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Culture Clash

Ethik, Schmetik. In Finnland hat eine Politikerin gesagt, die Bibel stünde über dem Gesetz. Große Aufregung. Aber ist das nicht selbstverständlich?

Frontnachrichten
aus dem Kulturkampf

Große Aufregung in Finnland um Päivi Räsänen, Innenministerin und Chefin der kleinen Partei der Christdemokraten. Die Protestantin hat öffentlich kritisiert, dass Gesundheitspersonal in Finnland nicht das Recht hat, die Mitwirkung an einer Abtreibung abzulehnen, und gesagt: „Wir müssen uns fragen, ob wir den Mut haben, auch gegen die öffentliche Meinung, gegen den Druck in den eigenen Reihen und manchmal sogar gegen das Gesetz zu handeln, wenn sie dem Wort Gottes widersprechen.“

Für Räsänen steht also die Bibel über dem Gesetz, und sie hat dazu aus der Bibel zitiert: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Eigentlich ist das kein Aufreger. Denn jeder Mensch handelt nach einer ethischen Richtschnur, die für ihn über dem Gesetz steht. Vernünftigerweise ist daher auch nicht zu diskutieren, ob etwas über dem Gesetz stehen darf, sondern nur, ob denn die Bibel das darf. Dass einige finnische Bischöfe sich umgehend von Räsänen distanziert haben, hat da eine komische Note.

Das Ganze ist mit der Aufregung in unseren Breiten verwandt, die dann entsteht, wenn eine Umfrage offenbart, dass ein Teil der hier lebenden Muslime bei Gewissenskonflikten eher dem Koran als dem staatlichen Gesetz folgen will. Das gilt dann als untrügliches Zeichen von Fundamentalismus. Aber unsere Ethik beruht seit dem Ende der Nazi-Zeit darauf, dass man im Angesicht des Staates seinem Gewissen treu bleibt. Meist nennt man das Zivilcourage, und wir bewundern sie zu Recht an jedem Widerstandskämpfer. Die Freiheit lebt davon.

Wir könnten auch gar nicht beurteilen, ob ein Gesetz anständig oder unanständig ist, hätten wir nicht ethische Grundorientierungen, die dem Gesetz vorausgehen. Beim einen kommt diese Orientierung aus der Bibel, beim anderen aus dem Koran, bei wieder einem anderen aus seiner humanistischen Ethik, bei manchen aus dem Grundsatz „Alles ist okay, was mir nützt“, und bei einigen vielleicht auch aus dem Glauben „Wenn es eine Mehrheit beschlossen hat, dann ist es gut.“ Wie auch immer: Es ist nicht Fundamentalismus, sondern Charakterfestigkeit, wenn sich jemand an das hält, woran er glaubt.

Natürlich ist Charakterfestigkeit kein Strafausschließungsgrund. Gesetze dienen dem Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Das rechtfertigt, dass der Staat auf der Einhaltung der Gesetze besteht. Aber das heißt nicht: Du darfst keine anderen Götter haben als das Gesetz! Eine solche Haltung ist nicht Ausdruck einer liberalen, sondern einer totalitären Demokratie. Frau Räsänen scheint mir da liberaler zu sein als viele ihrer Kritiker.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2013)