Robbie Williams blamierte eine junge Frau während eines Deutschlands-Konzerts bis auf ihre Brüste. Bei den Protesten in Bulgarien spielen nackte Brüste eine völlig andere Rolle.
Während wir uns in Österreich einfach haltlos freuen, dass Robbie Williams da ist, sind die deutschen Feuilletons noch mit der Aufarbeitung seines Gender-Schlachtfelds beschäftigt. Bei seinem Konzert in Gelsenkirchen hat er eine 20-jährige Bewunderin aus dem Publikum auf die Bühne gebeten. Nur, um das gesamte weitere Konzert anlassige Kommentare über ihre üppige Oberweite zu schieben. Ob gestern abend auch in Wien ein Mädchen zu dieser Ehre kam, vor tausenden Menschen auf ihre Brüste reduziert zu werden, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Ob sich darüber irgendwer aufgeregt hat, ebenfalls nicht.
Sexismus wird schlimmen Buben einfach nachgesehen, darüber kann man auch während Paulus Mankers Wagner-Vermantschung im Keller des Telegrafenamts nachdenken, bei dem ab der Hälfte des Stücks der Großteil der Schauspielerinnen nackt sein müssen. Wozu auch immer. Der Robbie eben. Der Manker eben. Prüde Feministin eben. Ja, stimmt! Da gab es doch tatsächlich einmal eine ernst zu nehmende Debatte darüber, wie Frauen dargestellt werden und wie sie sich darstellen. Das vergisst man beinahe, wenn einem zur Zeit aus jeder Gratiszeitung die willigen Mädels von den Bikiniwettbewerben entgegenstrahlen. Mit ihren „Augen“, würde Robbie es beschreiben. Und mit seinen Händen die Formen in der Luft noch einmal nachzeichnen. Hat dieser Exhibitionismus etwas mit erstarktem weiblichen Selbstbewusstsein zu tun? Wahnsinnig selbstbewusst hat die junge Frau auf Robbie Williams' Bühne jedenfalls nicht ausgesehen. Eher ziemlich verlegen.
Wirkt also alles eher so, als wären wir wieder dort, wo wir in den 1960ern das letzte Mal waren, als sich Pin-ups und Freiheitskämpferinnen ebenfalls derselben Mittel für völlig konträre Aussagen bedienten. Nicht zufällig erinnern die „Femen“-Aktivistinnen an die Blumenmädchen, die 1969 das „Busenattentat“ auf den theoretischen Linken Theodor Adorno verübt haben. Bei den Antiregierungsprotesten in Sofia dieser Tage wird ebenfalls eine barbusige Frauenfigur zum Symbol des Aufstands gegen die Oligarchie.
Auf Facebook macht das Foto einer Art lebenden Bildes die Runde, in dessen Mitte ebenfalls eine junge Frau mit nackten Brüsten steht. Nachgestellt wurde das berühmte Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“, das Eugène Delacroix anlässlich der Julirevolution 1830 gemalt hat. Barfüßig und barbusig wie eine Göttin erklimmt in diesem Bild eine Frau die Barrikaden, in der Hand weht die „Tricolore“. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein Foto mit dieser Geste. Von der Bühne des Robbie-Williams-Konzerts.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2013)