Das ist nicht die nächste isolierte Parade von Bruno Gironcolis unheimlicher Großplastik. Sondern eine starke Inszenierung seiner Internationalität.
Der große Einzelgänger, der introvertierte Koloss der österreichischen Bildhauerei – so wurde Bruno Gironcoli gesehen, so gab er sich mehr oder weniger freiwillig selbst zu Lebzeiten: monumentale, silberfarbige Skulpturen voll mysteriöser Symbole, voll Embryonen, Enzianen, Pfeile, Schalen, Phalli und Kugeln, daneben posierend der von seiner Krankheit entstellte Bildhauer, ein Märtyrer der Kunst.
Schmerzhafte Bilder, wie man sie speziell der österreichischen Kunst zuschreibt, und das nicht nur seit dem Aktionismus, sondern seit dem Frühexpressionismus, seit Richard Gerstl und Egon Schiele. Für Gironcoli war diese Schublade allerdings eine Image-Sackgasse, in die er sich durchaus auch selbst durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Bildhauermeister an der Akademie der bildenden Künste manövriert hatte, einen Rückzug in den sicheren Elfenbeinturm sozusagen. Aus diesem katapultierte ihn nicht einmal sein Auftritt bei der Biennale Venedig 2003 mehr hinaus aufs internationale Parkett, wo der 2010 Verstorbene eigentlich hingehört.
Der Zeitnerv von Bacon bis Bourgeois
Das zeigt erstmals in dieser Breite und Pointiertheit eine Ausstellung in der Orangerie des Unteren Belvedere, die auch aufgrund ihres unmöglich sperrigen Titels, „Gironcoli: Context“, weder ein Publikumsmagnet werden noch am internationalen Renommee viel ändern wird (dafür müsste sie im Ausland stattfinden). Zumindest für all jene, die Gironcoli immer schon schätzten, ist sie eine wohlige Bestätigung des immer Vermuteten – seine frühen Installationen können neben dem Werk von Bruce Nauman, Joseph Beuys, Carl Andre, Louise Bourgeois, Matthew Barney etc. locker bestehen, sie sprechen dieselbe Sprache des Schmerzes, die auch die Malerei von Francis Bacon und die Aktionen Rudolf Schwarzkoglers prägten. Der geschundene, von psychischen Zwängen malträtierte Menschenkörper war einfach ein großes Thema der Kunst der 60er und 70er.
Von Giacometti ausgehend traf Gironcoli auf seinem Weg einen Zeitnerv, der aus Künstlern wie Louise Bourgeois und Bruce Nauman Superstars machte. Von Gironcoli wusste Nauman, der große Meister der dunklen US-Konzeptkunst, wohl nichts, als er seine Hundekadaver-Abgüsse an Mobiles hängte und sie durch die Luft schlenkern und über den Boden schleifen ließ. Dabei hatte Gironcoli schon Jahre vorher, 1970, präparierte Hunde als Stellvertreter seiner Triebe in eine Installation eingebaut. Im Unteren Belvedere hat Kuratorin Bettina M. Busse jetzt alles zusammengeführt, was so naheliegt und dennoch nie gezeigt wurde.
Joseph Beuys war sicher wichtig für Gironcolis Umgang mit bedeutungsschwerem Material – 1969 legte Beuys seine metallenen, mit Filz überzogenen Eurasien-Stäbe an die Wände der Wiener Galerie St. Stephan, füllte Ecken mit Fett. Gironcolis Fett und Filz sind Kupfer und Messing. Aus ihnen baut er Horrormaschinen, die Vater und Mutter ersetzen oder symbolisieren sollen, in einer Art Brutkasten liegt ein Embryo, ernährt von einem Stromkabel. „Mutter Vater“ heißt diese Installation, deren Schrecken jetzt durch eine verformte Porträtstudie von Francis Bacon und einen hysterisch gebogenen Männerkörper von Louise Bourgeois gesteigert wird.
Schwieriger wird dann die Analogie zu den Künstlern, die von der platonischen Sehnsucht nach Androgynität getrieben wurden, zu Schwarzkogler und Jürgen Klauke, ebenfalls Performance-Künstler. Hier wirkt Gironcoli mit seinem überlebensgroßen, wippenden Goldphallus eher verhalten. Dieses Thema wurde in anderen Genres vorangetrieben, den Schritt ins Leben, in die Performance wagte Gironcoli nie, hier blieb er traditioneller Bildhauer.
Wie Walter Pichler übrigens, der auffällig fehlt in dieser Ausstellung. Vielleicht sind die beiden Werke wirklich zu dicht aneinander, in ihrem Umgang mit „mythischem“ Material, mit Figur, mit Raum. Vielleicht wäre die Dichte der Künstler aus dem Programm der Galerie Thoman sonst auch zu dicht geworden. Vielleicht wollte man Gironcoli aber auch einfach nur einmal den Auftritt geben, den Pichler schon zeitlebens hatte.
Bis 27.10. Tägl. 10–18h, Mi. 10–21h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2013)