Der "linke" Antisemitismus starb im Osten mit dem Kommunismus, nun droht er von Westen: Ein Gespräch mit dem polnischen Publizisten Konstanty Gebert.
Die Presse: In Westeuropa gibt es heute einige, die vor einem "neuen Antisemitismus" linker Provenienz warnen - einem Antisemitismus, der sich als Kritik an der Politik Israels tarnt. Gab es im Kommunismus nicht ein verwandtes Phänomen? Der Staat Israel war der Feind, weil er auf Seiten der USA stand und Teil des Kapitalismus war.
Konstanty Gebert: Ja, dieser Antisemitismus war ein Problem im gesamten kommunistischen Block. In Polen lancierte das Regime 1968 eine große antisemitische Kampagne, ich selbst wurde damals von der Schule geworfen. Man konnte es aber nicht "antisemitische" Kampagne nennen, weil der Kommunismus offiziell ja gegen den Antisemitismus war. Also nannte man die Aktion "antizionistisch". Diese linke Form des Antisemitismus ist in Osteuropa mit dem Fall des Kommunismus gestorben. Aber nun kommt sie dafür im Westen auf.
Hat dieser spezielle "kommunistische" Hass auf Israel dazu beigetragen, den alten Antisemitismus in Osteuropa am Leben zu erhalten?
Gebert: Nein, im Gegenteil. Der Kommunismus hat den linken Antisemitismus dort schwer kompromittiert.
Vom "neuen Antisemitismus" ist Osteuropa also nicht bedroht?
Gebert: Noch nicht, eben wegen des kommunistischen Vermächtnisses. Aber die Erinnerung daran verschwindet allmählich. Deshalb könnte ein "linker" Antisemitismus unter dem Einfluss Westeuropas sehr wohl auf Osteuropa übergreifen.
Wie steht es mit antisemitischen Parteien in Polen?
Gebert: Erstmals gibt es eine antisemitische Partei im Parlament, die Liga Polnischer Familien (LPR). Sie bekam zuletzt zwölf Prozent der Stimmen. Aber seit dem Fall des Kommunismus gab es immer wieder Parteien, die glaubten, es genüge antisemitisch zu sein, weil ja bekannt sei, dass alle Polen die Juden hassen. Tatsächlich verloren diese Parteien eine Wahl nach der anderen. Dann realisierten sie, dass die Mehrheit der Polen den Antisemitismus ablehnt, und dass es notwendig ist, etwas anderes anzubieten. Der LPR ist das gelungen, sie hat sich sehr gut organisiert. Aber ihr jetziger Erfolg ist in gewisser Weise ein Beweis ihres Scheiterns.
Sehen Sie in der jahrzehntelang versäumten Vergangenheitsbewältigung eine Gefahr?
Gebert: Natürlich. Aber vor einigen Jahren kam es in Polen zu einer gewaltigen Debatte, die, wie ich glaube, in solcher Ehrlichkeit sonst nirgendwo stattgefunden hat, abgesehen von Deutschland. Die Polen wollten sich dabei als brave Europäer erweisen; sie versäumten es aber, die letzte Pariser Mode zu imitieren. Besonders in Frankreich ist man mittlerweile des "Anti-Antisemitismus" überdrüssig. Während also Polen versucht, den europäischen Idealen treu zu sein, scheint das Leben in Europa sich gerade von diesen Idealen zu entfernen.
Wächst die Distanz von Europas Juden gegenüber der EU?
Gebert: Bei manchen ja - hauptsächlich wegen der europäischen Israel-Politik, aber auch wegen der fehlenden Bereitschaft, das Problem des wachsenden Antisemitismus anzugehen. Ich glaube aber nicht, dass Europas Juden antieuropäisch sind, das wäre ein Widerspruch in sich. Die Juden waren traditionell Kosmopoliten, sie waren die ersten Europäer. Wir können also nicht antieuropäisch sein, doch wir haben ein gesundes Misstrauen gegen die EU.
Schwingt da auch ein Gefühl der Enttäuschung mit?
Gebert: Enttäuschung, was die Realisierung des Ideals betrifft. Aber das Ideal eines multiethnischen, multikulturellen Europas ohne Grenzen bleibt dennoch, das war immer unser Ziel. Ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit der europäischen Juden an diesem Weg festhalten werden.
Wie wird sich die EU-Osterweiterung auf die Israel-Politik der EU auswirken?
Gebert: Nicht nur Polen, auch Tschechien oder Ungarn etwa führen seit ihrer Unabhängigkeit eine weit ausgewogenere Politik gegenüber Israel als Westeuropa. Von Brüssel geht nun ein starker Druck auf diese Länder aus, ihre Nahost-Politik der traditionell proarabischen EU-Politik anzugleichen. Speziell in Polen tendieren wir dazu, die EU in so vielen außenpolitischen Bereichen zu reizen, dass wir vielleicht in einigem nachgeben müssen. Auf der anderen Seite könnte die EU-Politik sich ändern, wenn es, wie es derzeit scheint, zu einer Annäherung zwischen den USA und Europa kommt. Sie könnte zu einer ausgewogeneren Nahost-Politik Europas führen. Polen sehe ich hier als Vorreiter.
Gibt es unter Europas Juden eine verstärkte Rückbesinnung auf die jüdische Identität?
Gebert: Es gibt Ansätze, bei uns, in Tschechien, Ungarn, sehr zaghaft in der Slowakei und Rumänien. Die zwei großen jüdischen Gemeinschaften aber, die stark genug wären, neben dem amerikanischen und dem israelischen einen dritten europäischen Pfeiler des Judentums zu errichten, sind jene in England und in Frankreich. Sie scheinen derzeit dieser Aufgabe nicht gewachsen. Heute trifft man in den jüdischen Gemeinschaften junge Leute, die hebräisch mit amerikanischem Akzent sprechen, einfach weil die Lehrer, die Bücher, die kulturellen Vorbilder aus Amerika kommen.
Verstehen Sie die Weigerung des israelischen Parlaments, die Rede des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler in der Knesset auf Deutsch anzuhören?
Gebert: Ich habe Verständnis dafür, obwohl ich nicht ganz einverstanden bin. Denn, wenn man die deutsche Sprache nicht hören wollte, hätte man den Bundespräsidenten, der als Repräsentant Deutschlands kam, nicht einladen dürfen. Der Tag wird kommen, an dem es in Israel ganz normal sein wird, in der Knesset Deutsch oder im philharmonischen Konzert Richard Wagner zu hören. Aber so weit ist es noch nicht.