Satire, Sex, Selbstmord: Erwin Steinhauer über Wolfgang Bauers "Change" - ab Sonntag im Volkstheater -, Fernsehen und Freiheit.
Künstlertum und Chaos: Das ist die Hülle für Wolfgang Bauers "Change", tatsächlich eine Satire auf den Kunstbetrieb. Wer die Hosen runterlässt, hat die Initiation bestanden. Schlosser Blasi Okopenko aus St. Pölten, begabter malerischer Autodidakt, begreift schnell, wie es läuft. Auch Bauer hat es begriffen. Sein 1969 am Volkstheater uraufgeführtes Stück wurde zum Skandalon. Funktioniert so etwas heute noch? "Die Aufreger sind gemildert", sagt Erwin Steinhauer, der den Blasi spielt: "Aber es bleibt ein wildes Stück, es wird auch eine eher wilde Aufführung. Blasi wird zum Monster. Der schüchterne Mann kommt in Wien in die richtige Kunst-Clique. Die wollen ihn aufbauen und dann in den Selbstmord treiben. Blasi durchschaut den Plan und dreht den Spieß um. Eine tolle österreichische Karriere, die uns sehr viel sagt über Manipulation."
Ist "Change" ein Schlüsselstück? "Eigentlich nicht. Der Reicher ist der Otto Breicha. Okopenko hat nichts mit dem Dichter zu tun, den hat Bauer so genannt wegen des Namens. Der Künstler, der die Hosen runtergelassen hat, war damals Hundertwasser. Vor Wiens Kulturstadträtin, die keineswegs entsetzt war wie der Minister im Stück, sie war eine gelassene Frau."
Die Sixties-Musik zu "Change" wurde modernisiert. Die Akteure sind älter als im Original: "Mal sehen, wie das auf die Jugend wirkt. Mich hat die Figur fasziniert." Schon einmal hat Steinhauer Bauer gespielt, der damals das erste und einzige Mal inszenierte: "Das war ,Herr Faust spielt Roulette', in den achtziger Jahren im Akademietheater."
Als Abgeordneter in "Trautmann", als Gendarm Polt und in der Serie "Brüder" hat Steinhauer zuletzt Fernseh-Popularität erlangt: "Das ist vorläufig vorbei. Im Herbst wird vielleicht noch ein Teil ,Brüder" gedreht, wenn es ein Budget gibt. Mir tut es nicht Leid. Ich war immer freier Schauspieler. Man verdient, wenn man arbeitet, sehr viel - und legt sich Geld beiseite für die Zeit, wenn man nicht arbeitet. Die Dauer-Mühle ist mir immer zuwider gewesen. Mich beschäftigen die Rollen zu sehr. Ich kann nicht tagsüber drehen und abends auf der Bühne stehen. Und ich brauche Zeit für mich, Nichtstun, Kinder, Bücher lesen." Mit Musical-Intendantin Kathrin Zechner hat Steinhauer einen fünfjährigen Sohn sowie zwei weitere Söhne aus seiner ersten Ehe.
Mit dem Kabarett-Programm "Freundschaft" tourt er ab 7. März wieder durch die Bundesländer, das Programm kommt im Mai neuerlich in den Wiener Rabenhof. In Reichenau spielt er heuer mit Martin Schwab und Toni Böhm in Thomas Bernhards "Alte Meister", in St. Pölten nächste Saison Moli¨res "Tartuffe". Das ehemalige Stadttheater wurde vom Land NÖ übernommen, neue Intendantin ist Isabella Suppanz, früher Dramaturgin im Theater in der Josefstadt.
Für dieses hat sich Steinhauer in den Achtzigern interessiert. "Karlheinz Hackl und ich haben einen gleich lautenden Brief vom damaligen kaufmännischen Geschäftsführer Robert Jungbluth: ,Lieber Freund, ich freue mich, die nächsten Jahre mit Dir als Direktor zu verbringen.'" Heute käme Direktor zu sein für Steinhauer nicht mehr in Frage: "Ich bin ein Kind, ich spiele wahnsinnig gern. Das Arrangement mit der Politik wird immer schwieriger, das kann ich nicht."
Als "Nestbeschmutzer" wurde Steinhauer von SP-Kreisen attackiert wegen des Programms "Freundschaft": "Sie haben sich sehr aufgeregt. Wir schaden der Bewegung, hat es geheißen. Ich komme ja aus einem sozialdemokratischen Haus. In den Sechzigern haben wir Schüler am Ring ,Ho-ho-ho-Tschi-Minh' skandiert. Aber Nestbeschmutzung? Das verstehe ich nicht. Ich bin einfach kritisch. Wenn ich mit dem Programm auf Tour gehe, dann sind da zu 85 Prozent sozialdemokratischen Funktionäre drin, die am Schluss mit mir reden wollen. Da sitzt man dann an der Hotelbar bis zwei Uhr früh und therapiert. Beklemmend."
Mit 32 Jahren war der heute 53-jährige Steinhauer am Burgtheater, er ging wieder weg: "Mein Vater hat das nicht verstanden. Mein Vater war überhaupt dagegen, dass ich Schauspieler werde: Erwin, hat er gesagt, wenn du mit 30 nicht so berühmt bist wie der Ossy Kolmann, dann lass es!"
"Change": Regie: Georg Schmiedleitner; u. a. mit Toni Böhm, Heinz Petters, Vorstellungen: 1. 3.-6. 3., 21. 3. 19.30h; 524-72-63/64