nennen dürfen – ein literarisches Wunder, wie ich meine, denn obwohl die Welt, die hier beschrieben wird, längst untergegangen ist, atmet der Bericht eine zeitlose Frische; als wäre das heutige Berlin, das sich einer Konfektionsallerweltstadt anzunähern droht, das alte, und das alte wäre das neue. Die Wirklichkeit des bis in alle Ewigkeit langen Nachkriegs wird in diesem Text – und das ohne Absicht des Autors – zur Metapher und weist über ihre Zeit hinaus und reicht auch über unsere Zeit hinaus und reicht zugleich weit zurück, Thukydides hätte in Jörg Fauser einen nachfahrenden Bruder erkannt.

Ja, wenn alles gleich geblieben wäre, dann hätte ich Ihnen von diesem bewunderten, bestaunten Autor erzählt, dessen Ruf gleichermaßen seinem Werk wie einer radikalen Art zu leben gilt, die er wie kein anderer in Deutschland repräsentierte.

Und: Ich hätte Ihnen erzählt, wie er vor dem Klagenfurter Literaturgerichtshof aufgetreten – und von den Richtern verrissen worden ist wie kein anderer vor ihm und kein anderer nach ihm; und dass der Verriss in Wahrheit gar nicht seinen Text, sondern seine Person gemeint hat. – An dieser Stelle hätte ich eine Pause gelassen, hätte Luft geholt und mit ihr meinen alten Zorn. Ich hätte mich daran erinnert, wie Jörg Fauser im Publikumsstudio des Funkhauses in Klagenfurt der Literaturkritik in ihrer hinterhältigsten und erbärmlichsten Gestalt begegnet ist. Ich hätte wieder und wieder behauptet, Fauser wäre verrissen worden, egal, was er gelesen hätte, denn die Richter hätten ihm nicht verzeihen können, wie er war. Aus seinen Blicken, aus seinen Gesten – wie er zum Podium ging, jeden Schritt wie ein Statement setzend, während die Richter ungeduldig wurden, wie er auf der Anklagebank Platz nahm, wie er unter halb geschlossenen Lidern vor sich ins Leere blickte – aus all dem, so hätte ich mich erinnert und hätte Ihnen davon erzählt, war zu lesen: Ich brauche euch nicht. An mir gibt es für euch nichts zu entdecken. Ihr könnt euch nicht zu meinen Mentoren aufwerfen. Ich fürchte mich vor euch nicht, ich respektiere euch nicht, ich gebe euch in nichts nach.

Ich hätte von Marcel Reich-Ranicki erzählt, der die Stimmung in der Jury auf den Punkt brachte, als er sagte: „Dieser Autor hat hier nichts verloren!“

Mit einem Gruseln hätte ich auch die anderen Juroren erwähnt, die ihrem Herrn und Meister mit Inbrunst nachbellten. Ein Großteil des Publikums greinte, und wenn es etwas zu wiehern gab, wieherte es – so hätte ich mich ausgedrückt, und dass ich selten etwas Widerlicheres erlebt habe. Dem Pöbel saßen die Pöbelartigen vor. Ich hätte Ihnen von den Gedanken berichtet, die mir damals durch den Kopf galoppiert sind: dass gleich einer aus der Jury aufstehen wird, der ehrenwerte Walter Jens zum Beispiel oder die ähnlich ehrenwerte Gertrud Fussenegger oder der gemütlich rundliche Peter Härtling oder sonst jemand, und dass er dem Jörg Fauser ins Gesicht schreit: Weine endlich! Wie es Karin Struck vor dir getan hat! Zeig uns, dass es wehtut! Schließlich ist das Fernsehen da! Vielleicht verzeihen wir dir dann, wie du bist!

Und die Autorenkollegen? – Die meisten hatten ja kritikermundgerechte Happen vorbereitet, die brauchten kein Pulver mehr, die hatten schon; „Knallfroschprosa“, wie der ehemalige Juror Peter von Matt dazu sagte. Die Autorenkollegen, bis auf wenige, wollten nicht zusammen mit dem da gesehen werden.

Wenn sie allesamt, Kritiker und Autoren, übereinander gestapelt, auf seine Schulter gestellt worden wären, sie hätten dem Jörg Fauser nicht bis zum Kinn gereicht. Davon hätte ich eigentlich gern erzählt, ja.

Und dass sich Jörg Fauser von diesem Tag an nicht mehr Schriftsteller nannte. Er wisse mit dem Begriff nichts anzufangen, sagte er in einer Talkshow im Fernsehen. Er sei Geschäftsmann. Er war anders als wir. Ganz anders. Das stimmt schon. Dass er sogar anders war, als seine Fans meinten und meinen, auch davon hätte ich Ihnen gern erzählt. Dass er nicht „cool“ war. Dass ihn die Gehässigkeiten von Reich-Ranicki und Konsorten in Wahrheit tief verletzt hatten. Der größte Schmerz: dass sie ihn an der Liebe seines Lebens hatten zweifeln lassen.

