Maria Schell ist tot

Apassionata aller Klassen, auf allen Parketten. Weltstar aus Wien, "Seelchen", vitale Künstlerin, tragische Persönlichkeit.

Man wohnt in einem Haus mit vielen Zimmern, eines Tages entdeckt man eines, das ver sperrt ist. Man hämmert an die Tür, doch sie bleibt verschlossen: Eine Sequenz aus Pavel Kohouts Künstlerdrama "Armer Mörder", mit dem Maria Schell in den Siebzigern einen großen Erfolg am New Yorker Broadway feierte. Ein Haus mit vielen Zimmern war wohl auch das Leben Maria Schells. 1926 wurde sie in Wien geboren als Tochter eines Schweizer Schriftstellers und einer österreichischen Schauspielerin.

1938 ließ sich die Familie in der Schweiz nieder, wo Maria eine kaufmännische Ausbildung absolvierte und dann Schauspiel-und Gesangsunterricht in Zürich nahm. War die Kunst eine Art Flucht? Vor der strengen Erziehung, speziell durch den Vater, vor der Klosterschule, ein Befreiungsschlag?

Das frische, unschuldige Mädchen nahm sie mit ins neue Leben, sie wurde eine Art erdige Variante von Romy Schneider. Ihr Tränen überströmtes Gesicht in Helmut Käutners Die letzte Brücke mit Bernhard Wicki bleibt unvergesslich. Das Seelchen, das weinen konnte wie keine, haftete an ihr. Sie soll dieses Etikett gehasst haben, nicht nur, weil sie auch herzlich lachen konnte wie keine. Sondern weil sie eben auch noch ganz anders war: hellsichtig, herb. Witzig und schlagfertig. In ihren Memoiren schildert sie, wie sie bei ihrem ersten Auftritt auf die Bühne stürzte und rief: "Wie eine Fahne will ich vor euch hergehen!" Dann brach sie ab und meinte ins dunkle Loch des Zuschauerraumes hinab: "Entschuldigen Sie, meine Herren, ich kriege das Gefühl nicht."

Später hatte sie es dafür im Übermaß, konnte es auch mit einem Übermaß an Authentizität vermitteln. Aber auch ihre Karriere entwickelte sich temperamentvoll. Schon Mitte der vierziger Jahre tourte sie mit dem großen Albert Bassermann als Gretchen im "Faust" durch Europa. Und war bald unter Vertrag beim bedeutenden Film-Produzenten Alexander Korda.

Sie spielte sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung von Der Engel mit der Posaune, Karl Hartls Saga über eine Wiener Klavierfabrikanten-Dynastie (1948 u. a. mit Paula Wessely, Attila & Paul Hörbiger. In den fünfziger Jahren drehte Maria Schell mit Dieter Borsche und O. W. Fischer (u. a. Bis wir uns wiedersehen). Ihre internationale Karriere begann mit der Letzten Brücke. Mit der Auszeichnung bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Filmschauspielerin des Jahres 1954 begann Maria Schells Weltkarriere.

1957 ging sie nach Hollywood, dort debütierte sie als Grushenka in Die Brüder Karamasow von Richard Brooks (mit Yul Brynner). Großen Erfolg hatte sie auch 1959 im US-TV als Maria in Wem die Stunde schlägt nach Ernest Hemingway, der ihr gratulierte. Auf Hollywood folgten Engagements in England und Frankreich. Als ihren wichtigsten Partner betrachtete sie Paul Scofield, mit dem sie zuletzt 1984 drehte (1919: Zwei ehemalige Patienten Freuds treffen einander wieder). Mit Mastroianni war sie in Weiße Nächte zu sehen, mit Glenn Ford in Anthony Manns Western Cimarron (1960), mit Romy Schneider in Die Spaziergängerin von Sanssouci (1982). Maria Schell war einer der wenigen deutschsprachigen Weltstars.

Trotz aller Erfolge ist dieser vitalen, sympathischen Künstlerin das Schicksal der alternden Größen nicht erspart geblieben. Wenn man Artikel der letzten Jahre ansieht, scheint sich eine Tragödie an die andere zu reihen, gierig verfolgt von der Regenbogenpresse, ob es nun um den abgegangenen Ehemann Veit Relin, Finanzprobleme oder einen Selbstmordversuch 1991 ging. Wollte Maria Schell in Ruhe gelassen werden? Wohl kaum. "Den Bruder hätte ich heiraten sollen", meinte sie in späten Jahren. Maximilian Schell war ihr ein Freund, er drehte für sie 2001 das berührende Filmporträt "Meine Schwester Maria". In ihrem Kärntner Almhaus ist Maria Schell nach einer Lungenentzündung gestorben.

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