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Finanzmärkte: Die BRIC-Story geht langsam zu Ende

Finanzmaerkte BRICStory geht langsam
Finanzmaerkte BRICStory geht langsam(c) REUTERS (CARLOS BARRIA)
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Das Wirtschaftswachstum in China, Russland, Brasilien und Indien beginnt zu lahmen – und das treibt derzeit viele Anleger in die Flucht. Die Abflüsse sind enorm.

Frankfurt/Bloomberg. Die Kapitalflucht aus den sogenannten BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, hat Aktien, Anleihen und Währungen der Länder erstmals seit 2006 gemeinsam fallen lassen. Damit könnte die zehnjährige Liebesaffäre der Anleger mit den größten Schwellenländern enden.

„In jedem Jahrzehnt gibt es ein Thema, das die Investoren fesselt– in den 1970er-Jahren etwa Gold, in den 1980ern Japan und in den 1990ern Technologiewerte“, sagte Ruchir Sharma, Leiter Schwellenländermärkte bei Morgan Stanley Investment Management in New York. „In der abgelaufenen Dekade waren es die BRICs.“

Anleger haben in diesem Jahr schon 13,9 Mrd. Dollar aus Publikumsfonds abgezogen, die in die Aktienmärkte der vier Länder investieren. Das entspricht 27Prozent der Zuflüsse seit 2005. Der MSCI BRIC-Index hat im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent nachgegeben, während die Währungen der Länder zum Dollar um 4,1Prozent gesunken sind und Anleihen im Schnitt ein Minus von 0,6Prozent erlitten haben.

Die Entwicklung hat nachvollziehbare Gründe. „Die Anleger sind besorgt wegen China und Brasilien, nichts scheint hier mehr zu funktionieren“, schrieb Maarten-Jan Bakkum, Schwellenländerstratege bei ING.

Das Zusammenspiel von steigender Inflation, schwachem Wirtschaftswachstum und gewalttätigen Protesten schreckt Investoren von Brasilien ab. Die russische Volkswirtschaft ist fünf Quartale hintereinander geschrumpft und leidet unter dem sinkenden Ölpreis, während das Leistungsbilanzdefizit Indiens die Landeswährung auf ein Allzeittief gedrückt hat. China wiederum steuert 2013 auf das geringste Wirtschaftswachstum seit 1990 zu. Auch die Aussichten sind verhalten: Der Internationale Währungsfonds hat in einer am Dienstag veröffentlichten Studie die Wachstumserwartungen für die BRIC-Staaten verringert. Für China lautet die Prognose nun 7,8Prozent Wachstum nach acht Prozent im April. Im Fall Russland wurde die Schätzung sogar um 0,9 Prozentpunkte auf 2,5Prozent zurückgenommen.

„Nach Jahren eines starken Wachstums geraten die BRIC-Staaten nun in ein vermindertes Wachstumstempo“, sagt IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard. Damit könnte auch die Aufholjagd der BRIC-Staaten zu den Industrieländern ins Stocken geraten. Ihr gemeinsames Bruttoinlandsprodukt stieg von 2002 bis 2012 von 2800 Mrd. Dollar auf 14.500 Mrd. Dollar. Es erreichte damit fast das Volumen der US-Volkswirtschaft. Im vergangenen Jahr trugen die BRIC-Staaten noch 62Prozent zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei.

 

Analysten sind vorsichtig

Analysten haben auf die veränderte Lage reagiert. Die Aktienstrategen von Goldman Sachs haben Kunden geraten, nicht mehr darauf zu setzen, dass Aktien von US-Unternehmen mit erhöhtem Umsatz in den BRIC-Staaten solche von Firmen mit Abhängigkeit vom Heimatmarkt übertreffen werden. Die Entwicklung bestätigt das: Während die „BRIC-Aktien“ seit der Empfehlung im November um 15,6Prozent gestiegen sind, haben die vom US-Markt abhängigen Werte um 17,5Prozent zugelegt.

Noch gibt es aber Experten, die auf die Schwellenländer setzen. Der frühere Goldman-Sachs-Volkswirt Jim O'Neill, der den Terminus BRIC 2001 geprägt hatte, sieht nach den Kursverlusten bereits wieder „sehr attraktive” Bewertungen – zumindest in Brasilien, Russland und China.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2013)