Der österreichische Künstler Dieter Zehentmayr erlag in der Nacht auf Dienstag in Wien einem Krebsleiden.
Ihm machte man nichts vor. Dieter Zehentmayr durchschaute rasch die barocken Schwächen der Obrigkeit, die kleinen der gewöhnlichen Menschen. Das Unglaubliche, das Komische quittierte er mit homerischem Gelächter. So muss man sich auch die Betrachter seiner wunderbaren Zeichnungen vorstellen: lächelnd. Die Ironie ergibt sich aus dem Detail - der Mensch ist gut, aber die Leut' sind schlecht, das enthüllte Zehentmayr, dieser so liebenswürdige Mensch, gnadenlos. Seinen Humor, der sich immer auch auf die eigene Person bezog, behielt er bis zuletzt, da klang sein Lachen schon sehr gequält, da machte er sich über den Tod lustig; er wolle wenigstens an einem ehrlich durch Rauchen verursachten Karzinom sterben, nicht durch eines, an dem Asbest schuld war. Dieter Zehentmayr (63) ist in Wien gestorben, wohin er nach Jahren in Berlin zurückgekehrt ist.
In Deutschland zählte er nach seinem Engagement bei der "Berliner Zeitung" 1997 und der "Financial Times Deutschland" rasch zur Elite der Karikaturisten, er war viele Jahre der am meisten nachgedruckte Zeichner in Magazinen wie "Focus" und "Spiegel". Aber damit hätte er sich niemals gebrüstet. "Er hat zu der Garde der Österreicher gehört, die in Deutschland ungeheuer erfolgreich waren - Murschetz, Haitzinger, Peichl, er hat Form und Inhalt beherrscht", sagt "Ironimus" Gustav Peichl, der ihn 1972 entdeckt hat: "Ich war zu Besuch beim Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten, man hat mir Zeichnungen von Zehentmayr gezeigt, einem kleinen, schüchternen, netten Burschen. ,Nehmt ihn sofort, der kann was!', habe ich gesagt." Es gebe sehr wenige, die gut zeichnen und zugleich politischen Instinkt haben, die das Verständnis haben, dies umzusetzen, meint Peichl. "Zehentmayr war ein politisch denkender Mensch, sein Tod ist mit Sicherheit ein großer Verlust für den editorial cartoon."
Dieter Zehentmayr, in Salzburg geboren, in Vorarlberg aufgewachsen, hatte den Blick fürs Detail. Er machte in Lustenau eine Lehre für Fotografie, arbeitete in diesem Beruf für Schweizer Zeitungen. Er war auch ein Geschichtenerzähler - und diese Momentaufnahmen, mit denen er die Lüge, das Verzopfte festhielt, setzte er auch zeichnerisch um, erst für die VN, für die Turiner La Stampa, bald für Die Neue und die Grazer Kleine Zeitung. 1988 wurde er vom Kurier engagiert, aus Berlin belieferte er ab 1997 auch den Standard mit seinem Spott.
Man kann gefahrlos sagen, dass all diese Blätter in ihrer politischen Kommentierung durch Zehentmayrs Karikaturen immens an Tiefe gewannen. Seine Lieblingssujets: Rechtsradikale, die Beamtenschaft, zeitgeistige Kanzler, alltägliche Sünder. Dieter Zehentmayr verstand es, das Böse und das Banale, das Schreckliche und das Niedrige beinahe versöhnlich aufzulösen im Grotesken und Skurrilen. Er hätte einen barocken Meister abgegeben. Wie treffsicher er war, zeigen seine Bücher. Zuletzt veröffentlichte er bei Ueberreuter die Werkschau "Strich darunter". Man will es nicht glauben, dass dies bereits der Schlussstrich war.