Hinterhäuser im Interview: Was uns bedroht

Über Salzburg, Lissner - und inszenierte Musik.

Die Presse: Was halten Sie von der Causa St©phane Lissner, der mit Jobs in Aix-en-Provence und Wien die Leitung der Scala übernommen hat? Was hätten Sie getan?

Markus Hinterhäuser: Ich finde, man muss abwarten, wie Lissner damit umgeht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es funktioniert, so viele Dinge auf einmal zu machen. Prinzipiell finde ich die Anhäufung von Intendanzen und Macht in einer Hand problematisch. Das erzeugt eine Monokultur und unterbindet Vielfalt. Es ist nicht gut, dass dieses Kunst-System immer mehr von ganz wenigen regiert wird. Koproduktionen sind okay in Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel. Aber die Macht-Konzentration, dass einer mehrere Posten besetzt, das halte ich für ästhetisch extrem problematisch.

Schostakowitsch, Stalinismus, Spiegelgrund, was ist da zu erwarten bei Christoph Marthalers Kreation "Schutz vor der Zukunft" bei den Festwochen, die Sie musikalisch begleiten?

Hinterhäuser: Weder ist es ein Stück über den Spiegelgrund noch über Schostakowitsch. Natürlich nehmen diese Themen im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe - einem Ort, der eine hohe Temperatur hat - Raum ein, aber die Aufführung geht weiter. Es geht um Zukunftsszenarien in Politik, Ökonomie, Genetik, die uns bedrohen, mit denen wir konfrontiert sind, die manipulativ in unser Leben eingreifen - mit allen problematischen, skurrilen Aspekten. Die Menschen leben in einem Kokon von Zivilisation, hoffen, dass er nicht zerbricht, er könnte aber zerbrechen.

Was wird man sehen?

Hinterhäuser: Das darf ich Ihnen nicht sagen. Sonst ist die Überraschung weg. Es geht um Selektion, damals wie heute. Das ist ja nicht aus der Welt. Das kommt wieder, was mit den Anforderungen an die Menschen zu tun hat: Sie haben gesund zu sein, zukunftsorientiert, dynamisch. Sie dürfen nicht rauchen. Alles wird dem Ökonomischen untergeordnet. Wenn man die Protokolle vom Kindermord am Spiegelgrund liest, gibt es auch da präzise Kostenrechnungen: Was kostet ein behindertes Kind? Heute ist es so, dass Firmen irgendwann sagen werden: Wir nehmen nur Leute, die genetisch sauber sind. Das funktioniert nach dem Prinzip, was gemacht wird, wird gemacht.

Woher stammt der Text?

Hinterhäuser: Den hat Stefanie Carp montiert aus historischen und erdachten Szenarien. Es gibt einen Text-Teil und es gibt Musik, Lieder, Chöre sowie Präludien, Fugen von Schostakowitsch. Sie sind paradigmatisch für die Situation eines Künstlers im Stalinismus, für eine extrem schmerzliche Entwicklung. Diese Werke sind die Weiche zu Schostakowitschs Spätwerk: 24 Präludien und Fugen, die sich an etwas orientieren, was ganz weit zurückliegt: Bach, die strengste, unangreifbarste musikalische Form, vielleicht auch eine Art von Schutz vor der Zukunft für Schostakowitsch. Introversion, Melancholie, Depression, Sarkasmus, aber auch den Zauber einer Kinderwelt voll Leichtigkeit strahlen diese strengen Geheimbotschaften aus. Sie erzählen davon, wie man in einem totalitären System seine Stimme erheben kann. Und wir wollen, dass am Schluss der ganze Raum schwingt von dieser Musik.

Marthaler spaltet das Publikum. Worin besteht das System Marthaler?

Hinterhäuser: Ich war ja sonst nur bei der "Schönen Müllerin" (Festwochen 2003) dabei. Ich würde sagen, das System Marthaler braucht Zeit, es hat eine große Geduld in der Beobachtung und Erfahrung von Situationen. Es ist ein anti-diktatorisches System. Meist gibt es eine große Fülle von Musik. "Schutz vor der Zukunft" wurde zum einen vorbereitet durch die Sichtung des historischen Materials, Texte, Protokolle lesen. Und zum anderen gab es die sehr intensive und lange Arbeit am Musikalischen. Bis Schauspieler einen A-Cappella-Chor singen können, das ist ein schwieriger Vorgang.

Sie wirken ja heuer auch bei Jan¡ceks "Tagebuch eines Verschollenen" in der Regie von Klaus Michael Grüber mit . . .

Hinterhäuser: Da kann ich noch nicht viel sagen, das entsteht erst. Das ist wie bei Schubert sehr stark mit der Biografie von Jan¡cek verbunden, dieser einfache Mensch vom Land, der sich in eine Zigeunerin verliebt und mit ihr ein Kind zeugt. Es geht um Leidenschaft zu einem Menschen, der außerhalb der Welt, auch der eigenen, steht. Ich finde es generell wunderbar, dass sich Regisseure mit Konzert-Literatur beschäftigen. Gerade Lieder sind etwas sehr Existenzielles. Das kommt nicht immer so rüber, wenn ein Sänger nur auf einem Podium steht. Ob Schubert oder Leonard Cohen, wir kennen diese Lieder in- und auswendig. Und es ist interessant zu erleben, was hört jetzt ein Regisseur? Was transportiert er damit? Wie bricht er unsere Hörgewohnheit auf?

Sie werden Konzert-Direktor der Salzburger Festspiele. Hat man da überhaupt viel Handlungsspielraum, es treten doch jedes Jahr mehr oder weniger dieselben Persönlichkeiten auf. Wieso ist denn Ihr Vorgänger Peter Schmidl so eilig wieder abgegangen?

Hinterhäuser: Ich glaube, Schmidl hatte andere Vorstellungen. Man hat nicht völlig freie Hand. Das stimmt. Aber man kann reden, sondieren, das tue ich jetzt. Ich möchte vor allem Sachen machen, die für Salzburg erdacht sind. Da sind auch große Künstler sehr offen. Mit Daniel Barenboim hatte ich ein wunderbares Gespräch. Salzburg braucht Kontinuität und Identifikationsfiguren, auch Komponisten. Mein Wunsch ist es, neue Musik herauszuführen aus den Spezial-Schienen. Wenn im Burgtheater Jelinek gespielt wird, findet das auch im regulären Programm statt. Niemand würde dem Leiter eines Theaters zumuten, dass er für Beckett eine eigene Programmlinie erfindet. John Cage, Morton Feldman haben ihre Musik zur gleichen Zeit geschrieben wie Beckett. Feldman ist Beckett in der Musik.

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