Szene Deutschland. Was wird aus der großen Koalition von Kanzler und Künstler, wenn auf Gerhard Schröder die naturwissenschaftlich geprägte Angela Merkel folgt?
A
ngela Merkel ist die Welt des Kreati ven, des Schöpferischen und Visio nären verschlossen." Glaubt man der Berliner Politik-Beraterin Gertrud Höhler, steht es schlecht um die Koalitionschancen von Kanzler und Künstler in Deutschland, wenn Merkel an die Spitze kommt. "Sie hat sich noch nie in Bezug auf Kunst und Kultur dargestellt. Sie kommt aus der Naturwissenschaft und Mathematik und versucht, alles auf eine rationale Ebene zu übertragen, selbst menschliche Beziehungen", analysiert Höhler im Gespräch mit der "Presse". Nicht umsonst sage Merkel so oft: "Ich versuche, das ganz mathematisch zu sehen." Gut, sie sei in Bayreuth gewesen - "aber da bleibt doch ein merkwürdiges Grundgefühl, dass sie das nur macht, weil man es ihr gesagt hat". Merkels künstlerisches Desinteresse sei für das Land ein schweres Manko: "Nicht die Wirtschaft hat Deutschland berühmt gemacht."
"Einen Voltaire sperrt man nicht ein!", soll der französische Staatspräsident Charles de Gaulle gerufen haben, als einer seiner Minister Jean-Paul Sartre wegen angeblicher Komplizenschaft mit der algerischen Befreiungsfront verhaften lassen wollte. Neu ist es ja nicht, das Phänomen mangelnder Sympathie zwischen konservativen Politikern und dem Künstlermilieu. Ein kultivierter Waffenstillstand ist in Europa meist das Beste, was sich erreichen lässt. Der könnte mit der Regierungsumbildung nun auch in Deutschland Einzug halten. - Stirbt die deutsche "Künstlerrepublik"? Ade Kaffeekränzchen-Idylle im Kanzleramt, wo Schröder mit Martin Walser über deutsche Geschichte, mit Henning Mankell über Gott und die Welt plauderte; Schluss mit den intimen Vernissagen mit "Gerd"; den Huldigungen, etwa durch Günter Grass, der einmal meinte: Der Kanzler könne zuhören, wie das nur Willy Brandt gekonnt hätte.
Schröder war noch in die riesigen Fußstapfen seines SPD-Vorläufers getreten, auch wenn er sie nicht ganz ausfüllen konnte. Brandts Muster-Freundschaft mit Günter Grass und Heinrich Böll war nicht wiederholbar. Aber Schröder, im Unterschied zu Brandt kein Intellektueller, bemühte sich ernsthaft um den Dialog mit Autoren, ist auch mit vielen Bildenden Künstlern (etwa Jörg Immendorff) eng befreundet.
Wird Merkel ihrerseits "Hof-Künstler" an sich binden? "Merkel hat noch niemanden an sich gebunden, bis auf ihren Mann", behauptet der ehemalige deutsche Kultur-Staatsminister Michael Naumann. "Aber sie hat sehr wohl eine Beziehung zur Musik, zur Oper. In Österreich ist das ja selbstverständlich, bei uns nicht." Schröder hatte Anhänger in Literatur, Theater (Jürgen Flimm) und Malerei, im Pop wie im Film. "Schröder war die Idealbesetzung, sein Engagement war nicht aufgesetzt", sagt Naumanns Nachfolger als Kultur-Staatsminister, Julian Nida-Rümelin. Dass der Abstand zwischen Kunst und Regierung mit Merkel als Kanzlerin wachsen wird, bezweifelt er nicht. Selbst Christoph Schlingensiefs non-konformistisches Wahlkampf-Outing für Merkel sei doch mehr ein "Gag" gewesen.
In der Kulturpolitik erwartete er sich dennoch "eine erstaunliche Kontinuität". Auch Naumann befürchtet keine kulturpolitische "Trendwende". Das von Schröder geschaffene Amt des Kultur-Staatsministers wird auch von der CDU nicht in Frage gestellt.
Was wird Merkel statt Schröders Literatentreffen veranstalten, wenn die Literaten kein Interesse haben und selbst dezidiert konservative Autoren wie Botho Strauß sich lieber abseits halten? "Philosophentreffen" vielleicht, wie seinerzeit der von Autoren ebenfalls nicht gehätschelte österreichische Amtskollege? "Schüssel schart halt in Salzburg gelegentlich für die Kamera ein paar Leute um sich", meint Andr© Heller. In Österreich bescheinigt er nur einigen wenigen sozialdemokratischen Politikern ein "organisches" Interesse an der Kultur: Rudolf Scholten, aber auch dem "unendlich belesenen" Gusenbauer, der "mindestens ein Viertel seiner Zeit für geistige Aufrüstung" reserviere ("ob man's glaubt oder nicht"). Und Bruno Kreisky: "Mit ihm konnte man zwei Stunden über Hermann Broch reden." Kreisky war auch der einzige österreichische Politiker, der eingeladen wurde, beim größten internationalen Schriftstellerkongress, dem des "PEN", zu sprechen.
Trotz seines emsigen politischen Engagements findet Heller die Politik "ein unglaublich grobes Terrain, in das sich sehr selten zarte Wesen hineinverirren". Wer ein "seelisches Bedürfnis nach Zwischentönen" habe, werde sich auch ohne äußeren Anstoß der Kultur zuwenden. "Wer das nicht hat, wird leider häufig Politiker."