Interview. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny über Wahlkampf, Wünsche und Frustrationen.
Die Presse: Als Kulturstadtrat können Sie recht hohe Geldflüsse lenken. In was für innovative Kanäle fließen die Mittel?
Andreas Mailath-Pokorny: Ein relativ neuer Bereich sind die Creative Industries, also Mode, Design, innovative Projekte, die wir durch eine eigene Agentur "Departure" unterstützen. Neu ist auch ein Fördermodell für Neue Medien, das gemeinsam mit der Szene entwickelt wurde und ab nächstem Jahr wirksam wird. Weiters wäre zu nennen: der Gürtel mit seinen Lokalen und Kunstplätzen und die Innenstadt-Kinos, die mit städtischem Geld erhalten werden konnten.
Was ist Ihr Gesamtkonzept für Stadtkultur?
Mailath-Pokorny: Wien sollte seinen Weg als sogenannte 3-T-Stadt weiter gehen: Technologie, Toleranz und Talent nach der Theorie von Richard Florida. Die Kreativität einer Stadt ist ein wesentliches Standortmerkmal. In Wien sind 120.000 Menschen im Bereich der Creative Industries tätig, 14 Prozent der Beschäftigten, mit Wachstumsraten von sechs Prozent. Für diesen Bereich müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Neben der sogenannten Hochkultur.
Unlängst haben Sie die Entflechtung der Kultursubventionen von Bund und Land gefordert. Aus der Perspektive des Bundes muss das wie ein unsittlicher Antrag wirken.
Mailath-Pokorny: Ich habe nicht gesagt, dass ich mehr Geld aus dem Bundestopf haben will, sondern ich würde gerne als Stadt direkt darüber verfügen. Es fließt ja Bundesgeld auch nach Wien. Mein Vorschlag ist eine Vereinfachung. Der Bund soll sich auf das konzentrieren, wofür er laut Verfassung zuständig ist. Das sind seine Museen, Theater, Bibliotheken, Archive, Auslandskultur. Der kleinere Bereich ist die Bundeskunstförderung, 80 Millionen Euro, die auf die Länder aufgeteilt wird. Machen wir es doch einfach. Der Bund soll sich auf Kompetenzen konzentrieren, für die er zuständig ist.
Woher kommt ihr Unmut? Vom Streit um Bundesmittel für die Festwochen?
Mailath-Pokorny: Mein Unmut kommt daher, dass wir in Wien durch die Theaterreform erstmals Vierjahresverträge abgeschlossen haben und praktisch fünf Jahre im voraus planen. Beim Bund ist es leider nach wie vor so, dass viele Theater in Wien heute noch nicht wissen, ob sie für 2005 eine Förderung bekommen. Außerdem bekommen die Institutionen in Wien langsam aber sicher immer weniger Geld. Die Situation ist prekär.
Ihr Vorstoß ist reines Wunschdenken.
Mailath-Pokorny: Nein, denn das wurde bei Regierungsverhandlungen, bei denen die SPÖ dabei war, konkret angedacht.
Wenn man etwas will, muss man auch etwas geben. Was hätten Sie der ÖVP anzubieten?
Mailath-Pokorny: Dass wir eine grundsätzliche Neuorganisation der Auslandskultur mitmachen. Nötig wäre eine Organisationsform, die alle mit einschließt - Außenministerium, Wirtschaftskammer, Länder. Wien hat einige Büros, die sich mit Wirtschaft, aber auch mit Kulturpräsentation im Ausland beschäftigen, mit Fremdenverkehr. Da würde eine intelligente Koordination viel bringen. Die Kultur ist unsere Hauptressource und sie wird im Ausland von bemühten, braven, engagierten Diplomaten vertreten. Aber das ist einfach zu wenig. Ich wäre auch dafür, wieder ein großes Ministerium zu schaffen für Bildung und Kultur.
Wollen Sie Minister werden?
Mailath-Pokorny: Ich versuche das personenunabhängig durchzuspielen. Natürlich wäre es mir lieber, es würde ein Sozialdemokrat solch ein Ressort führen, aber das ist eine zu billige Diskussion, es geht um die Struktur.
Letzte Woche hat im Volkstheater die erste Saison von Direktor Schottenberg begonnen, mit dem roten Stern wie bei der Volksbühne Berlin. Ein neuer Linkstrend? Wie empfinden Sie das als Sozialdemokrat, als Heimholung?
Mailath-Pokorny: Ich freue mich sehr, dass Schottenberg nicht nur eine gute Übergabe von Emmy Werner gelungen ist, er legt auch ein ziemlich tolles Programm vor. Außerdem hat er mit Unterstützung der Stadt ein zusätzliches Theater in die Welt gesetzt, am Hundsturm, im fünften Bezirk, der nicht mit vielen Kulturinstitutionen gesegnet ist. Politisches Theater, das zeigt, wie die Dinge wirklich sind, ist immer linkes Theater.
In Deutschland ist in der SPD ein gewisser Linkstrend spürbar, eine Renaissance - wäre so etwas auch in Wien vorstellbar?
Mailath-Pokorny: Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die Entwicklung des Kapitalismus, schlägt sich auch in der Kunst nieder. Die zunehmende Individualisierung und Flexibilisierung der Menschen in diesem Wirtschaftssystem ist gesellschaftspolitisch ein Thema. Wien hat immer versucht, auch linke Gegenmodelle zu entwerfen.
Wird Ihnen beim Ronacher nicht manchmal schwindlig, weil der Ausbau sehr teuer ist?
Mailath-Pokorny: Wenn in Bregenz um 40 Mio.  das Festspielhaus ausgebaut werden kann und Applaus bekommt, wenn in Linz um 90 Mio.  ein Opernhaus gebaut, in Klagenfurt um 30 Mio.  das Landestheater erweitert, wenn das Außenministerium um 50 Millionen  umgebaut werden kann, ist der Ausbau eines Theaters in Wien noch allemal gerechtfertigt. Das ist ja kein Geld, das hinausgeschmissen wird, sondern an einem ganz zentralen Platz wird eine Bühne technisch so adaptiert, dass man sie auch tatsächlich für die weitere Zukunft bespielen kann. Ich wäre ein schlechter Kulturstadtrat, wenn ich ein solches Angebot ablehnte.
Es ist Wahlkampf und Sie schauen so erholt aus. Wie ist derzeit Ihr Tagesablauf?
Mailath-Pokorny: Ich beginne damit, dass ich in der Früh zu meinem Greißler gehe, die Frühsemmeln kaufe und die Morgenzeitung hole und dort bereits heftige politische Diskussionen führe und das auch den ganzen Tag lang tue bis hin zu den abendlichen Kulturterminen. Das ist das ureigenste Geschäft eines Politikers, und wem das nicht Spaß macht, der darf kein Politiker sein.