Nicht nur die fünf Preisträger des Wettbewerbs freuten sich über die Ankündigung der Fortführung der Veranstaltung, sondern auch Jury und Publikum. Der Hauptpreis ging an Katja Petrowskaja.
Das war er also, der zum letzten hochstilisierte 37.Bachmann-Wettbewerb. Falls wer daran gezweifelt haben sollte: Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ wird es weiterhin geben. Das verkündete der eigens angereiste ORF-Chef Alexander Wrabetz bei der Preisverleihung. Mit gönnerhafter Geste verlautbarte er vor versammeltem Publikum: „Der Bachmann-Preis bleibt. Bleibt in Klagenfurt, im Fernsehen, in 3sat, im Internet.“ Damit ist das Wettlesen um eine reale Aufregung reicher und um eine fiktive ärmer.
Immerhin wurde der literarisch aufregendste Text mit dem Hauptpreis prämiert: Katja Petrowskajas Romanauszug mit dem Titel „Vielleicht Esther“ überzeugte Publikum und Jury auf Anhieb. Zum dritten Mal gewinnt damit eine Autorin slawischer Muttersprache bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“. Der Bachmann-Preis gilt als Indikator für den Zustand der Literatur im deutschsprachigen Raum. Lässt man die Bewerbe der letzten Jahre Revue passieren, ist eine gewisse Müdigkeit der Muttersprachler unverkennbar. Die Impulse gehen von Migranten aus.
Petrowskajas Romanauszug mit dem Titel „Vielleicht Esther“ erzählt die Geschichte einer „Babuschka“, einer gehbehinderten Urgroßmutter, die sich 1941 in dem von den Nazis besetzten Kiew zu jenem Sammelplatz aufmacht, zu dem die Besatzer die jüdische Bevölkerung hinbefohlen hatten. Geschichten über die Nazi-Gräuel gibt es inzwischen unzählige. Das Raffinierte an Petrowskajas Text ist, dass von der Großmutter nur eine Fotografie und die Erinnerung des Vaters der Erzählerin zurückgeblieben ist. Die Autorin will literarisch kenntlich machen, dass jede Erinnerung eine Konstruktion ist, dass selbst authentische Zeugen nicht garantieren können, dass etwas wirklich so gewesen ist. Der Vater wurde gerettet. „Allein die Vermutung, dass dieser kleine Junge durch eine zufällige, sei es sogar fiktive Verkettung von Umständen – stellen Sie sich das einmal vor – in Kiew hätte bleiben müssen, stellt meine Existenz infrage.“ Hier wird, so wie es unser Gehirn auch tut, mit Realität und Fiktion gespielt. Nicht verwunderlich, dass es keines Stechens zur Kür der Preisträgerin bedurfte.
Verena Güntners perfekte Rollenprosa
Der seit 2002 von der Kelag gespendete Preis ging an die 1978 in Ulm geborene Verena Güntner für ihr Romankapitel „Es bringen“. Die Geschichte eines 16-Jährigen, der in sein Inneres sehen möchte, ist als klassische Rollenprosa angelegt. „Dass ich nicht weiß, wie mein Kuttel-Knochen-Bereich aussieht, dafür hab ich null Akzeptanz.“ Die Sprache gibt die Pseudo-Coolness eines heutigen Pubertären perfekt wieder. Unruhig wird der junge Mann, als er auf ein sehr nettes, aber auch sehr dickes Mädchen trifft: „Ich war mir nicht sicher, was genau ich noch mal wollen sollte.“ Vielleicht ist diese Story typisch für die derzeitige deutschsprachige Literatur. Perfekt gemacht, aber – wie Juryvorsitzender Burkhard Spinnen anmerkte – „man hat so etwas schon hundertmal gelesen“. Trotzdem erhielt die Autorin, wie gerüchteweise zu hören war, für den bald erscheinenden Roman einen Vorschuss in einem mittleren fünfstelligen Eurobetrag. Mit einem Preis für den von Hubert Winkels in ungewöhnlicher Weise für das Wettlesen mit einem Text beauftragten Benjamin Maack war zu rechnen. Beim Stechen um den 3sat-Preis war es so weit: 7500 Euro gingen an ihn. Auch hier geht es um eine Adoleszenz, diesfalls um jene des Dr. Mabuse, wie Neojuror Juri Steiner sagte. „Mit den Käfern an Kathrin“ könnte die Geschichte heißen. Dass man mit einem Glas voller Riesenbockkäfer, die einander halb aufgefressen haben, ein Mädchen beeindruckt, kann nur der Fantasie eines bösen Kindes entspringen. Maacks Text ist im Gegensatz zu Güntners nicht so glatt gestrickt. Er ist doppelbödiger und spielerischer.
Man kann ihn auch als Endzeitgeschichte lesen. Er verbindet die Hauptthemen des diesjährigen Wettbewerbs: Adoleszenz und abgesagte Apokalypse. Heinz Helles Held ist ein seelenloser Mensch. Das Setting im Text des Gewinners des Ernst-Willner-Preises erinnert an das Wettlesen von 2011, als Leif Randt die Geschichte vom „Schimmernden Dunst über Coby County“ las. Damals herrschte eine gewisse Ratlosigkeit in der Jury über das schimmernde Glück im totalen Ennui. Diesmal wusste das Richtergremium die Endzeitfantasie über die Gefühllosigkeit eines postmodernen „Mannes ohne Eigenschaften“ besser einzuschätzen.
In Nadine Kegeles Text „Scherben schlucken“ ist die Protagonistin schwanger, von einem Architekten, der das Kind aber nicht haben will. Die Geschichte der Bludenzerin gab der Jury Rätsel auf, überzeugte aber das Internetpublikum. Ihr wurde deshalb per Internetabstimmung der Publikumspreis zugesprochen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2013)