Dirk Stermann und Christoph Grissemann vom "Salon Helga" über Bestattungsrituale, hysterische Radiostimmen und die ÖBB.
Die Presse: Der Altersdurchschnitt der Macher von FM4 ist ziemlich hoch. Wie fühlt man sich im Altersheim des ORF? Sie sind ja noch relativ jung, schätzungsweise 55.
Dirk Stermann: Ich schau zwar wesentlich älter aus, aber ich bin erst 39. Das Gute bei FM4 ist: Fritz Ostermeier ist immer zehn Jahre älter als wir. So lange er dort ist, können auch wir noch weiterarbeiten. Gut ist aber auch, dass es dort viele 15-, 16-Jährige gibt, Praktikanten, so dass man immer das Gefühl hat, man sei unfassbar jung und agil.
Haben Sie bei den 15-Jährigen Starstatus?
Christoph Grissemann: Nein, die kennen uns ja gar nicht. Die verwechseln uns mit ukrainischen Raumpflegern. Es liegt auch am großen Herzen der Senderchefin, dass sie Altherren nicht rausschmeißt.
Bei der ÖBB wären Sie aber gefährdet.
Stermann: Für Leute, die mit 39 bei der Bahn in Pension gehen können, wäre FM4 ein idealer Altersjob. Die würden dort als Jungspund gelten.
So gesehen ist FM4 geradezu ein Vorzeigeprojekt der schwarz-blauen Regierung. Arbeit bis ins hohe Alter!
Grissemann: Kann man sagen.
Stermann: Man muss es nicht sagen, das wäre völlig verklärt.
Wir müssen ernst bleiben! Wir sind doch viel zu clever, um mit Ihnen lustig zu reden.
Stermann: Wir sind auch zu clever, um uns auf lustige Gespräche einzulassen - ist das Ihr Ernst?
Ja. Wo wollen Sie begraben werden: Zentralfriedhof oder St. Marx?
Stermann: Ich möchte im Ruhrgebiet begraben werden. Nicht an der Ruhr, sondern am Rhein.
Grissemann: Ich finde ein Ehrengrab am Zentralfriedhof verlockend.
Stermann: Ein Ehrengrab neben Falco fände ich gut. Das findet man leicht, das Denkmal ist ja 400 Meter hoch.
Das Morbide liegt wie ein Schatten auf Ihren Sendungen.
Grissemann: Der Tod ist ständiger Begleiter bei FM4.
Und die Depression. Vor allem die Frauen klingen immer verkatert. Erzeugt das für Sie Konkurrenzdruck? Arbeiten Sie an Ihrer Stimme?
Grissemann: Wir arbeiten da gar nicht dran. Das Gute ist, dass wir so unterschiedliche Stimmen haben.
Sie reden tatsächlich, wie Sie wollen? Gibt es keine Stimm-Vorschrift im ORF?
Stermann: Es gibt individuelle Stimmeinstellungen, Chip-Cards. Aber bei Ö3 muss man lächeln, wenn man moderiert. Bei uns braucht man nicht zu lächeln. Wir werden nicht gezwungen, fröhlich zu sein. Es ist eher eine fröhliche Resignation.
Ö3 hatte interessante Stimmen - Heller, Klausnitzer, die hatten früh den Oberlehrer-Ton drauf. Doch am meisten Klasse haben Ö3-Frauen. Ist das eine Herausforderung?
Stermann: Ich kann sie, ehrlich gesagt, kaum auseinander halten. Es gab eine Sprache bei der Music-Box, und es gibt auch so ein Timbre bei Ö3 und Energy, leicht schreiend und dümmlich. Dann gibt's die Kuschel-Krone-Hit-Stimmen, die nur weich und freundlich sind.
Werden Sie an der Stimme erkannt?
Grissemann: Nicht, wenn ich Taxi fahre, da werde ich nicht erkannt, nur im Anschluss an Auftritte - nach dem Motto: "Das waren doch Sie auf der Bühne?!"
Beim Film ist die Synchronstimme charakterbildend. Ein Wechsel ist verheerend.
Stermann: Wir bestehen darauf, dass wir immer gleich synchronisiert werden.
Von wem?
Stermann: Das machen wir selber, das will auch niemand anderer machen.
