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Festspiele: Jeder liebt doch den Teufel im „Jedermann“

Festspiele
Festspiele(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Die Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes im Gespräch über Hofmannsthals wunderschöne Sprache, die Magie von Open Air, das Publikum als Hauptdarsteller und die Herausforderung, Spiritualität zu zeigen.

Die Presse: Wie berühmt ist Hugo von Hofmannsthal in Großbritannien und den USA?

Julian Crouch: Leider ist er bei uns nicht sehr bekannt. Ich hatte ihn nicht gekannt, ehe ich dieses Projekt angenommen habe. In England sind wir nicht so international, wie man hierzulande ist. Wir haben ziemlich viel Shakespeare, das macht überheblich.

Brian Mertes: Mich hat es schockiert, als ich an der Inszenierung zu arbeiten begann, dass ich Hofmannsthals Gedichte und Dramen nicht kannte, nur die Opern mit seinen Libretti. Jetzt graben wir uns durch sein Werk. Seine Sprache ist wunderschön.

 

Vertraut dürfte Ihnen der „Everyman“ sein. Wie ist dieses spätmittelalterliche Stück, auf das sich Hofmannsthal bezieht, damit zu vergleichen?

Crouch: Ich kenne inzwischen den „Jedermann“ viel besser als den „Everyman“. Aber wenn man so intensiv an einem Stück arbeitet, fallen bald alle Vergleiche weg. Hofmannsthal hat die Ikonografie des „Everyman“ übernommen, aber er hat ihr sehr menschliche Wendungen gegeben.

Mertes: Der „Everyman“ ist nicht wirklich ein religiöses Stück, es fühlt sich für uns konzeptionell und emblematisch an. Hofmannsthal hingegen belebt die Figuren, er umarmt den Katholizismus und die kirchlichen Lehren wirklich. Aber die Kirche selbst wird im „Jedermann“ nicht repräsentiert. Es gibt keinen Mönch, keinen Priester. Es ist gut, dass er den Teufel in die Geschichte einführt. Jeder liebt den Teufel, es ist doch toll, wenn der am Ende auftaucht.

 

Was für einen Eindruck haben Sie vom Domplatz?

Crouch: Er ist so geschlossen, wie ein Platz im Freien nur sein kann, wenn man es mit Aufführungen auf Wiesen oder an Flussufern vergleicht. Allein von der Zuseherzahl sind die Aufführungen hier gewaltig, aber es hat uns überrascht, wie intim das Ganze dennoch wirkt. Die Herausforderung für uns besteht eher darin, dass man zwei verschiedene Bühnen bedienen muss. Wenn es regnet, gibt es ja die Aufführung im Großen Festspielhaus. Wenn das Publikum fokussiert ist, kann sich gerade auch in sehr großen Räumen starke Nähe ergeben. Wir spielen draußen, und outdoor macht Theater noch mehr „live“, als es ohnehin ist.

 

Was sind die Nachteile von Open Air?

Mertes: Regen. Und Hitze. Aber dass sich die Umstände draußen ständig ändern, macht die Aufführungen noch lebendiger. Wichtig ist auch die Sonne, mit der arbeiten wir sozusagen zusammen. Sie sorgt für die Beleuchtung. Es ist magisch, wenn die Szene nach und nach dunkler wird.

Gefällt Ihnen die barocke Fassade?

Crouch: Ja, aber mein Traum wäre etwas noch Älteres, ein romanischer Bau. Wir wollen weit zurück zum Original, zum Straßentheater, vor einer Kathedrale. Mein Vater, der vor Kurzem gestorben ist, war ein Experte für mittelalterliches Theater. Unmittelbar nach seinem Tod bekam ich das Angebot für die Inszenierung des „Jedermann“. Die Inszenierung ist auch für ihn, es ist ein religiöses Stück, aber keines über die Kirche.

 

Was verbindet Sie als Regisseure?

