Der US-Historiker Michael G. Kammen über das Zeitgemäße des Amerika-Reisenden Alexis de Tocqueville (1805-1859).
Der offizielle Grund für Alexis de Tocquevilles Amerika-Reise 1830 war, sich das Gefängnis-System der USA anzusehen. Wie würde er es wohl heute beschrieben? Michael Kammen, Historiker an der Cornell University in New York State meint, dass der französische Adelige, der sich in seinem Buch Über die Demokratie in Amerika als Fan der neuen Welt entpuppte, heute wahrscheinlich entsetzt wäre. "Sogar abgesehen von Guantanamo sind die Zustände arg. Die Gefängnisse sind überbelegt. Wer etwa in New York drei Mal reinkommt, erhält dann lebenslänglich, etwa für Drogenvergehen. In Tocquevilles Zeit hat man kaum Geld für Gefängnisse gehabt, wenige wurden eingesperrt. 1970, 1980, 1990 begegnete man dem Problem der Kriminalität mit dem Slogan: Sperrt sie ein und werft den Schlüssel weg!"
Tocqueville war über die Freiheit in dem jungen Staat, der so wie Frankreich eine große Revolution hinter sich hatte, entzückt. Sind die USA heute noch ein derart freies Land? Kammen: "Ja. Tocqueville hat die Revolution gefürchtet, seine Familie litt darunter. Er wäre über den Terror heute wahrscheinlich entsetzt, doch Bedenken hätte er sicherlich auch wegen des Patriot Act, der die Bürgerrechte einschränkt." Kammen macht sich darüber Sorgen, dass die Regierung prüfen kann, welche Lektüre sich der einzelne Bürger aus Bibliotheken ausleiht. "Es gibt Überwachung, aber im Großen und Ganzen sind wir noch ein sehr freies Land. Die Leute tolerieren mehrheitlich, dass sie von der Regierung durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden. Es muss eine Balance geben. Mir persönlich gehen einzelne Schritte schon zu weit."
Tocqueville meinte, dass sich die USA niedrige Steuern leisten könnten, weil es keine starke Armee brauche. Warum hat sie diese entgegen seinem Rat? Kammen: "Neben dem Sicherheitsbedürfnis fühlt man sich als einzige Supermacht verpflichtet, in Konflikten weltweit einzugreifen." Was hält er von der simplen These, dass es sich um Imperialismus handle, wie etwa Noam Chomsky behauptet? "Er ist hochinteressant, aber überhaupt nicht repräsentativ. Nicht einmal vor 30 Jahren war das der Fall. Es ging immer um nationales Interesse. Seit drei Jahren allerdings wird der Begriff Imperialismus bei uns inflationär verwendet."
Zurzeit reist der französische Intellektuelle Bernard Henry-Levy auf den Spuren Tocquevilles durch die USA. Was hält der Tocqueville-Forscher von diesem Déjà-vu? "Spannend, voller Vorurteile, aber kein Tocqueville. Er ist in diesem ersten Text - es kommen ja noch vier Teile - nur ein Journalist. Sehr oberflächlich. Wie kann nur man Buffalo als Ödland bezeichnen, Detroit, Chicago? Die beste Stelle im Essay ist, als Levy öffentlich urinieren will. Ein Polizist will ihn daran hindern. Levy pocht darauf, dass er als Europäer diese Freiheit habe. ,Es ist gegen das Gesetz', sagt der Polizist, lässt das Vergehen aber zu, als er erfährt, dass der Franzose über Tocqueville schreibt. Man stelle sich das vor: Ein Cop, der Tocqueville kennt und schätzt und ein Auge zudrückt!"
Die Amerikaner, sagt Kammen, mögen den Franzosen, weil er ihr Land so positiv sieht. Was ist für ihn bei Tocqueville noch gültig? "Er war prophetisch, was die Rolle der USA und Russlands von 1950 bis 1985 betrifft. Er sah die Supermächte voraus. Das war für 1835 sehr weit blickend. Das Wort Individualismus fand durch ihn in den amerikanischen Wortschatz. Er hat auch befürchtet, dass diese Tugend des Individualismus in den Rückzug ins Private degenerieren könnte. Das ist heute eine Gefahr, ein soziales Problem, das er voraussah."
Wo lag Tocqueville falsch? "Er hat nicht viel von Politik verstanden. Der Machtkampf hat ihn nicht interessiert. Ihm ging es um die Verwaltung, um die öffentliche Meinung, um freiwillige Organisationen, nicht so sehr um Amerika als um die Demokratie, um ein stabiles Europa." Sein Hauptwerk Demokratie in Amerika werde heute von Neokonservativen benutzt. "Präsident Bush hat Tocqueville neulich zitiert - als Argument für die Wichtigkeit der Religion."