IOAN HOLENDER IM GESPRÄCH. Über seine Nachfolge, Dirigenten und Streit ums Geld.
Die Presse: Das Burgtheater-Nachfolge-Spiel hat schon begonnen. Wie sollte man Ihrer Meinung nach bei der Oper vorgehen?
Ioan Holender: Ich beende hier meine Tätigkeit mit Sicherheit 2010. Ende 2006 sind Wahlen. Sofort danach muss man meinen Nachfolger bestellen. Es wäre kein Fehler, es früher zu tun. Im Schauspiel sind die Vorlaufzeiten bei weitem nicht so lang wie in der Oper. Dreieinhalb bis viereinhalb Jahre vorher muss man es machen.
Gibt es Dinge, die Sie unbedingt noch realisieren wollen? Dirigenten, Inszenierungen.
Holender: Ich möchte auf jeden Fall die wichtigsten Dirigenten hier haben: Franz Welser-Möst wird fünf Neuproduktionen machen, den "Ring", das sind vier, und "Arabella", dazu ein Konzert und Repertoire-Vorstellungen. Welser-Möst ist ein kluger, pragmatischer, aber auch genial-kreativer Musiker, auf den ich meine restlichen Jahre baue . . .
Christian Thielemann, Jansons, Ozawa?
Holender: Thielemann tritt seltener auf als andere. Man darf ihn nicht drängen, sonst kommen Absagen. Er wird bis zum Ende meiner Zeit jede Ostern "Parsifal" dirigieren. Wir haben ein Japan-Gastspiel 2008 ("Meistersinger") mit ihm - und ich hoffe, auch noch eine Premiere in meiner letzten Saison. Riccardo Muti macht jede Spielzeit etwas hier. Mariss Jansons kommt, spät, aber doch. Simon Rattle dirigiert "Tristan". Ozawa bleibt Musikdirektor. Regisseur, Sänger, Dirigent, das ist die Dreifaltigkeit der Oper. Aber der Dirigent ist der Wichtigste.
Opern-Regisseure werden, wie mir scheint, öfter verdammt als jene im Sprechtheater.
Holender: Man soll nicht vergleichen. Es gibt zwei Arten von Publikum. Die einen wollen die Stücke sehen, wie sie sie schon einmal gesehen haben. Der Blick auf die Vergangenheit ist aber immer verklärt. Die anderen sehen die Stücke erstmals. Ob eine Geschichte modern oder mit bekannten Mitteln erzählt wird, ist egal, man muss sie glaubhaft und verständlich erzählen.
Welche Opern-Regisseure schätzen Sie?
Holender: Willy Decker, David Pountney, Peter Stein, Marco Arturo Marelli, Christine Mielitz. Das Problem ist die Dominanz der Regisseure. In deutschen Kritiken kommen Sänger und Dirigenten gar nicht mehr vor.
Würden Sie Schlingensief engagieren?
Holender: Ich bin nicht der Meinung, dass Schlingensief ein Regisseur ist. Er ist ein Aktionist. Regie ist ein Beruf mit viel Verantwortung - den man lernen muss.
Bei den Bundestheatern gab es zuletzt erhebliche Finanz-Streitigkeiten. Die staatliche Subvention reicht nicht. Burgtheater und Volksoper klagen. Sie haben einen Gewinn. Würden Sie den Kollegen etwas borgen?
Holender: Ich helfe, wenn ich helfen kann und es der Staatsoper nicht schadet. Außerdem brauche ich Rechtssicherheit, dass ich das Geld zurückbekomme, wenn ich es brauche. Die Begehrlichkeiten der Kollegen verstehe ich. Aber ich finde, man sollte sich auch mit den Ursachen befassen.
Die anderen geben mehr Geld aus als Sie?
Holender: Ich bin ein Groschen-Zähler. Dafür wurde ich belächelt und kritisiert. Neulich war ORF-Intendantin Monika Lindner hier, und als ich in der Küche das Licht abgedreht habe, sagte sie: ,Machen Sie das fürs Burgtheater?' Ein kluger Satz. Viele Groschen machen den Schilling - viele Cents den Euro. Ich habe die verschenkten Premieren abgeschafft. Wenn ein Bühnenbildner das Budget überzieht, dann sage ich ihm: Entweder bleiben die Kosten im Rahmen oder ich suche mir einen anderen Bühnenbildner. Es gibt eben eine Fülle von Maßnahmen, Möglichkeiten, um zu sparen.
