Ravitzky: Das Recht darauf, anders zu sein

Aviezer Ravitzky im Interview über Israel im Konflikt zwischen Islam und dem Westen.

Im so genannten "Kampf der Kulturen", der vor allem zwischen dem Westen und dem Islam konstatiert wird, sollte sich das jüdische Volk nicht gänzlich mit einer Seite identifizieren, meint Aviezer Ravitzky von der "Hebrew University" in Jerusalem. Der Professor für jüdische Philosophie war am Montag in Wien zu Gast in der Israelitischen Kultusgemeinde, als Vortragender in der Serie "Facing Israel". Der "Presse" erläuterte der Experte für den mittelalterlichen Denker Maimonides die Position des vernünftigen Mittelwegs. "Wir befinden uns in einer sehr gefährlichen Entwicklung, sind nach dieser Theorie vom Kampf der Kulturen mit 1,25 Milliarden potenziellen Feinden, den Moslems, konfrontiert." Wenn diese Konfrontation von Religionen geführt werde, sei es fast unmöglich, Versöhnung zu erreichen.

"Der Konflikt mit den Palästinensern und Syrern ist aber ein regionaler, kein meta-religiöser. Wir sollten uns von einigen israelischen Spitzenpolitikern nicht in einen Pakt mit radikalen religiösen Rechten in den USA führen lassen." Die wollten, dass Israel seine Grenzen ausdehne, aber ihre wirklichen Motive seien messianisch. Sie warteten auf die Wiederkehr Jesu. Welche Rolle sollte Israel also laut Ravitzky spielen? "Die Juden sollten gegen die kulturelle Homogenität sein. Wir haben eine Geschichte, die vom Recht auf das Anders-Sein bestimmt ist." Besser als eine postmoderne Version der Assimilation sei Toleranz. "Die Juden sollten gegen die Dämonisierung von Religion auftreten." Das schreckliche 20. Jahrhundert sei sehr säkular gewesen. Er rechne damit, dass das 21. Jahrhundert religiöser werde.

Welche Optionen haben die Religionen? "Im Monotheismus gibt es eine theologische Kontradiktion: Man kann die absolute Wahrheit beanspruchen, weil Gott absolut ist, oder man beansprucht, dass nur Gott allein absolut ist und alles andere fragmentarisch, unvollständig." Auch dem Islam stünden verschiedene Richtungen offen, sagt Ravitzky und nennt als Positiv-Beispiel den Sufismus. "Man darf nicht verallgemeinern, nur weil es auch moslemische Terroristen gibt." Welche Gefahren kommen aus Israel? "Die radikale Rechte führt uns nicht zum Frieden, das ist gegen unsere Interessen."

Wie schätzt der Philosophieprofessor den Beitrag von Papst Johannes Paul II. zum Dialog mit dem Judentum ein? "Seine Rolle kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, sie ist sehr signifikant. Er hat uns als ältere Brüder betrachtet und wollte eine echte Aussöhnung", sagt Ravitzky. Aber er habe gegen ihn auch Vorbehalte, etwa, dass er Kondome verbot, was die Ausbreitung von Aids begünstigte. "Er war nicht liberal genug, sich zu befreien, aber er hatte eine große Menschenliebe und Toleranz."


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