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Street Art für Kinderbücher

(c) EPA (DANIEL KARMANN)
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Im Designforum ist die erste Ausstellung über Illustrationen für Kinder zu sehen. Sie zeigt, dass dabei digitale Techniken Seltenheitswert haben - noch.

Es hat eine gewisse Ironie. Ausgerechnet jene Menschen, die mit der digitalen Welt aufwachsen, sind die Letzten, für die ebendiese Technik eingesetzt wird. Denn geht es um das klassische Kinderbuch, sieht das oft so aus wie jenes unserer Eltern oder Großeltern. Freundliche Tiere, möglichst realitätsnah, die ein oder andere an Sisi erinnernde historische Figur und – immerhin sollen die Kinder auch etwas davon haben – ein paar Lausbuben. Und all das hübsch gezeichnet, mithilfe von Acryl, Tusche oder Aquarell. Natürlich, solche traditionellen Illustrationen haben durchaus ihre Berechtigung. Aber warum in einer Zeit, in der Dreijährige ihren Eltern das Smartphone erklären, diese ausgerechnet von digitalen Figuren und Comics in Bilderbüchern verschont werden sollen, bleibt eine offene Frage.

Aber immerhin, es tut sich etwas. „Digitale Techniken sind für Bilderbücher schon etwas Neues. Erst in den letzten fünf Jahren sind solche Dinge aufgetaucht“, sagt Illustratorin Susanne Riha, die die Ausstellung „Illustration im Bilderbuch – Kommunikation auf Augenhöhe“ im Designforum im Wiener Museumsquartier kuratiert hat. Auch wenn dort vorwiegend traditionelle Arbeiten zu sehen sind, haben sich doch auch ein paar mit modernerem, jüngerem Ansatz gefunden. Riha, die offen zugibt, dass sie damit wenig anfangen kann – „mich erinnert das an die 1950er-Jahre, da gab es nur minimalistische Strichmanderl, schrecklich“ – hat dennoch ein paar Newcomer ins Programm genommen.


Kindlicher Zugang. So etwa die Grafikerin und Illustratorin Eva Rudofsky, die sich mit ihrem Label Totally Dare auf Vektorillustrationen spezialisiert hat. „Die kommen ursprünglich aus der Infografik und werden vor allem für Logos verwendet“, sagt Rudofsky. Genau genommen handelt es sich dabei um eine Computergrafik, die aus grafischen Primitiven, also Geraden, Kurven, Kreisen oder Ähnlichem besteht. „Das Ganze ist sehr flach, deshalb braucht es viel Arbeit und Gefühl dafür.“ Rudofsky, die ein offensichtliches Faible für die Farbe Rot hat, ist in der Ausstellung mit den Arbeiten „Tagträume“ und „Nachtträume“ zu sehen.

Dass sie bei ihrer Arbeit auf neuere Techniken setzt, hat nicht nur damit zu tun, dass sie diese selbst spannender findet. „Ich orientiere mich stark an Street Art. Ich finde, das ist eine sehr kindliche Zugangsweise, man muss nicht immer belehrend sein.“ Wobei sie gern genauso Probleme aus dem kindlichen Alltag thematisiert, aber eben auch bildlich auf deren Ebene und nicht aus einer „erwachsenen“ Sicht.

Ähnlich arbeitet ihr Kollege Paulo Tosold. „Ich bin noch ganz neu in der Geschichte“, sagt der aus Brasilien stammende Illustrator, der unter dem Label Cute Illustration arbeitet. Zum Kinderbuch ist er über Umwege gekommen – genau genommen über eine betagte Dame. „Das war eine komische Geschichte. Die Autorin ist eine nette, alte Dame, die für ihre Enkelkinder Geschichten erzählt. Sie wollte ein Buch daraus machen und durch Zufall ist sie auf mich gestoßen. Anfangs dachte ich, ,nicht schon wieder‘, das wollen ja viele und nur ganz wenige sind gut, aber die ist wirklich gut.“ Mittlerweile produzieren die beiden schon ein zweites Buch. Nebenbei arbeitet Tosold aber auch an einem iPad- und E-Book- sowie an einem ganz klassischen Anziehpuppen-Projekt. „Ich experimentier gern mit verschiedenen Techniken und will alle Möglichkeiten ausreizen.“ Auch ihm geht es aber in erster Linie um die Gefühlsebene, die er bei Kindern (und natürlich auch Erwachsenen, die ja meist die Bücher kaufen) ansprechen will.


Mutige Kinder, scheue Verlage. Er beklagt genauso wie Rudofsky, dass hierzulande noch recht wenige Verlage bereit sind, sich auf neue Techniken und digitale Illustrationen einzulassen. „In England ist man da viel mutiger, bei uns gibt es nur ein paar wenige Ausnahmen, die so etwas gerne nehmen, wie etwa den Luftschacht Verlag“, sagt Rudofsky, die aber auch beteuert, Verständnis für die Vorsicht der Verlage wegen des (finanziellen) Risikos zu haben.

Kinder dürften da wesentlich weniger scheu sein. Immerhin wachsen sie ja – auch auf dem Land – meist in einem technisierten Umfeld auf und werden mit Computergrafiken groß. Das bedeutet zwar nicht, dass die klassisch gezeichneten Tierdarstellungen nicht mehr gefragt sind – aber eben nicht nur. Denn gerade für Aliens und Monster haben die Kleinen offenbar viel übrig. „Die können sich darin richtig vertiefen und verlieren“, sagt Rudofsky, die gerne Ufos und Außerirdische in ihren Büchern und Arbeiten vorkommen lässt.

Sie selbst ist übrigens über eine – im Vergleich zu ihrem Kollegen Tosold – wesentlich jüngere Dame zu den Kinderbuchillustrationen gekommen. Genau genommen war es ihre Tochter. „In der Karenz hat man viel Zeit und man beschäftigt sich natürlich viel mit Kindern, also hab ich begonnen, Kinderbuchillustrationen zu machen und meine Leidenschaft dafür entdeckt“, sagt Rudofsky, die davor zehn Jahre lang in England als Grafikerin gearbeitet hat. Dass offenbar auch sie mit klassischen Kinderbüchern aufwuchs, macht ein Blick in ihr erstes Kinderbuch deutlich. „Der Wiesenwurmturm“ kommt noch brav gezeichnet daher. Ganz anders sieht da der Nachfolger „Von Stern zu Stern“ oder „Extra Terrestrial“, ein Bilderbuch für Erwachsene, aus. Zwar sind Letztere nicht unbedingt mit der digitalen Technik aufgewachsen, aber mittlerweile dürften auch sie damit vertraut sein.

Illustration im Bilderbuch

Die Illustratorengemeinschaft Illustria zeigt in der Ausstellung „Illustration im Bilderbuch – Kommunikation auf Augenhöhe“ Arbeiten heimischer Künstler, darunter bereits etablierter und ausgezeichneter Illustratoren wie Lisbeth Zwerger, Erwin Moser, Susanne Riha oder Winfried Opgenoort, aber auch von Newcomern wie Eva Rudofsky oder Paulo Tosold. Die Ausstellung läuft noch bis 25. August (Mo bis Fr 10-18 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr) im Designforum Wien (Museumsquartier, 1070 Wien).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2013)