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Razzien gegen Neonazis: Planten „Werwölfe“ Attentat?

Razzien gegen Neonazis
Razzien gegen Neonazis(c) EPA (Karl-Josef Hildenbrand)
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Sechs junge Männer aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden wollten das „System beseitigen“. Laut Verfassungsschutz werden die Neonazis weniger, aber immer gewaltbereiter.

Berlin/Gau. Sie waren das letzte Aufgebot von SS-Chef Himmler: die „Werwolf-Kommandos“, die gegen Ende des verlorenen Kriegs in den befreiten Teilen Deutschlands Angst und Schrecken verbreiten sollten. Ihr Auftrag: Attentate gegen die Besatzungsmächte und Sabotage. Die eilig rekrutierte Guerilla verwandelte sich in der Lügenwelt der Propaganda zum spontanen Volksaufstand. Doch die militärisch unerfahrenen „Rudel“ aus fanatisierten jungen SS-Männern, Hitlerjungen und BDM-Mädchen konnten ihren mörderischen Frust nur noch an Deserteuren abreagieren. Zuletzt erging im Radio ein Appell an alle Deutsche, sich in solche Werwölfe zu verwandeln: „Hass ist unser Gebet und Rache unserer Feldgeschrei.“

Am Mittwoch wurde die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es solchen Hass immer noch gibt. Bei einer koordinierten Razzia versuchte die Polizei in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden, Beweismaterial gegen sechs junge Männer zu sammeln. Sie sollen ein rechtsextremes „Werwolf-Kommando“ gegründet haben, um das „politische System in Deutschland zu beseitigen“, erklärte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe.

Sie hätten Bombenanschläge erwogen und geplant, Waffen und Sprengstoff zu besorgen. Mangels eines dringenden Tatverdachts wurde aber niemand festgenommen, betonte die oberste deutsche Anklagebehörde. Die niederländische Polizei berichtet hingegen von einer Festnahme bei ihrer Razzia in der Nähe von Den Haag.

 

Keine Verbindung zum NSU

Die Fahnder ermitteln schon seit Monaten verdeckt gegen die Gruppe. Doch sie gerieten an einen toten Punkt, weil die Neonazis ihre elektronische Kommunikation durch einen eigens programmierten Code verschlüsselten. Die Razzien in Wohnungen, Geschäftsräumen und Gefängniszellen waren ein Befreiungsschlag. Nun will man Computer und Schriftstücke auswerten und so die Anschlagspläne nachweisen. Kopf der Gruppe ist der inhaftierte Schweizer Rechtsextremist Sebastien N. Sein Körper ist mit Nazisymbolen tätowiert, an seiner Brust prangt angeblich ein Hitler-Porträt. Er soll im Mai 2012 in Zürich einen Mann niedergeschossen haben. Nach einer zweitägigen Flucht wurde er in Hamburg festgenommen und an die Schweizer Justiz überstellt.

Verbindungen der „Werwölfe“ zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) gibt es offenbar keine. Die Hinweise gegen die neue Zelle stammen nicht aus den Ermittlungen gegen das Terror-Trio, sondern aus belastenden Zeugenaussagen. Ob Zufall oder nicht: Die spektakuläre Aktion mit über 50 Polizisten in Deutschland erfüllt noch einen anderen Zweck. Sie demonstriert, nach dem Ermittlungsdebakel gegen den NSU, dass die deutsche Polizei und der Verfassungsschutz die gewaltbereite rechtsextreme Szene wieder im Auge und im Griff haben.

Schon im Juni warnte Hans Georg Maaßen vor rechtem Terror. Zwar gehe die größere Gefahr von den Salafisten aus, erklärte der Präsident des Verfassungsschutzes bei der Präsentation seines Jahresberichts. Während die Zahl der militanten Islamisten wächst, schrumpft die rechtsextreme Szene: von 50.900 im Jahr 2000 auf zuletzt 22.150. Aber dieses letzte Aufgebot gebärdet sich immer aggressiver: Jeder Zweite ist gewaltbereit. Auch wenn laut Maaßen nur wenige so weit gehen, die NSU-Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin gut zu heißen: „Wenn es nur eine Person gibt, die sich den NSU zum Vorbild nimmt, muss man sie im Blick haben.“

 

Zschäpe im Prozess belastet

Im NSU-Prozess in München hat einer der vier mutmaßlichen Unterstützer der Terrorzelle die Hauptangeklagte Beate Zschäpe belastet. Holger G. beschrieb sie in einer polizeilichen Vernehmung als durchsetzungsstark, „auf gleicher Höhe mit den anderen“ und gewaltbereit. Die Mitangeklagten Holger G. und Carsten S. sollen den Terroristen die Waffen besorgt und überbracht haben. Carsten S. entlastete noch im Juni die einzige Überlebende des Trios: Über die geplanten Anschläge sei in ihrer Gegenwart geschwiegen worden.

Beide Zeugen schießen sich auf den früheren NDP-Funktionär Ralf Wohlleben ein: Er habe ihnen die Aufträge gegeben und anders als sie genau Bescheid gewusst. Zschäpe selbst hat ihr Schweigen bis heute nicht gebrochen. Der Prozess, einer der wichtigsten in der jüngeren deutschen Geschichte, startete im April und soll mindestens zwei Jahre dauern.

Auf einen Blick

„Werwolf-Kommando“ nennt sich die mutmaßliche rechtsextreme Terrorzelle, der die deutsche Polizei auf der Spur ist. Nach verdeckten Ermittlungen über mehrere Monate fand am Mittwoch eine koordinierte Razzia in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden statt. Kopf der Gruppe soll ein Schweizer Neonazi sein, der dort wegen Mordverdacht inhaftiert ist. Laut Ermittlern hat die Zelle Bombenanschläge erwogen und den Kauf von Waffen und Sprengstoff geplant. Zum Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) besteht aber offenbar keine Verbindung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2013)