Staatenlos: Endstation Flughafen

Endstation Flughafen
Endstation Flughafen(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wer ohne Erlaubnis, in Österreich einzureisen, in Schwechat landet, bleibt im Transitbereich. Manche Asylwerber leben dort Wochen. Untertauchen auf dem Airport gebe es aber nicht.

Wo ist Edward Snowden? Versteckt er sich in Schwechat auf dem Rollfeld? Im Transitbereich? Was vorige Woche für viele Spekulationen und noch mehr müde Scherze gesorgt hat, das beantwortet man auf dem Flughafen klar: hier? „Ganz sicher nicht“, sagt Omar Haijawi-Pirchner. Er muss es wissen, schließlich ist der junge Oberstleutnant für das Referat III bei der Polizei-Schwechat verantwortlich: Für grenz- und fremdenpolizeiliche Angelegenheiten. Also auch für all jene Menschen, die in Schwechat landen, aber nicht in Österreich einreisen dürfen.

Und es sind Dutzende Menschen, die jeden Monat in der staatenlosen Zone, im Transit, stranden. Die Reise von Geschäftsleuten mit Visa-Problemen endet dort genauso wie die von Asylwerbern. 427 Menschen sind heuer schon in Schwechat gelandet und haben auf dem Flughafen einen Antrag auf Asyl gestellt. Die meisten werden in die Erstaufnahmestelle Traiskirchen gebracht. Einige aber bleiben für Wochen auf dem Airport. Bei rund 20 bis 30 Prozent dieser Asylwerber, schätzt Ulrich Kienast, Teamleiter der Caritas am Airport, wird ein „Flughafenverfahren“ eingeleitet.

Endstation "Objekt 800"

„Häufig ist das bei indischen oder ägyptischen Asylwerbern.“ Bei solchen, bei denen die Chancen auf Asyl nicht besonders groß seien. Dann endet die Reise im „Objekt 800“. Einem schmucklosen Bau hinter einem schweren Tor, auf der Mauer um den Hof sind scharfe Eisendornen montiert. Der „Sondertransitraum“ – genannt SOT. Aktuell leben dort elf Menschen auf zwei Etagen. Meist, so Haijawi-Pirchner, seien es sieben bis 15. Platz wäre für knapp 40. Maximal sechs Wochen dürfen Asylwerber dort untergebracht sein. Ist ihr Verfahren dann nicht entschieden, reisen sie ein und kommen nach Traiskirchen. „Es sind vielleicht ein, zwei Dutzend im Jahr, die auf dem Flughafen untergebracht werden und direkt zurückfliegen müssen“, sagt Kienast. Die Mitarbeiter der Caritas betreuen die Asylwerber dort, versuchen während der Wochen des Wartens eine Art Alltag auf dem Flughafen zu gestalten. Einige Male sind Asylwerber schon aus dem „SOT“ ausgebrochen, auch für Demonstrationen hat dieser schon gesorgt. Grundsätzlich, so Haijawi-Pirchner, sei die Zusammenarbeit zwischen Caritas, Behörden und Asylwerbern aber gut. Kienast sagt Ähnliches. Nur aktuell gibt es einen Konflikt, wann die Terrassentür geöffnet und damit gelüftet werden darf.

Aber, nicht nur Asylwerber stranden in Schwechat. Kienast und sein Team betreuen Passagiere, die Papiere oder Tickets verlieren, oder jene, die Opfer von Betrügern wurden, Auslandsösterreicher, deren Repatriierung Probleme bereitet. Meist können diese aber binnen weniger Stunden ein- oder weiterreisen. Nur manche bleiben in einem zweiten speziellen Transitbereich, in der „Zurückweisezone“. Dorthin werden jene gebracht, die nicht einreisen dürfen, aber keinen Asylantrag stellen. Geschäftsleute, bei denen etwas mit dem Visum nicht geklappt hat. Manch einer mit fernem Rückreiseziel muss tagelang bleiben. Dafür gibt es Duschen und Betten. 120 wurden während der Schneestürme vorigen Winter aufgestellt, als hunderte Menschen festsaßen.

Und die Caritas fürchtet, dass nicht jeder rechtmäßig in der Zurückweisezone landet. Kienast deutet an, mancher Asylwerber werde zurückgeschickt, bevor er deutlich machen kann, dass er Asyl will. Haijawi-Pirchner weist das klar zurück: Jeder Kollege wisse genau, was zu tun sei, hört er das Wort „Asyl“.

Kein „U-Boot“ im Transit

Er schließt auch aus, dass im Transitbereich „U-Boote“ leben. Wie Viktor Navorski im Film „Terminal“, der mit ungültigen Papieren in New York landet, weder ein- noch zurückreisen kann und Monate auf dem Flughafen JFK lebt. Wie dessen vage Filmvorlage, der Iraner Mehran Karimi Nasseri, der von 1988 bis 2006 in Paris Charles de Gaulle lebte. Oder wie der chinesische Menschenrechtler Feng Zhenghu, der 2009 bis 2010 im Einwanderungsbereich von Tokio-Narita campierte. In Schwechat? „Sicher nicht“, sagt Haijawi-Pirchner. Bleibe jemand Tage im Transitbereich, falle das den Beamten auf. „So etwas“, sagt auch Kienast, „haben wir noch nie erlebt.“

Monate in der Ankunftshalle

Er erzählt von einem ähnlichen Fall. Vor Jahren sei ein Deutscher in Wien gelandet. Sichtlich verwirrt erzählte er Mitarbeitern der Caritas, er warte auf ein Ticket, das ihm sein Bruder aus Saudiarabien schicken werde. Schließlich lebte der Mann zwei Monate im Terminal, wurde von der Caritas mit dem Nötigsten versorgt. Nachdem klar war, dass das Ticket nie eintreffen würde, er psychiatrisch untersucht worden war, wurde der Rollstuhlfahrer in einem Pflegeheim untergebracht.

Menschen mit psychosozialen Problemen, viele davon Obdachlose, würden der Caritas immer wieder auffallen, sagt Kienast. Vorigen Winter seien rund 20 Obdachlose zum Übernachten zum Flughafen gekommen. Solange sie nicht tagelang bleiben, würde das geduldet.

Und wo wäre Snowden gelandet, wäre er an Bord der Maschine des bolivianischen Präsidenten gewesen? „Würde er behandelt wie jeder, der einen Asylantrag stellt, dann hier bei uns oder in Traiskirchen“, sagt Kienast. In der Realität wohl nicht. „Er ist ein Hochpolitikum“, so Haijawi-Pirchner. Auch mit dem Flieger von Evo Morales hatte die Flughafenpolizei nichts zu tun, da seien sofort die Kollegen vom BVT, dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, angerückt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2013)

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