Interview: Kunst gegen brennende Autos?

Mit Rudolf Scholten, Wolfgang Zinggl, zwei möglichen Kulturministern.

Die Presse: Ist ein Kunstministerium nötig?

Rudolf Scholten: Ein Ministerium ist auf jeden Fall besser. Die jetzige Organisation als Staatssekretariat ist im Vergleich dazu eine Abwertung. Wichtig ist aber die Ernsthaftigkeit, mit der Kulturpolitik betrieben wird. Auf das Türschild allein kommt es nicht an.

Wolfgang Zinggl: Ein Kunstministerium ist ein Humbug der Sonderklasse! Es kann nur ein Kulturen-Ministerium sein, das die unterschiedlichen Kulturen im Land unterstützt. Sinn hat das aber nur dann, wenn so ein Ministerium budgetär entsprechend gut ausgestattet ist. Wenn nicht, ist eine Erhöhung des Kulturbudgets sinnvoller.

In einer Koalition nach der Nationalratswahl könnte einer von Ihnen beiden das Kultur-Ressort bekommen. Würden Sie das wollen?

Scholten: Nein.

Zinggl: Was ist ein Kunstminister? Wir verwechseln immer wieder Kultur- und Kunstpolitik. Kulturpolitik als gesellschaftspolitisches Feld wird total unterschätzt. Und so befassen wir uns mit Kunstpolitik, genauer: mit Förderungen. Kulturpolitik aber ist viel mehr. Das haben wir bei den Krawallen in Frankreich gesehen. Wenn eine große Gruppe von Menschen keine Gelegenheit bekommt, sich auszudrücken, dann drückt sie sich eben mit brennenden Autos aus. Wir haben dieses Problem im gesamten Westen. Es wird überall sehr viel in etablierte Formen und Institutionen der Hochkultur investiert, immer mehr, während alles andere zu kurz kommt. Das ist gefährlich. Die Kulturprogramme in den Pariser Banlieues werden seit Jahren gekürzt, für den Louvre und die Oper ist immer Geld da.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie Kultur Leute trösten könnte, die keine Arbeit haben.

Scholten: Soziale Probleme haben immer einen ganz starken kulturellen Hintergrund. Der ist natürlich nicht reduzierbar darauf, dass man in gefährdeten Zonen ein paar Off-off-Theater, ein Kino oder eine Bibliothek eröffnet. Sondern es geht darum, dass man Menschen, die sich strukturell in Bedrängnis fühlen, Perspektiven eröffnet zur Entwicklung einer eigenen Lebenskultur. Natürlich kann das nicht so ausschauen, dass man sagt: Ihr könnt eure eigene Lebenskultur entwickeln, aber Arbeitsplätze gibt es keine. Nur: Die Arbeitsplätze allein lösen bestimmt nicht alle Probleme.

Die Sozialdemokraten betreiben eine bürgerliche bis großbürgerliche Kulturpolitik, die Devise der ÖVP ist Sparen und die blau-orange Bewegung will Heimatkunst. Kulturell und sozial gefährdete Gegenden haben eigentlich keinen, der sich wirklich für sie einsetzt.

Scholten: Da muss ich massiv widersprechen. Wir haben die Förderung regionaler Kulturinitiativen begründet und das Wachstum in diesem Bereich war sehr hoch.

Zinggl: Allerdings ist das immer noch nichts im Vergleich zu den Bundestheatern oder den Salzburger Festspielen. Ich bin der Meinung, dass es da Möglichkeiten der Verschiebung gibt, geben muss.

Was ist das Wichtigste für die Kultur?

Zinggl: Die erste Forderung ist auf jeden Fall: mehr Geld.

Scholten: Dem schließe ich mich an.

Zinggl: In Wahrheit geht es doch um keine großen Beträge. Mit verhältnismäßig wenig Budget kann ein liberales Klima im Land geschaffen werden. Das ist eine gute Investition. Kulturausgaben verbessern den sozialen Frieden. Allerdings: Ein Großteil der zusätzlichen Mittel muss zur Umverteilung verwendet werden - von den bisher stark geförderten Institutionen zu den weniger geförderten.

Scholten: In dem Jahr, wo ich als Minister die schönsten Budgets erreicht hatte, war das freie Kunstbudget, also das nicht durch große Institutionen gebundene, kleiner als das, was das Bundesheer für den Munitionsankauf ausgeben konnte. Das ist nicht sinnvoll. Ich bin aber entschieden gegen dieses Ausspielen von Kunstinstitutionen. Ich halte es für einen Fehler, dass sich Kunst immer rechtfertigt, rechtfertigen muss. Niemand sagt: Gesundheitspolitik ist nur wichtig, weil Gesunde mehr arbeiten als Kranke. Gesundheit ist ein Wert an sich wie Sicherheit. In einem kleinen Land wie Österreich ist künstlerisches Schaffen ohne öffentliche Finanzierung unmöglich. Das hat nichts mit Unfähigkeit zu tun. Auch Kultur ist ein Wert an sich! Da braucht es keine Tourismus- und andere wirtschaftlichen Kennzahlen.

Wir machen Kunst - und alle zahlen es?

Zinggl: Was ist das für ein polemischer Unterton? Eine Gesellschaft ist an kultureller Leistung interessiert, damit sie sich weiterentwickelt. Es braucht Avantgardisten und Pioniere. Kunst kann viel verändern.


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