USA: "Weihnachten ist unter Beschuss"

Große christliche Lobbys bekämpfen eine angebliche "Verschwörung": Selbst Bush sei beteiligt.

Wo ist Weihnachten geblieben? In der traditionellen Grußkarte des US-Präsidenten zu diesem Frie densfest, die an 1,4 Millionen Freunde verschickt wurde, wünscht George W. Bush heuer "eine Feiertagszeit mit Hoffnung und Glück". Das Wort "Christmas" (oder "X-Mas") fehlt, und das wurde von manchen Lobbying-Gruppen wie eine Kriegserklärung aufgefasst. Die Katholische Liga etwa oder die American Family Association, die sich für gewöhnlich der Unterstützung des Präsidenten erfreut, sieht darin einen weiteren Beweis dafür, dass es ihn, allen Ungläubigen zum Trotz, gibt: den "Krieg gegen Weihnachten". Dieser bestehe auch darin, dass aus Gründen der Political Correctness in Geschäften das "Merry Christmas" durch "Happy Holiday" ersetzt, Christbäume in "Geschenk-" oder "Ferienbäume" umbenannt, Krippen aus öffentlichen Schulen verwiesen werden.

"Der Krieg gegen Weihnachten", prangt es seit Oktober auch in schwarzen Lettern auf dem blutroten Grund eines Buchcovers. "Wie ein heroischer Streiter" müsse Weihnachten allein im Kreuzfeuer ausharren, beklagt Autor John Gibson: "Weihnachten ist unter Beschuss, so beharrlich und organisiert, dass es sich zweifellos um einen Krieg handelt." Das Ziel sei die Abschaffung von Weihnachten. Ein Auftritt Mister Gibsons im Bush-freundlichen "FoxNews" katapultierte das Buch bei Internet-Anbieter "Amazon" flugs auf Platz 20 der Verkaufscharts. Sicher nicht zuletzt dank der beharrlichen Informations-Arbeit, die der Moderator der TV-Show, Bill O'Reilly, schon im Vorjahr geleistet hatte. Heuer widmete er einen Teil seiner Sendung dem Thema "Weihnachten im Belagerungszustand" und präsentierte im November eine "Ermittlung" gegen Kaufhäuser, die nicht die Worte "Merry Christmas" verwenden.

Zwar warnte der Papst erst kürzlich vor der "Verschmutzung" des Weihnachtsfestes durch den Kommerz, und auch den US-Amerikanern macht die Kommerzialisierung von Weihnachten einer Studie zufolge mehr Sorgen als das Verschwinden christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum. Doch Amerikas große christliche Lobbying-Gruppen haben längst ihre eigene Agenda. Anders als Jesus, der noch die Händler aus dem Tempelhof warf, wollen sie eine enge Verquickung des Christfestes mit dem Kommerz. Weil die Verkäufer von Wal-Mart, der weltweit größten Einzelhandelskette, den Kunden "Happy Holiday" wünschten, rief die American Family Association zum Boykott auf. Mit Erfolg, denn seit wenigen Tagen wird bei Wal-Mart wieder mit "Merry Christmas" gegrüßt.

Vielleicht aber hatte dem Konzern auch nur eine Mitte Dezember präsentierte Studie ("Pew Research Center for the People & the Press") zu denken gegeben. Ihr zufolge bevorzugen 60 Prozent der Konsumenten persönlich den religiösen Gruß. Das kann auch der McDonald's-Betreiber in Raleigh/
North Carolina bestätigen, der in diesem Advent mit dem Slogan "Merry Christmas, Jesus is the Reason for the Season!" warb. Viele Gruppen seien allein wegen des Plakats gekommen, frohlockte er. Eine Dame allerdings fühlte sich in ihrem jüdischen Glauben beleidigt und beschwerte sich bei der McDonald's-Zentrale. Vergeblich.

John Gibson stellt in seinem Buch auch klar, wer für ihn die "Rädelsführer" des Weihnachtskriegs sind: "eine Clique aus Säkularisten, so genannten Humanisten, Anwälten, kulturellen Relativisten und liberalen, schuldzerfressenen Christen - nicht nur Juden". Letztere Einschränkung hätte der Großindustrielle Henry Ford nicht gelten lassen. "Die ganze Bandbreite des jüdischen Widerstandes gegen Weihnachten, Ostern und andere christliche Festtage zeigt das Gift und die Geradlinigkeit ihrer Attacke", schrieb der Autohersteller 1921 in seinem Traktat "Der Internationale Jude". Die Beispiele, die er lieferte, sind dieselben wie heute: etwa der Entschluss einer Universität, Weihnachtsbäume und Weihnachtslieder aus dem Feier-Programm zu streichen. Seitdem gelangt der Protest gegen die "Abschaffung von Weihnachten immer wieder auf die konservative Agenda. 1959 etwa warnte die John Birch Society, man plane, in den Kaufhäusern sämtliche religiöse Weihnachtsdekorationen durch "UN"-Symbole zu ersetzen.

An Munition fehlt es allerdings nicht: Tatsächlich wurden in den vergangenen Jahren in unzähligen US-amerikanischen Städten und Schulen Christbäume in "Freundschaftsbäume" oder "Geschenkbäume" umbenannt, Krippen verboten und entfernt. Es stimmt auch, dass die Anwälte der ACLU, der American Civil Liberty Union (der Erzfeind der Pro-Weihnachts-Lobby), gnadenlos und vielfach übereifrig überall eingreifen, wo die Trennung von Kirche und Staat gefährdet und eine Religion bevorzugt scheint. Eben diese Organisation verteidigte allerdings auch schon christliche Teenager, die der Schule verwiesen worden waren, weil sie Zuckerstäbchen mit religiösen Sprüchen verteilt hatten.

Hinzu kommt bei vielen Direktoren oder Bürgermeistern ein Missverständnis der US-amerikanischen Verfassung. Ihr zufolge gelten etwa Weihnachtsbäume als säkulare Symbole und sind daher in Schulen erlaubt. Auch Krippenszenen im öffentlichen Raum sind gestattet, allerdings nur, wenn sie gemeinsam mit weltlichen Symbolen oder solchen anderer Religionen auftreten. Es gibt keinerlei Verbot, in öffentlichen Schulen das Singen von Weihnachtsliedern oder das Verteilen von Weihnachtskarten zu verbieten oder von "Weihnachtsferien" zu sprechen.

Mittlerweile ist die "Konterrevolution" (Gibson) jedoch ohnehin auf dem Vormarsch. Eine Volksschule in Wisconsin musste die "glaubensgereinigte" Textfassung "Cold in the night" von "Silent Night", dem englischen "Stille Nacht", zu Gunsten des Originals vom Weihnachtsprogramm streichen, nachdem 150.000 Mitglieder der American Family Association protestiert hatten (laut Schulverwaltung steckte keine ideologische Absicht dahinter). Der "Holiday Tree", der seit Jahren auf dem Rasen vor dem Kapitol in Washington steht, wird heuer wieder offiziell "Christmas Tree" genannt werden.

Auch in Boston, wo auf der offiziellen Homepage der offizielle Weihnachtsbaum als "Holiday Tree" bezeichnet wurde, gab es eine Protestwelle. Um einen Konflikt vor Gericht zu vermeiden, kündigte Bürgermeister Thomas Menino darauf die Umbenennung in "Weihnachtsbaum" an. Und die Stadt Gilbertown im Bundesstaat Alabama verkündete kürzlich, man werde das städtische "WinterFest" (sic!) ab nächstem Jahr wieder "ChristmasFest" nennen und den gesamten Handel bitten, die Stadt mit Krippenszenen zu füllen.


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