Der Schriftsteller Arthur Miller ist gestorben. Er litt an Krebs und schwachem Herzen. Heuer wäre er 90 Jahre alt geworden.
Es gibt viele Klassiker, bei denen die Pädagogik den Schülern die Lektüre anhaltend verleidet. Dann aber gibt es Klassiker, die einen unwiderstehlichen Sog entwickeln. Das sind sehr wenige. Zu ihnen zählen die Stücke des Arthur Miller. Dieser Magier hat alle in Bann geschlagen. Jetzt, nach seinem Ableben, wirkt er wie aus einer anderen Zeit, vielleicht nicht einer besseren, aber einer großen.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert werden in aller Welt "All my Sons" (1947), "Death of a Salesman" (1949), "The Crucible" (1953) gespielt - und diese Dramen rühren einen an, sie ergötzen und lehren, sie sagen dir: Du musst dein Leben ändern. "Attention must be paid!", heißt es zum Schicksal des Handlungsreisenden Willy Loman, dieses amerikanischen Jedermann, dessen Scheitern so nahe geht.
Generationen von Theaterbesuchern haben aufgepasst, was der große Dramatiker Arthur Miller zu sagen hatte, mit großer Schärfe, aber auch mit viel Mitgefühl. Er beleuchtet die unheimliche Seite des "American Way of Life". Er wollte "das Wahrheitsbewusstsein der Menschheit" erhöhen. Das klingt, in zynischen Zeiten, ein wenig altmodisch, doch Millers gewissenhaftes Werk ist auch heute nicht verstaubt, höchstens mit einer Patina überzogen. Ein edler Geist in interessanten Zeiten. Ein sympathischer Zweifler: "Skeptisch bin ich von Natur aus, nicht nur gegen Amerika, sondern den Menschen und ihren Motiven gegenüber, wie immer diese geartet sein mögen."
Lastwagen fahren, Dostojewski
Arthur Miller, 1915 in Harlem, New York, als Sohn eines jüdischen Emigranten und einer amerikanischen Lehrerin geboren, am Donnerstag in Roxbury, Connecticut, gestorben, hat die Literatur seines Landes geprägt. Eine amerikanische Karriere: Fürs Studium fehlte das Geld, also schlug er sich als Lastwagenfahrer und Fabrikarbeiter durch, las Dostojewski, Kenneth T. Rowe. Miller wurde Nachtredakteur beim "Michigan Daily", schließlich konnte er doch noch studieren, Literatur- und Theaterwissenschaft, schrieb Hörspiele. Dann konzentrierte er sich ganz auf die Bühne. Seine beste Zeit als Dramatiker hatte Miller in den fünfziger Jahren, er wurde ein wichtiger Antagonist des politischen Hexenjägers McCarthy. Der feinsinnige Liberale versus den dümmlichen republikanischen Kommunisten-Hasser - wer möchte da nicht Partei ergreifen? Miller, 1956 im Visier wegen "unamerikanischer Tätigkeit", gab freimütig zu, in den vierziger Jahren mit dem Marxismus sympathisiert zu haben. Er habe diese Phase aber überwunden. Wegen Missachtung des Kongresses wurde er zu einer Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt.
In den Sechzigern, als die USA vom Mythos Kennedy fasziniert wurden, war Miller selbst bereits ein Mythos - er hatte 1956 in zweiter Ehe den Filmstar Marilyn Monroe geheiratet. Der Intellektuelle und die traurig-frohe Diva. Das Drehbuch "The Misfits" ist ein Dokument dieser Zeit. Dieses Stück sei ein Geschenk für Marilyn, mit Herzblut geschrieben, sagte der Autor. Wer wollte ihm misstrauen? Glück bei den Frauen. In dritter Ehe war Miller ab 1962 bis zu ihrem Tod 2002 mit der österreichischen Fotografin Inge Morath verheiratet. Die gemeinsame Tochter des Künstlerpaares, Rebecca, ist eine in den USA bereits sehr bekannte Regisseurin.
An die Welterfolge der frühen Stücke konnten die späteren Dramen des Pulitzer-Preisträgers nicht herankommen. Die frühen Klassiker aber blieben präsent, auch in neuer Form durch etliche Verfilmungen. Für "Hexenjagd" hat 1956 sogar der französische Meisterdenker Jean-Paul Sartre ein Drehbuch verfasst, die Regisseure Robert Ward (1961) und Nicholas Hytner (1996) nahmen sich des Stoffes an. Die erste Verfilmung von "Tod eines Handlungsreisenden" mit Frederick March in der Titelrolle (1949) wurde zu einem Kino-Hit.
"Zeitkurven"
Mit 85 Jahren hatte Miller eine späte Premiere. Er war erstmals in einem Kinofilm zu sehen, spielte eine Nebenrolle in "Plain Jane". Der Stoff? Stammte natürlich von Miller, aus seiner Erzählung "Unscheinbares Mädchen, ein Leben", die er mit 80 Jahren publiziert hatte. Arthur Miller war auch ein brillanter Erzähler.
Sehr eindrucksvoll erfährt der Leser das in der ausgezeichneten Autobiografie "Timebends" (1985). "Zeitkurven" ist ein Sittenbild Amerikas im vorigen Jahrhundert, der ernsthafte Versuch eines Intellektuellen, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Miller steht in der Tradition der Moralisten der Aufklärung. 2003 sind seine Essays "Widerhall der Zeit" auf Deutsch erschienen. Sie sind ein repräsentativer Querschnitt durch das Denken dieses offenen, unbequemen Amerikaners. In den Essays zeigt er auch sein satirisches Können, wenn er etwa über die Privatisierung des US-Kongresses nachdenkt: "Jeder Abgeordnete vertrete öffentlich den Interessenverband, der seine Stimme zu kaufen wünscht." Das erinnert in der Schärfe an Jonathan Swift. Zu den leidenschaftlichsten Kritikern der USA gehören immer auch jene, die dieses Land leidenschaftlich lieben. Arthur Miller war ein guter Amerikaner. Ein großer Künstler. Einer der besten.