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Mexiko: Drogenbekämpfung im Verborgenen

Mexiko Drogenbekaempfung Verborgenen
Mexiko Drogenbekaempfung Verborgenen(c) EPA (TONATIUH FIGUEROA)

Kartellchef Miguel Ángel Treviño ging einer Eliteeinheit ins Netz. Mexikos Behörden führen den Kampf gegen Mafia und Drogenkartelle weiter voran.

Mexiko-stadt. Es ist der erste große Erfolg, den Mexikos Ordnungskräfte unter dem seit Dezember 2012 amtierenden Präsidenten Enrique Peña Nieto im Drogenkrieg erzielt haben: Gestern ist es einer Einheit der Marine gelungen, Miguel Ángel Treviño zu verhaften, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Treviño alias „Z 40“ war der Anführer des für seine Brutalität berüchtigten Kartells „Los Zetas“.

Über die Auswirkungen der Festnahme kann gegenwärtig nur spekuliert werden. Wahrscheinlich wird das Sinaloa-Kartell als erbittertster Rivale der Zetas profitieren. Dass dank der Ausschaltung Treviños das Ende des Drogenkrieges nähergerückt ist, dürfte sich jedoch als Wunschdenken herausstellen. Schon in der Vergangenheit hat die Polizei immer wieder Kartellchefs ausgeschaltet. Zwischen deren Untergebenen beschwört dies meist Nachfolgekämpfe herauf, was die Gewalt nicht vermindert, sondern anheizt. Treviños Festnahme haben sowohl mexikanische als auch ausländische Medien prominent vermeldet. In den vergangenen Monaten berichteten nationale und internationale Medien hingegen selten über den Drogenkrieg. Mexiko wird neuerdings nicht als Schlachtfeld enthemmter Verbrecherorganisationen geschildert, sondern als kommende lateinamerikanische Wirtschaftsmacht. Bei seinem Amtsantritt hat Peña Nieto versprochen, die Mord- und Entführungsrate binnen eines Jahres auf die Hälfte zu reduzieren.

Vergangene Woche verkündete die mexikanische Regierung, die Zahl der Toten im Drogenkrieg sei während der vergangenen sieben Monate im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gesunken. Experten bezweifeln die Erfolgsmeldung. Ihren Analysen zufolge setzte bereits am Ende der Regierungszeit von Peña Nietos Vorgänger Felipe Calderón ein leichter Rückgang ein, was angesichts der horrenden Zahl von mehr als 15.000 Toten 2011 alles andere als überwältigend sei. Der neue Präsident habe höchstens eine Reduktion um neun Prozent geschafft.

Die Zahl ist außerdem leicht zu manipulieren, weil bei manchen Tötungsdelikten unklar ist, ob sie das organisierte Verbrechen begangen hat. Werden sie als „normale Morde“ registriert, sinken automatisch die Opferzahlen des Drogenkrieges.

Im Kern hat Peña Nieto die Strategie seines Vorgängers beibehalten, nämlich Armee und Marine im Kampf gegen das organisierte Verbrechen einzusetzen. Revolutioniert hat er hingegen die Kommunikation. Anders als unter Calderón werden verhaftete Kartellbosse nicht mehr im Fernsehen gezeigt, und selbst Treviño haben die Behörden bisher den Medien vorenthalten.

 

Neue nationale Gendarmerie

Die Polizei verschweigt die Spitznamen der Bosse, über ihre Biografie und Gräueltaten erfährt die Öffentlichkeit wenig. Im März starben in der Stadt Reynosa an der Grenze zu den USA bei einer Schießerei 50 Personen, ohne dass die nationalen Medien davon berichteten. Erst als die Meldung in sozialen Netzwerken zu zirkulieren begann, gingen einige Zeitungen auf das Massaker ein.

Die Taktik des Verschweigens hat das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung verbessert. Doch wenn es der Regierung nicht gelingt, die Gewalt deutlich zu vermindern, droht der Effekt ins Gegenteil umzuschlagen. Es könnte der Eindruck entstehen, die Behörden erreichen wenig und beschränken sich darauf, die Barbarei zu vertuschen. Diese Gefahr ist umso virulenter, als die wichtigste von Peña Nieto angekündigte Maßnahme nur halbherzig umgesetzt wird: die Schaffung einer nationalen Gendarmerie.

Über deren Größe und Aufgaben sowie über die Abgrenzung zur bestehenden Bundespolizei sind die offiziellen Verlautbarungen verworren. Wann sie operativ tätig wird, ist unklar. Ohnehin ist zweifelhaft, ob ein zusätzliches Polizeicorps ausreicht, um Macht und Gewalt der Drogenkartelle einzudämmen.

Hinzu kommt eine besorgniserregende neue Entwicklung. War Mexiko-Stadt bisher vom Drogenkrieg nahezu verschont geblieben, haben sich in den vergangenen Monaten Gewalttaten ereignet, wie sie für das organisierte Verbrechen typisch sind.

Besonders schockiert reagierte die Bevölkerung, als im Mai ein Kommando gegen Mittag vor einen Club in der touristischen Zona Rosa vorfuhr und zwölf junge Frauen und Männer kidnappte. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.

 

98.500 Tote bis 2018

Die Stadtregierung unter dem linken Bürgermeister Miguel Ángel Mancera bestritt zunächst das Offensichtliche: dass es sich um ein Verbrechen der Drogenmafia handelte. Während der letzten sechs Monate hat der Drogenkrieg in Mexiko-Stadt rund 160 Opfer gefordert, 43 Prozent mehr als im Halbjahr zuvor. In der zweitgrößten Stadt Guadalajara, wo sich das Kartell von Sinaloa und die Gruppe „Jalisco Neue Generation“ bekämpfen, starben 320 Personen.

Reduziert sich die Mordrate im selben gemächlichen Tempo weiter wie bisher, werden bis zum Ende von Peña Nietos Amtszeit im Jahre 2018 rund 98.500 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen sein. Insgesamt 103.000 waren es unter Calderón.

Auf einen Blick

Miguel Ángel Treviño, Anführer des für seine Brutalität bekannten Drogenkartells „Los Zetas“, wurde von der mexikanischen Polizei verhaftet. Über die Verhaftung wurde zunächst nicht in den Medien berichtet. Die Behörden wollen mit der Taktik des Verschweigens das Sicherheitsempfinden stärken. [Reuters]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2013)