Die Willkür der Regisseure, der enorme Geldverzehr und das schwindende Publikum haben das Theater an den Rand der (Selbst-)Vernichtung gebracht.
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in Gespenst geht um: das Theater- Sterben. Es ist ein uraltes Gespenst. So alt, dass es nicht mehr ernst genommen wird. Sollte es aber. An deutschsprachigen Bühnen wird seit Jahren gespart, kaputt gespart. Eine ganze Reihe von Instituten sind geschlossen oder dezimiert. Nicht nur Film & TV setzen der Bühnenkunst zu, auch geänderte Freizeitgewohnheiten, Sport etc. Ist Österreich noch eine Insel der Seligen? Mit Maßen, wenn man hört, dass Wiens Theaterbesucher-Zahlen sinken, die Bundestheater im September, Jänner, Juni über schwachen Besuch klagen.
Doch auch die Theaterleute sind schuld am Niedergang. Der Geld-Verbrauch der darstellenden Kunst ist enorm. Die Einkünfte sind gering, das Theater hängt am Tropf der öffentlichen Subventionen. Der Wettkampf der Regisseure, wer am meisten ausgeben, die größten Kapriolen schlagen darf, ist beispiellos. Theater ist nicht globalisierbar, kaum exportierbar: eine Manufaktur, ein Koloss auf tönernen Füßen, ein elfenbeinerner Turm. Neuinszenierungen sind oft unverständlich. Die Versuche, junge Leute mit Video & Pop-Kultur zu gewinnen, wirken nicht selten unbeholfen. Ein Fernseher oder eine Großbild-Leinwand machen noch keine interessante Aufführung. Bedauernswert sind oft die Schauspieler. Sie sind besser denn je, aber völlig abhängig von Regisseuren, die mit Texten machen, was sie wollen. Zurück zur Klassik, zum Original?
Das funktioniert nicht. Klassische Bildung ist heute selten, alte Texte wirken umständlich. Konventionelle Aufführungen in Masse wären nur langweilig. Also mutig weiterschreiten auf dem leuchtenden Pfad der Moderne? Ja, aber mit mehr Grips und Fortüne und mit mehr Rücksicht auf Nachvollziehbarkeit. Wird das Theater sterben? Ist es gar schon tot? Noch nicht, aber fast. Jedenfalls wird es schrumpfen, spätestens, wenn allen Verantwortlichen klar ist, dass das Wichtigste, das Publikum, nicht mehr in dem Maße strömt wie einst. Auch in Wien? Ja, auch in Wien wird das passieren.
barbara.petsch@diepresse.com Ö
sterreich, so wird an Feiertagen be hauptet, ist eine Kulturnation. Deshalb erteilt der Staat an diverse Institutionen auch Bildungsaufträge, die mehr oder weniger ernst genommen werden. Oft ist die Differenz zwischen der Höhe der Subvention und der Wahrnehmung der Pflicht beträchtlich. Der ORF zum Beispiel lukriert aus den verordneten Gebühren und Werbeeinnahmen an die 900 Millionen Euro im Jahr. Von Deckelung der Beträge ist keine Rede. Da seien die Gewerkschaften vor und der Proporz. Der ORF ist so gefräßig wie die ÖBB.
Das müsste doch immens viel Bildung fürs Volk bedeuten? Stimmt nicht. Die Kulturabteilungen des ORF führen ein Rückzugsgefecht, seit unter dem Generalintendanten Zeiler damit begonnen wurde, die Verflachung des Privatfunks zu kopieren. Die Lindnerisierung des Hauptabendprogramms ist nur die logische Fortsetzung dieser Politik. Jeder Parteisekretär erhält mehr Sendezeit als die wichtigsten Kulturträger. Vera, Pilcher, Volksmusik - ganz ehrlich, wer hat sich jemals nach einem solchen Abend erbaut, bestärkt und menschlich gereift gefühlt?
Wie anders ist das im Theater. Seine sittliche Wirkung hat sich in 2500 Jahren Wirkungsgeschichte bewährt. Theater, das ist fast wie Religion, ein Hochamt der Kultur. Nach einer gelungenen sozialkritischen Vorstellung im Volkstheater fallen sich die Zuseher im Foyer gerührt in die Arme oder beginnen eine Grundsatzdiskussion über die Bekämpfung des Bösen. Diese Idealisten werden ihre Bühnen-Leidenschaft niemals aufgeben.
Der Höhepunkt der Darstellungskunst findet aber noch immer im Burgtheater statt. Deutsche Kleinbühnen mögen darben, in der Burg schöpft man aus dem Vollen - die tollsten Schauspieler, die besten Beleuchter, das dankbarste Publikum. So soll es auch bleiben. Wird es aber nicht, wenn die Politik weiter auf der Deckelung der Subventionen beharrt. Mit solch geiziger Einstellung ist kein Staat zu machen. Also her mit den Millionen für die Hochkultur! So viel wie das überschätzte Fernsehen (Kanzler Raab hatte mit seiner Ignoranz Recht) sollte sie allemal wert sein. Das Theater muss leben!