U-2-Sperre, Video-Überwachung, Schneefall rücken ein praktisches, aber nicht immer sympathisches Phänomen ins Blickfeld: Öffentliche Verkehrsmittel. Eine Betrachtung.
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nd schon wieder ihr. Und schon wieder muss ich mit euch zusam men sein. Halleluja Miserere. Ebbe ohne Flut. Ihr verdammten Unvermeidlichen . . ." Peter Handkes Alter ego, der wilde Mann, lässt im Akademietheater seine Suada aufs Publikum los. Nichts, was diesen Passanten nicht aufregt, ob es die ausgestreckten Beine seines Gegenübers sind, ein weinroter Pullover, eine Affenstirn, die Küsse der Liebespaare.
"Untertagblues" spielt in der U-Bahn. Wie auch der Berliner Musical-Hit "Linie 1" aus den achtziger Jahren. Eine punkige Ballade, die jene Typen auf die Bühne bringt, die bei Handke nur in der Sprache existieren: Ausgeflippte, Penner, Säufer, Zuhälter, Überlebenskünstler. Diesem Fluidum ergibt sich auch Lilly Groth in Botho Strauß' "Das Gleichgewicht" (Salzburg 1993). Die Wirtschaftsprofessoren-Gattin führt, während ihr Mann im Ausland weilt, ein Doppel-Leben in Berlins U-Bahn-Schächten.
U-Bahn ist kunstfähig, im engeren wie im weiteren Sinne, ob man nun Truffauts "Letzte Métro" mit der Deneuve her nimmt oder die unzähligen Krimis zwischen dem "Tatort" und New York. Ach all diese wundervollen Verfolgungsjagden! Speed! (1994).
Zurück in die Realität. In Wien begann der moderne U-Bahn-Bau vor rund 35 Jahren. Und er zieht sich bis heute hin. Die öffentlichen Verkehrsmittel, eine permanente Baustelle. Als nächstes wird die U2 Richtung Stadion gebaut und die U1 von Kagran bis Leopoldau verlängert. Bis 28. März bleibt die U2 gesperrt. Stolz berichten die Wiener Linien - klingt schicker als Wiener Verkehrsbetriebe, sie gehören zur gemeindeeigenen Stadtwerke-Holding -, dass 2004 mit 410 Millionen Euro eine neue Rekordsumme investiert wurde, davon 277 Millionen Euro in den U-Bahn-Ausbau. Pro Tag verzeichnet man zwei Millionen Fahrgäste. Auch ihre Zahl ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Während jene der Beschäftigten (8000) tendenziell sinkt. Ein rationeller Betrieb?
Nun ja. Im Grunde wurden die Wiener Linien eher von den Konsumenten überrollt. Als einst die U1 vom Reumannplatz in die Innere Stadt eröffnet wurde, rümpften die Bürger die Nase: Jetzt kommen die Proleten in die Stadt. Wer öffentliche Verkehrsmittel benutzte, war ein Armutschgerl, das sich halt kein Auto leisten konnte. Diese Einstellung hat sich vielfach stark verändert.
Seit der ersten Ölkrise 1973 hat der Götze Auto Schrammen bekommen. Man verzichtet darauf aus unterschiedlichen Gründen: Staus. Parkpickerln. Falsch Parken ist teuer, die Kontrollen werden immer lückenloser. Parkhäuser, auch nicht billig. Das gilt ebenso für das Auto-Fahren selbst. Viele junge Leute haben kein Auto, weil sie (oder ihre Eltern) es sich nicht leisten können oder wollen. Man fährt öffentlich oder mit dem Rad, eine Folge der Öko-Bewegung.
Natürlich hat auch die Aufrüstung der bei all ihrer Behäbigkeit stark verbesserten Wiener Linien zum Öffi-"Boom" beigetragen - der kein wienerisches Phänomen ist. Wer einmal in London erlebt hat, was los ist, wenn man an einem Tag zum Flughafen muss, an dem die Underground streikt, begreift, dass der öffentliche Verkehr das Auto teilweise überrundet hat. Wobei es natürlich immer noch genügend Menschen gibt, die ihren Flitzer überall hin mitnehmen.
Wie auch immer: Die U-Bahn, die öffentlichen Verkehrsmittel sind überlastet. Mit dem Schnee hat das nichts zu tun, auch wenn die Witterungsverhältnisse fortwährend bemüht werden. Die Überlastung dürfte auch ein Grund sein für die ständigen Verspätungen, speziell zu Stoßzeiten.
Da bricht dann so richtig das goldene Wiener-Linien-Herz durch, wenn der Fahrer die in die Wagons drängenden Passagiere übers Mikro anherrscht: "Treten Sie sofort zurück, so kommen wir nie weiter!" Solch obrigkeitliche Mentalität zeigt sich auch in den Kampagnen gegen Schwarzfahrer und Raucher: "Schmähstad", weil ohne Fahrkarte angetroffen? Jetzt gibt's "Bröseln": 60 Euro Strafe. Und dem Grinser mit Tschick wird das Lachen auch noch vergehen: 40 €.
Die Wiener sind nicht nur leicht erregbar, sie vernadern auch gern. Da drückt ein Herr auf den Notruf, um zu melden, dass geraucht wird. "Das werden wir gleich haben!", verspricht eine freundliche Stimme. Wird jetzt der Delinquent gejagt? Nein, es ertönt nur das Tonband: Rauchen untersagt.
Was tatsächlich wichtiger wird: Sicherheit. Sie ist in Wien im Vergleich zu anderen Großstädten noch immer relativ groß. Polizei, U-Bahn-Aufsicht sind präsenter geworden, scheinen aber hauptsächlich mit "lichtscheuen Elementen" beschäftigt. Manche finden das gut, andere regt es auf. Schließlich ist die Bettelei, ob organisiert oder nicht, auch ein soziales Problem.
Der Wiener "Silberpfeil" war einst ein Sympathieträger. Bald wird es ihn nicht mehr geben, wenn die neuen durchgehenden Garnituren die Massen umverteilen und die Wagons ersetzen. Auf fahrerlose Züge wird Wien anders als Paris verzichten. Schon lang kann man nicht mehr mit dem Schaffner tratschen. Aber wenn jetzt auch noch, wenn der Zug im Tunnel steht, von fernher womöglich eine Computer-Stimme irgend was von einer Betriebsstörung faselt, wäre das der Stimmung kaum förderlich.
Ist auch der öffentliche Verkehr entzaubert, dieses so enorm vielfältige und gleichzeitig gleichmacherische Biotop, in dem wie auf Flughäfen aus wichtigen und "unwichtigen" Menschen eine Masse Wartender wird? Klar, der (öffentliche) Verkehr ist entzaubert und mit ihm verwelkt ein wesentliches Versprechen der Moderne: Mobilität für alle, jederzeit, überallhin. Was bleibt: Mobilität, das verdammte Unvermeidliche.