Das Schreiben war die Liebe seines Lebens. Er hatte sich immer darauf verlassen, dass seine Liebe erwidert wird. Eigentlich gehört es sich nicht, dass ich das hier erzähle und damit womöglich das zynische Grinsen der neuen Richter aufreize.

„Klagenfurt – das ist nicht ein Fest der Literatur“, hatte Jörg Fauser geurteilt, „das ist ein Fest der Literaturkritik.“ Bei dem – möchte ich hinzufügen – die Autoren die Rolle der Sektgläser spielen.

Irgendwann, sagte er, werden uns die Kritiker nicht mehr brauchen, sie werden über Bücher reden, die es gar nicht gibt, sie werden Autoren verreißen und bejubeln, die es gar nicht gibt. Sie werden sich gegenseitig einen Preis stiften – Kritiker eins sitzt in der Jury, Kritiker zwei kriegt den Preis, Kritiker drei spricht die Laudatio. Er hielt es für möglich, dass ihn seine Liebe betrügt. Er fürchtete, dass sie ihn von allem Anfang an betrogen hat. Das war seine Verzweiflung. Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt. Aufs Spielen. Schreiben ist Spielen. Kann man spielen bis zum Ende? Und jederzeit innehalten und sagen, ich lebe? Und am Ende Rückschau halten und sagen, mein Leben war Spielen, und damit meinen, zu Ernsthafterem sei der Mensch nicht fähig?

Dem Zyniker applaudiert der Pöbel. Der Zyniker geht nach der Veranstaltung nach Hause, seift sich die Schminke ab und berichtet seinem Spiegelbild: Ich war wichtig, ich war sogar noch wichtiger. – Aber was, wenn der Zyniker recht hat? Und wenn dieses Recht auch nur darin besteht, dass es sich ohne den göttlichen Funken, der in jeder Kunst glost, leichter, cooler leben lässt? Weil es allein schon peinlich ist, an diesen göttlichen Funken zu glauben. Und am peinlichsten ist, von ihm zu sprechen. Und ein Skandal gar ist, von ihm in aller Öffentlichkeit zu sprechen.

Das alles hätte ich eigentlich sagen wollen. Vielleicht hätte ich die letzten Zeilen gestrichen, weil ich mich geschämt und mich nicht getraut hätte, sie vorzulesen. Ich weiß nicht.

Aber dann ist einiges passiert, und ich wurde gezwungen, etwas anderes zu sagen.

Erst hat der Direktor des ORF-Landesstudios Vorarlberg Befehl gegeben, die Rundfunkbibliothek auszuräumen; er selbst hat Hand angelegt und die Bücher in einen mit Geldern des ORF gemieteten Container geworfen. – Der Direktor einer Anstalt, die gesetzlich verpflichtet ist, einen Kulturauftrag zu erfüllen, verwendet einen Teil seiner Arbeitszeit und einen Teil der Rundfunkgebühren dafür, Bücher in einen Container zu werfen, um sie der Vernichtung zuzuführen. – Man brauchte Platz. Dabei stehen so viele Wände einfach als Wände da. Bücherregale tragen doch nicht mehr auf als höchstens 25 Zentimeter, das ist nachgerade einer der Vorteile von Geist in dieser Form.

Und da kam auch schon eine nächste Meldung herein: Alexander Wrabetz, der Generaldirektor des ORF, beendet den Bachmann-Wettbewerb, indem er sich auf das Kerngeschäft des ORF besinnt.

Diese Meldung hat einen Strich durch meine Rede gemacht. Und schon spielte mein Handy seinen Blues, eine Journalistin wollte wissen, mit welchen Worten ich es dem ORF hineinsage . . . und der nächste Anruf, diesmal von der APA . . . und schon wieder einer . . . und schon wieder einer . . . Ich bekam die rote Fahne in die Hand gedrückt – wie der Tramp in Chaplins „Modern Times“.

Nach einer Nacht Nachdenken habe ich mich schließlich dazu durchgerungen, mich in den Schulterschluss von Autoren und Kritikern und allen anderen anständigen Kulturschaffenden und Kulturinteressierten einzuklemmen, auch auf die Gefahr, meine Nase einem unangenehmen Achselgeruch auszusetzen. In der Not werden eben Opfer verlangt. Also leiste ich meinen „Gewissensdienst“ und protestiere so heftig ich nur kann gegen die Abmurksung des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und verspreche, alles mir Mögliche zu unternehmen, damit die Abmurkser namentlich und für lange, lange Zeit in Erinnerung bleiben.

Und ich bitte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Damen und Herren, ein Gleiches zu tun – vor allem aber: Jörg Fauser nicht zu vergessen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2013)