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Das Kuckucksei von J. K. Rowling: Ein starker Krimi unter Pseudonym

Kuckucksei Rowling starker Krimi
Kuckucksei Rowling starker Krimi(c) EPA (ANDY RAIN)
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„The Sunday Times“ enttarnte die Schöpferin Harry Potters: „The Cuckoo's Calling“ wurde nicht von einem Exsoldaten geschrieben, sondern von der britischen Bestsellerautorin.

Viele Rezensenten waren sich einig: „The Cuckoo's Calling“ sei ein guter Krimi, ein starkes Debüt des bis dahin unbekannten Briten Robert Galbraith. Der Held des 450 Seiten langen Romans ist ein Kriegsveteran, Cormoran Strike. Als Privatdetektiv untersucht er den Tod eines Models. Trotz des Lobes der Kritiker blieb das Buch beinahe unbeachtet. 1500 Exemplare wurden seit April verkauft, so die Verlagsgruppe Little, Brown & Company.

Dann aber entwickelte sich die Frage nach der Autorschaft von „Der Ruf des Kuckuck“ selbst zur Detektivgeschichte. Journalisten der „Sunday Times“ bezweifelten, dass es tatsächlich ein Erstlingswerk sei. Meldungen im Netz nährten ihre Skepsis. Nach ausführlichen stilistischen Untersuchungen und viel Scharfsinn war am Wochenende gewiss: Galbraith ist kein Exsoldat, sondern eine weltberühmte Frau. Auch diese Enthüllung erreichte die „Sunday Times“ per Twitter: J. K. Rowling, die Schöpferin der Bestsellerserie über den Zauberlehrling Harry Potter, habe den Krimi geschrieben, sagte ein anonymer Informant. Kurz darauf wurden seine Einträge gelöscht. Sogar der Account verschwand.

Rowling hat sich inzwischen ebenfalls zu Wort gemeldet, nachdem der Verlag ihre Autorenschaft zugegeben hatte: „Ich hatte gehofft, dieses Geheimnis noch ein wenig länger zu bewahren.“ Es sei eine befreiende Erfahrung gewesen, Robert Galbraith zu sein. Das Motiv für die Geheimnistuerei: endlich wieder ohne großen Erwartungsdruck veröffentlichen!

Damit ist jetzt aber Schluss. Innerhalb von Stunden führte der Roman auf der Liste von Amazon, das Buch machte 5000 Plätze gut. Künftige Ausgaben werden bereits den Hinweis auf die wirkliche Autorin haben, das nächste Abenteuer mit Detektiv Strike soll 2014 erscheinen.

Eine Verlagsredakteurin wird sich nun wohl fragen, ob sie einen Fehler begangen hat. Kate Mills von Orion hat das Manuskript abgelehnt. Es sei gut geschrieben, aber sehr still, sagte sie zur Rechtfertigung und twitterte: „Ich kann nun also sagen, dass ich J. K. Rowling zurückgewiesen habe. Ich habe Cuckoo's Calling gelesen und Nein gesagt. Gibt es noch jemanden, der das beichten will?“

Eine ganze Branche könnte das. Seit Daniel Defoe 1719 um den Erfolg des ersten Romans, „Robinson Crusoe“, kämpfen musste, wächst die Liste der Ablehnungen. Darauf findet sich auch John Grishams Erstling „Time to Kill“. Der Krimi wurde von 30 Literaturagenten retourniert. Inzwischen haben Grishams Bücher eine Auflage von hundert Millionen.

Ähnlich wie Rowling ging in seiner Frühzeit auch der US-Horror-Spezialist Stephen King vor. Er war bereits ein Star, mit unfassbarer Produktivität, als in den Achtzigerjahren enttarnt wurde, dass er unter dem Pseudonym Richard Bachman eine Reihe weiterer Romane geschrieben hatte. Kurzerhand ließ King sein Alter Ego an „Pseudonym-Krebs“ sterben.

Der Meister der Verstellung aber bleibt Fernando Pessoa, alias Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos, Bernardo Soares. Pessoa schuf für die Heteronyme sogar Biografien. Wer weiß, wie viele dieser anderen Ichs noch gar nicht erkannt sind?

 

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2013)