Mertes: Wir sind beide an Geschichten interessiert. Ich behandle den Text wie ein Objekt und drehe und wende ihn nach allen Seiten. Ich will herausfinden, was unter dem Gesagten liegt. So ergeben sich viele Möglichkeiten der Darstellung. Objekte müssen nicht perfekt funktionieren. Wir mögen es auch, dass etwas schiefgeht, dass ein Objekt auseinanderbricht. Dann kann man zusehen, wie es wieder zusammengebaut wird.

Crouch: Für uns gehören die Zuseher zu den Gestaltern der Aufführung. Schon Max Reinhardt wusste, dass das Publikum ein Partner ist, ein Hauptdarsteller. Wenn man es ihm zu leicht macht, funktioniert das Stück ebenso wenig, wie wenn es zu kompliziert wird. Es muss aber immer einen Spalt geben, einen Riss, der das Publikum beschäftigt, das gilt auch für die Schauspieler, Designer, Regisseure. Wir brauchen auch Leerstellen oder Irritationen für die Fantasie.

 

Wie kommen Sie mit den österreichischen und deutschen Schauspielern zurecht?

Crouch: Da sind wir nur scheinbar im Nachteil, weil wir nicht deutschsprachig sind. Aber das macht die Zusammenarbeit so außergewöhnlich. Wir müssen den Schauspielern hier noch mehr vertrauen als englischsprachigen. Wir kommen rein, als Fremde, sagen ihnen, was wir wollen, und sind dabei wohl auch manchmal Idioten. Die Leute hier spielen großartig! Brigitte (Hobmeier, die Buhlschaft, Anm.) zum Beispiel ist so intelligent und hat so viel Instinkt. Sie sollte es auch einmal mit Regie versuchen. Und Conny (Obonya, der Jedermann) hat so viele Verbindungen zum Stück, nicht nur durch seine Familie. Sein Großvater (Attila Hörbiger) gab hier bereits den Jedermann. Conny hat den Mut, das Stück woanders hinzuführen.

 

Was bedeuten für Sie heutzutage noch Allegorien und religiöse Symbole?

Crouch: Meine Eltern waren Kulturgeier, nicht religiös, aber sie haben Kultur förmlich aufgesaugt. Wenn ich mit ihnen unterwegs war, haben wir jede verflixte Kirche besucht, jede Gemäldegalerie. Ich habe als Kind Grimms Märchen verschlungen. Bei alten Stücken fühle ich mich richtig wohl.

Mertes: Allegorie ist ein literarischer Begriff. Wir machen hier aber Theater und lassen uns auf Mythen ein, mit Musik und Emotionen. Unsere Aufgabe ist es vor allem, die Figuren zum Leben zu erwecken, sie sinnlich erkennbar zu machen, zum Beispiel, wenn der Glaube zu Jedermann spricht.

Crouch: Glaube und Vergebung sind schwierig darzustellen, im Vergleich dazu sind die Tücken des Reichtums ein Leichtes. Wir alle wissen, was Mammon macht. Aber wer weiß schon, was gute Werke sind? Das ist eine moderne Herausforderung, so wie das Erzeugen echter Spiritualität.

 

Was halten Sie von ewiger Verdammnis?

Mertes: Das ist ein Relikt des Alten Testamentes – der strafende Gott. Das Neue Testament gibt jedem einzelnen Menschen einen Ausweg – Glaube und Bitte um Vergebung. Das ist Fortschritt und zugleich eine gute Verkaufsstrategie. Man muss sich etwas Größerem unterwerfen. Aber wie auch immer, Altes oder Neues Testament, in beiden Fällen macht das den Charakter des Luzifer so interessant. Er unterwirft sich nicht. Luzifer ist auch ein Teil unseres Charakters.

Ein britisch-amerikanisches Duo

Julian Crouch wuchs in Schottland auf. Er begann seine Karriere als Masken- und Puppenbauer bei Freilichtspektakeln.

Brian Mertes wuchs in Kansas auf. Neben dem Theater (Tschechow, Zeitgenössisches) inszenierte er auch für das Fernsehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2013)