Zwangsekstase in Mankers Wagner-Grottenbahn

Mankers Wagner Grottenbahn
Mankers Wagner Grottenbahn(c) ANNA-M. FIALA
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Paulus Manker inszeniert im verfallenden Post- und Telegrafenamt seine Idee von Wagner, eine ironiefreie, pathetische Theaterinstallation ohne Zwischentöne. Eine Kunstausstellung führt in weitere Dimensionen.

Paulus Manker, der Mann fürs Grobe. Die Besessenheit ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, nach seiner jahrelangen „Alma“- beziehungsweise Kokoschka-Show ist er der Witwe im Wahn jetzt in ihre Abgründe gefolgt. Im Geiste und auch psychogeografisch sozusagen. Denn durfte Alma Mahler voriges Jahr noch ein letztes Mal in der Beletage des schändlich verfallenden ehemaligen Post- und Telegrafenamts spuken, muss man ihr jetzt in den Keller folgen, psychoanalytisch den Ort des Unbewussten, sie war glühende Wagnerianerin.

Dort hat Manker Leben und Werk von Richard Wagner zu dem verdichtet, was ihn an dem polarisierenden Gesamtkunstwerkler fasziniert hat, der Wahn, der Sex, das Genie, der Antisemitismus. Eine der „Alma“-Inszenierung verwandte Theaterinstallation der Extreme, die man sich von Raum zu Raum, von Gewölbe zu Maschinenhalle ergehen und über sich ergehen lassen muss. Für schwache Nerven ist das nichts, Wagner und seine Geister haben es sich hier in genüsslich zelebrierter Grottenbahnatmosphäre gemütlich gemacht. So gemütlich wie Manker es ihnen erlaubt, also gar nicht. Sein Theater meidet Zwischentöne wie der Teufel das... So viel zu den Klischees, die hier zumindest bei der Generalprobe am Montag über (fast drei) Stunden reproduziert werden.

Kenne jeder nur seinen „Ring“!

Von einem beeindruckenden, anscheinend leidensresistenten Schauspielerteam, das in rasantem Wechsel zu schreien, zu raunen und zu flüstern hat. Wie Untote hängen sie nach dem Abstieg des Publikums erst in den Installationen der Räume, bis das Drama beginnt. Wer in Wagner-Biografie und „Ring“-Kunde nicht firm ist, wird seine Schwierigkeiten haben diese Textcollage aus Briefen und Libretto für sich halbwegs sinnvoll zu erschließen. Dagegen hatte das „Alma“-Stück eine nahezu stringente Handlung.

Der Monolog von Hitler-Freundin Winifred Wagner im einsamen Kellerabteil ist da noch recht leicht zuzuordnen, auch die Klage der unglücklichen Minna, Wagners erster Frau, die ihrem treulosen Gatten nervig folgt, der diesmal in Form eines gruseligen Puppenkopfs sein „Minna, Minna!“ ins spärlich beleuchtete Raumeck stöhnen muss. Warum einem beim Hinaustreten auf den Gang eine vorbeischwebende Schöne „Berauschet euch!“ flüstert, weiß man zwar nicht, recht hat sie allemal. Das Baudelaire-Zitat, wie man dem Programm entnimmt, ist einer von wenigen Fäden, die sich durch das Gewimmel ziehen. Ein anderer ist die Figur des „Ewigen Juden“, der einen Wagners Antisemitismus nie vergessen lässt.

Auch nicht überhören („Hat ein genialer Mann auch das Recht ein großer Schuft zu sein?“), schon gar nicht übersehen kann man die armen Frauenseelen, die den Weg des Meisters zum Ruhm ermöglichten. Sie winden sich blutbefleckt auf Betten (verlorenes Kind wahrscheinlich), winden sich in Ketten gelegt, winden sich an Ketten in der Luft hängend. Und ja, ab der Hälfte etwa sind sie dabei fast alle nackt. Ab da wird's inszenatorisch dann doch recht erbärmlich – wozu die ganzen nackten, schreienden Weiber dauernd? Wohin kann man entkommen vor lauter grober Symbolik, vor den Fackeln, den Taschenlampen, den Särgen, den Ketten, den Kreuzen, dem Blut, dem Wasser, den Titten?

Zum großen Schlussbild, vom Greis endlich an die Oberfläche geleitet, kommt dann auch noch ein Leichenwagen mit Pferdegespann, den Toten abzuholen. Es ist vollbracht. Und man steigt im besten Fall wieder hinab, wo jetzt köstlich gespeist wird nach historischem Bayreuth-Menü (Fasanenbrust auf Rahmlinsen!). Im schlechtesten Fall (des Hypochonders) spürt man die nahende Lungenentzündung, es ist schweinekalt dort unten über die Dauer (das ist eine ernsthafte Warnung, an die Damen vor allem).

Im allerbesten Fall aber schaut man sich die Ausstellung an. Das muss man Manker wirklich lassen. Das, was die Wiener Festwochen seit Jahren nicht schaffen, hat er ohne jegliche Subventionen, was schändlich ist, auf die Beine gestellt. Auf die Beine stellen müssen, hier geht's schließlich ums Gesamtkunstwerk! 40 Künstler quer durch alle Szenen machten mit, von Erwin Wurm bis Hans Hollein, betreut von Ex-Künstlerhaus-Chef Peter Bogner und Florentina Welley (und Manker natürlich). Hermann Nitsch kam gleich mit dem Lastwagen und den Relikten seines „Parsifal“-Zweitagesspiels 2004. Hannes Mlenek, der Extremmaler, machte sich berserkerisch über Boden und Decke her und schenkte dem Haus das, was es dringend braucht, einen nackten Mann, er gibt dem Siegfried Sex, na gut, Erotik.

„Extase“ in Neon liefert Katharina Razumovsky, so überschreibt sie jedenfalls das wuchtige Gebirge aus Lüftungsrohren, das sich am Eingang türmt. Dahinter hängt über alle Geschoße ein silbriger Kettenwasserfall von Rudi Stanzl, der die Initialen von Wagner und Manker zu einem macht, von wegen Größenwahn... Die Ausstellung umfasst das gesamte Erdgeschoß mit ein paar Ausläufern im Keller, etwa dem in niedrigem Gewölbe schwebenden Archetyp von Guido Kucsko. Toll auch die unerreichbaren Schaukelstühle mit Nazi-Platte von Philipp Goldscheider oder Ona B.s mit Wagner-Sprüchen übermalten türkischen Softpornoplakate – der Platz geht aus, die Ausstellung weiter, man muss sie unbedingt sehen. Um die Fallhöhe (selbst ernannter) Genies zu begreifen, sollte man auch dem geheimen Walhalla dieser Totalinszenierung einen Besuch abstatten, das hier rekonstruierte Zimmer, in dem der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief an seiner Bayreuth-Inszenierung gearbeitet haben soll. Behauptet Manker, der ihn als wahren Nachfolger Wagners verehrt. Er hat die Möbel gekauft, Berührungsreliquien erster Klasse. Und sein eigenes Arbeitsbett im Nebenraum platziert. Da fehlen einem dann die Worte.

Auf einen Blick

Ausstellung „Wagner Extase“: 17.Juli bis 17.August, täglich außer Montag, 13–17Uhr, Telegrafenamt, Börseplatz1, Wien1.

Theater „Wagnerdämmerung“: Restkarten unter tickets@wagner200.com, Preis: 125Euro (inkl. Essen und Getränke), gespielt wird im Keller, warm anziehen!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2013)

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