Das Krisenland Italien muss nach einer Herabstufung seiner Bonität höhere Zinsen zahlen. Die Regierung wehrt sich und will ihren wirtschaftspolitischen Kurs nicht ändern.
Wien/Höll/B.l./Ag. Die US-Ratingagentur Standard & Poor's hat die Bonität Italiens von „BBB+“ auf „BBB“ gesenkt. Damit liegt Österreichs Nachbarland nur noch zwei Stufen über dem „Ramsch“-Status. Als Grund nannte die Agentur die Wirtschaftsschwäche des Landes. Italien befindet sich in der längsten Rezessionsphase seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Arbeitslosenquote ist zuletzt auf einen Rekordwert von 12,2Prozent gestiegen. Dies wirkt sich auch auf Österreich aus. Die Wirtschaftsforscher haben zuletzt die Wachstumsaussichten für Österreich gesenkt, weil wichtige Absatzmärkte für die österreichische Wirtschaft in einer Rezession stecken.
Zweitgrößter Handelspartner
Italien ist nach Deutschland mit einem Handelsvolumen von über 16,6 Milliarden Euro im Vorjahr export- und importseitig Österreichs zweitwichtigster Handelspartner. Viele österreichische Banken sind in Italien tätig. Zudem hat die Bank Austria mit der UniCredit-Gruppe einen italienischen Eigentümer.
Italien muss nach der Herabstufung bei der Schuldenaufnahme höhere Zinsen zahlen. Am Mittwoch wurden Geldmarkttitel mit einer Fälligkeit in sechs und zwölf Monaten versteigert. Die Rendite für das einjährige Papier stieg auf knapp 1,1 Prozent. Das ist im Vergleich zu Mitte Juni ein Plus von 0,38 Prozentpunkten. Trotzdem konnte die Regierung in Rom mit dem Verkauf der Anleihen 9,5 Milliarden Euro einnehmen. Die Renditen von zehnjährigen Staatsanleihen lagen am Donnerstag bei 4,45 Prozent. Zum Vergleich: Bei spanischen Anleihen waren es 4,8 Prozent – Österreich schneidet mit 2,02 Prozent wesentlich besser ab.
Die Regierung in Rom zeigte sich über die Herabstufung des Ratings empört. Premierminister Enrico Letta sprach von „engherzigen Bewertungen“. Und der stellvertretende Wirtschaftsminister Stefano Fassino nannte die Einstufung „falsch“. Er warf den internationalen Ratingagenturen Vorurteile gegen Italien vor. „Italien wird dieses Jahr eine ausgeglichene Bilanz vorlegen. Wir sind eines der wenigen Länder, gegen die kein EU-Verfahren wegen Überschreitung des Defizits läuft“, sagte der Vizeminister im Interview mit der Tageszeitung „La Stampa“.
Man wollte jedenfalls an der wirtschaftspolitischen Linie festhalten, sagte Bildungsministerin Maria Chiara Carrozza. Die Regierung Letta arbeitet zur Zeit an einer Reform des Immobiliensteuersystems. Demnach soll die Immobiliensteuer für Erstwohnungen, Grundstücke, Geschäfte und Lagerhallen reduziert werden. So will man die schwächelnde Wirtschaft stützen.
Die Mailänder Börse gab in einem eher schwachen Umfeld am Mittwoch bis zum Nachmittag nach. Seit Jahresbeginn hätte man mit Aktien aus dem italienischen Index FTSE MIB im Schnitt vier Prozent verloren, während der europäische Eurostoxx-50 ein leichtes Plus schaffte. Der bankenlastige Wiener ATX ist hingegen um sieben Prozent und damit noch stärker abgerutscht.
Bankaktien im Abwärtstrend
Auch in Mailand fanden sich die Bankenwerte unter den größten Verlierern. Die stärksten Kursrückgänge seit Jahresbeginn nach der ENI-Tochter Saipem (minus 50 Prozent) fuhren die Aktionäre von Banco Popolare (minus 29) und Banca Popolare di Milano (minus 28 Prozent) ein. Mit Anteilen an Silvio Berlusconis Mediaset hätte man sein Vermögen seit Anfang Jänner hingegen fast verdoppeln können. In den Jahren zuvor war die Aktie aber deutlich abgestürzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2013)