Es ist immer die Rede vom armen Burgtheater, die größten Probleme hat aber die Volksoper, geleitet von Rudolf Berger, der immer wieder als ihr Nachfolger ins Gespräch gebracht wird. Was meinen Sie?
Holender: Ich glaube nicht, dass es jetzt schon Namen gibt, und wenn, würde ich sie nicht kommentieren. Zurück zu den Finanzen. Ich habe schon vor geraumer Zeit dem Staatssekretär (Morak) empfohlen, der Volksoper eine einmalige Überbrückungshilfe zu geben. Anders als die Staatsoper und das Burgtheater kann die Volksoper meiner Meinung nach wirklich untergehen. Es gibt dort eine echte Krise, verursacht durch die vorherige Direktion (Mentha). Berger ist ein Sanierer. Es ist noch nicht so weit, dass er Direktor sein kann. Die erste Spielzeit ging ganz gut. Aber es gibt eine Unsicherheit beim Publikum. Es ist sehr schwer, für die Volksoper neues Publikum zu finden. Ich hoffe, dass Berger die Kraft haben wird, die Volksoper hochzubringen.
Mit Burgtheater-Geschäftsführer Thomas Drozda gab es zuletzt einen handfesten Streit über die Budget-Aufteilung. Was ist jetzt?
Holender: Es ist ausgeschlossen, dass der Schlüssel geändert wird. Das wäre ein Rechtsbruch und außerdem könnte ich dann hier nicht weiterarbeiten. Ich bin überzeugt, vor 2007 gibt es kein zusätzliches Geld. Im Herbst 2006 wird gewählt, dann dauert es Monate, bis eine Regierung nominiert ist. Auf das hat man sich einzustellen. Ich verstehe außerdem überhaupt nicht, warum jetzt plötzlich die Aufteilung falsch ist. Jahrelang haben wir vom Burgtheater diesbezüglich nichts gehört.
Meinen Sie, das ist ein Politikum, das mit der SP-Nähe von Drozda zusammenhängt?
Holender: Ich meine gar nichts. Faktum ist, der kaufmännische Leiter des Burgtheaters hat damals in zwei Funktionen an der Ausgliederung der Bundestheater mitgewirkt. Als erster Sekretär des damaligen Kanzlers Viktor Klima und als designierter Geschäftsführer des Burgtheaters. Drozda kannte sich also aus und war mit dem Aufteilungsschlüssel einverstanden. Mich ärgert es, dass ich hier Stunden verbringen muss, um zu erklären, warum ich meinen Gewinn, das sind jetzt 5,6 Mio. Â, behalten will und muss. Während sich die anderen zurücklehnen und einfach sagen: ,Ich brauche.'
Die Staatsoper braucht langfristig auch Geld.
Holender: Natürlich ist es falsch, beschämend und bedauernswert, dass der Bund den Staatstheatern über Jahre nicht mehr gibt, wo man weiß, dass alles teurer wird. Man sollte wenigstens das Geld für die Bezugserhöhungen (Valorisierung) geben. Die Staatsoper braucht jetzt ihre Reserven auf, aber die Spielzeit 2007/08 kann ich nicht mehr mit der Basis-Finanzierung bestreiten. Die Lage ist umso ärgerlicher, als wir sehen, wie zum Beispiel die Stadt Wien zehn Mio. Â für ein Projekt von Peter Sellars zum Mozartjahr ausgibt, von dem man nicht einmal weiß, was es ist. Und weitere zehn Mio. Â für den Umbau des Theaters an der Wien, ferner Geld für Musicals und und und . . .
Für die Wiener Festwochen.
Holender: Die Wiener Festwochen waren einst unter Ulrich Baumgartner ein breit gefächertes Fest für die Stadt. Jetzt sind sie ein reiner Import-Betrieb. In der Oper entsteht - soweit ich weiß - kaum eine der Produktionen, die zu sehen sind, hier in der Stadt. Die Festwochen sind enorm teuer. Sie haben wenig Akzeptanz. Die Direktion ist sehr groß: Intendant, Schauspieldirektor, Musikdirektor. Es ist nicht meine Angelegenheit, aber ich wundere mich. Aber es ist nicht das Einzige, worüber ich mich wundere . . .