Über Lisl Goldarbeiter, Miss Universum 1929, wird ein Film gedreht. Dafür gesucht: Amateurfilm-Material aus Wien 1920-45.
Weltwirtschaftskrise, fast 200.000 Arbeitslose - und doch war 1929 für Österreich auch ein Triumphjahr: So klein und doch so schöne Frauen, staunte wohl mancher im fernen Texas, als dort im Juni die erste wirklich "universale" Miss Universum (davor waren die Wahlen auf die USA beschränkt) vorgestellt wurde: Lisl Goldarbeiter, eine 18-jährige Wienerin. Plötzlich war sie weltberühmt, sogar Franz Lehár wollte sie heiraten. Hollywood bot ihr eine Karriere an, sie lehnte ab: "Mein Leben ist in Wien."
Nun wird dieses Leben Gegenstand eines Dokumentarfilms: Der ungarische Filmemacher Péter Forgács hat unzählige alte Filme über Lisl Goldarbeiter gefunden, sie entstammen der 9,5-Millimeter-Kamera ihres Cousins und späteren Ehemanns Marci Tänzer: Er kam aus dem ungarischen Szeged nach Wien und verliebte sich heimlich in seine Cousine, er war es auch, der sie auf eigene Faust zur nationalen Vorentscheidung, der Wahl der Miss Austria, anmeldete. Auch diese Geschichte stiller Verehrung, enttäuschter Liebe und eines Happy End zwei Jahrzehnte später wird der Film "Da blüh'n die schönsten Frauen" zeigen, vor allem aber Wiener Zeitgeschichte - wozu die Wiener selbst beitragen können: Forgács sucht für sein Projekt, das Anfang 2006 fertig sein soll, Amateurfilm-Material aus den Jahren 1925 bis 1945, mit Aufnahmen aus Wien jeder Art: Alltags-, Straßen-, Ausflugs-, Familienszenen, Aufnahmen von Berühmtheiten, Kundgebungen, . . .
"A true and typical Wiener Mädel", urteilte 1929 die amerikanische Presse über die neue Schönheitskönigin. Eine nationale oder zumindest hauptstädtische Aktion war ihre Reise ins texanische Galveston: Für ihren Auftritt wurde "Lisl", die mit ihrer Familie eine Ein-Zimmer-Wohnung bewohnte, von Wiens größten Warenhäusern eingekleidet, außerdem hatte das "Neue Wiener Tagblatt" Geld gesammelt. Dafür musste "Lisl" dessen Lesern aus dem fernen Amerika regelmäßig Bericht erstatten.
Miss-Wahlen - eine patriotische Angelegenheit. Auch vier Jahre später in Deutschland, aber umgekehrt: Das NS-Regime verbot kurzerhand Deutschlands Mitwirkung am internationalen Schönheitsbewerb. Der vertrug sich nicht mit dem Ideal der "deutschen Frau". "Ein Rätsel, das man nicht raten kann: Wer ist Miß England? Miß Ungarn? . . .", betitelte die "Berliner Illustrierte Zeitung" einen Artikel zum Verbot, zeigte Porträts der "Miss-Universum"-Kandidatinnen und rügte: "Man kann ihre Herkunft, ihre Heimat, ihr Volkstum nicht bestimmen. Das ist kein Zufall: denn diese gepflegten, ,mondänen' Köpfe sind nicht aus den breiten Schichten eines Volkes emporgehoben, sondern gewöhnlich aus den Zirkeln eines großstädtischen Vergnügungsbetriebes."
Die einfache "Lisl" entsprach den Nazis dennoch nicht: Ihr Vater war Jude, wurde in der Reichskristallnacht in seiner Wohnung schwer verletzt, die Eltern flohen nach Ungarn. Als Lisls erster Ehemann sich weigerte, ihnen zu helfen, kam es zum Bruch, Lisl Goldarbeiter emigrierte ebenfalls nach Ungarn. Ihr Vater wurde ins KZ Strasshof deportiert und, nachdem er dort unerlaubt um Brot gebettelt hatte, in Wien von der Gestapo hingerichtet. Marci Tänzer verbrachte fünf Jahre in russischer Gefangenschaft, nach seiner Rückkehr 1949 heiratete er seine Cousine - da war sie knapp 40 Jahre alt. Lisl Goldarbeiter starb 1996 in Ungarn.
Filmmaterial an Peter Janecek, Mischief Films, Goethegasse 1, 1010 Wien. Das Material wird kostenlos auf DVD oder Video überspielt. Info: 0699/11 80 33 83 oder per E-Mail: missuniverse1929@gmx.net.