Der Journalist Reinhard Tramontana ist in der Nacht auf Donnerstag in Wien gestorben.
"Profil"-Leser teilen sich in zwei Lager. Die konventionellen beginnen mit Inhaltsverzeichnis, Leserbrief und Leitartikel, die anspruchsvolleren schlagen mit gekonntem Griff "profan" auf. Seit 30 Jahren dürfen sie das. Sie werden immer enttäuscht, und das mit Absicht. Reinhard Tramontanas Kolumne steht fast am Ende des Heftes, sozusagen am Abgrund. Dort schreibt einer, der sich nicht täuschen lässt und uns darüber aufklärt, dass alles noch viel schlimmer ist, als in den 150 Seiten zuvor befürchtet.
"Profil" mag sich rühmen, das Magazin der vielen Aufdecker zu sein, es hat aber nur einen wirklichen Enthüller gehabt. Am Donnerstag ist er gestorben. Der Autor des "profan", der "Trendstation" und mehrerer Bücher wischte den Schleier des Scheinheiligen weg und zeigte die Tatsachen hinter den Dingen. Er besaß die seltene Gabe, viel stärker als die meisten anderen bloßzulegen, was in der Sprache steckt. Jeder seiner Artikel war auch ein Verrat. Er verriet uns mit unheimlich kreativen Texten Zusammenhänge, die in journalistischen Gebrauchstexten meist verborgen bleiben, die in Propaganda verpackt sind. Dieser Wiener Vivisekteur des Geistes konnte sehr schmerzhaft sein.
Tramontana war kein lustiger Autor, auf gar keinen Fall war er ein Witzbold - ein Kabarettist vielleicht, aber es ist lange her, dass er als junger Mann "Die Scheibenwischer" gründete, "Wiens einzig boshaftes Kabarett", wie es selbstbewusst hieß. Geniale Satiriker wie er, die sich von Berufs wegen mit den menschlichen Lastern und Schwächen beschäftigen, neigen nicht zur Oberflächlichkeit. Sie nehmen das Komische ernst. Sie haben ein unverkrampftes Verhältnis zur Trauer. Ihre Notwehr ist die Hinterlist. Seine Texte seien meistens Übersetzungen aus dem Zornigen, hat er einmal behauptet: "Nur die Narrheit ist dem Menschen zumutbar."
Das passt für einen Träger des Nestroy-Ringes. "Tramontana ist böse, weil er die Menschen und ihre Chancen zu leben liebt. Er ist nicht böse, weil er sie ihnen nicht vergönnt, wie die Kleinbürger der literarischen Negation", sagte Werner Schneyder 1999 in der Laudatio. Die Kolumnen Reinhard Tramontanas enthüllen nicht nur das Abgründige, sie zeigen einen großen Humanisten, den die Liebe zur Sprache antreibt. Es ist schwer zumutbar, künftig auf seine profanen und poetischen Narreteien verzichten zu müssen.