Das Thema Song Contest hat sich erledigt?
Grissemann: Das hat sich für uns erledigt, wir haben das sieben Jahre gemacht, und es war sieben Jahre genau das Gleiche. Schließlich wurde es zur Qual, zumal sich der Song Contest extrem verändert hat. Der satirische Kommentar hat sich erübrigt, weil er von innen satirisch aufgefressen wurde.
Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?
Grissemann: Bei uns ist es so, dass wir uns seit zehn Jahren jeden Freitag in irgendwelchen Hotelbars treffen, um eine Sendung vorzubereiten. In so einem Ambiente arbeiten wir am liebsten. Wenn man sich die Mühe macht, unsere Arbeit zu durchleuchten, dann erkennt man, dass wir immer am letzten Drücker schreiben. Um 20.15 beginnt die Sendung, und oft schreiben wir noch die letzte Geschichte um 19.58. Dann erkennt man, dass unsere Texte am Ende ganz schwach werden, weil noch beim im Ins-Studio-Laufen der letzte Satz geschrieben wird. Nach der Sendung fahren wir dann mit dem Taxi nach Hause.
Das wird aber schon bezahlt?!
Grissemann: Von uns, ja.
Stermann: Nein, wir wurden noch nicht upgegradet vom Zu-Fuß-Gehen aufs Taxi.
Sie könnten also jetzt nicht sagen: Ich will ein Business-Taxi oder gar First Class?
Stermann: Wir können alles sagen, aber dem wird praktisch nicht zugehört. Wir haben keinerlei ORF-Privilegien.
Fünf Jahre Ö3, zehn Jahre FM4. Wo war es für Sie besser?
Grissemann: Bei FM4 ist es besser. Weil wir eine Zeit brauchten, bis wir wussten, was man mit so einer Sendung macht.
Wie lange wollen Sie das noch machen? Muss sich "Autofahrer unterwegs" fürchten, dass Sie dieser Sendung den Rang ablaufen?
Grissemann: Der Konkurrent ist der "Gugelhupf" auf Ö1. Die gibt's länger, und die senden noch immer.
Wie sieht der FM4-Hörer aus?
Grissemann: Anorak, Viennale-Tasche um den Hals, wirres Haar.
Leicht ungepflegt . . .
Stermann: Schick ungepflegt!
Manchmal schreibt man etwas und denkt sich später, das hätte man schöner gestalten können. Bei Bill Gates gibt es auch immer Upgrades. Gäbe es Stermann&Grissemann XP - könnten Sie die gleiche Sendung immer neu überarbeitet machen.
Stermann: Wir beide sind noch immer die Windows 75-Version.
So wie Harald Schmidt.
Stermann: Ja. Aber der ist wesentlich intelligenter.
Da sagen wir aus taktischen Gründen nein. Schmidt hat man ja faktisch mit Geldbündeln abgewatscht, damit er wieder auftritt.
Grissemann: Das geht bei FM4 nicht. Mit Münzen kann man keine Ohrfeigen geben.
Gibt es bald ein neues Programm?
Grissemann: Wir schreiben es gerade. Aber das Material ist noch nicht wirklich da: bis jetzt zwei Sätze, und die sind nicht lustig.
Stermann kommt im Programm immer besser weg. Warum?
Grissemann: Natürlich, er ist auch der größere Sympathieträger von uns.
Stermann: Nein. Ich finde, Grissemann hat den interessanteren Part, ich bin der begleitende Bass. Er ist der Mir-ist-das-scheißegal-und-ich-geh-noch-einen-saufen-Typ.
Grissemann: Wir sind also beide Co-Moderatoren. Zwei Sidekicks auf Sendung.
Was würden Sie uns fragen? Angenommen wir sind jetzt Stermann & Grissemann, und Sie sind die harten Aufdeckerjournalisten . . .
Stermann: Ich glaube, ich würde uns gar nichts fragen. Man glaubt immer, dass wir etwas zu sagen hätten. Es gibt aber nichts, was wir sagen könnten, was nicht andere besser sagen. Und zwar in jedem Bereich.
Dann müssen wir uns jetzt bedanken.
Grissemann: Dann müssen wir uns entschuldigen.