"Oh Lord, I wanna go home . . .": Es geht ja auch ohne Frohbotschaft. Irgendwie.
Mei ärgste Weihnachten war am Nordbahnhof. Aber die Leut' von rundherum ham Zigarett'n bracht und Schnitzel und gebratenes Gansl." Jetzt sitzt Franz, Ex-Vielverdiener, Ex-Adressloser und seit kurzem Mieter einer 41-Quadratmeter-Wohnung, als einer von rund 700 an einem der mit rotweißem Plastik (weihnachtsmännisch? österreichisch?) gedeckten Tische, die sich mit Gösser-Dosen und Gulaschschüsserln füllen, mit Keksbröseln, Asche, weißen Plastikbechern mit roter Schrift: "Ottakringer - Bezirk mit Herz". Stadthalle, Halle E, zwei Abende vor Heiligabend: beim von der SPÖ initiierten "Fest für Adresslose" - und für die vielen, die zwar eine Adresse haben, aber nicht viel mehr.
"Weihnachten is ma wurscht - i bin Atheistin!" Für die Kaufkräftigen ist das kein Grund, Weihnachten nicht zu mögen. Hier schon. "Weihnachten g'fallt ma und g'fallt ma ned - kann mi ned erinnern. I war so lang allein", sagt ein anderer. Geschenke? "Vielleicht hob i Pech, und i kriag nix. Und tschüss!" Weihnachten war schön, sagt eine Dritte. Bevor sie zehn war und ihr Bruder den tödlichen Autounfall hatte - am Heiligen Abend. "Und i hab nie Kinder kriegt." Warum nicht? "Des waaß da Gott!!"
"Schuld war nur der Bossa Nova . . ." Es gibt auch Musik, nur nichts zum Kind in der Krippe. Weihnachten kann die seelische Gesundheit gefährden - also keine Frohbotschaft, die dran erinnert, dass alles auch ganz anders sein könnte. Und der Weihnachtsmann, der feiste Wicht, lässt nur farblich grüßen. Wäre er hier, würde ihm einer wohl die Pausbacken einschlagen.
Dafür warten 750 "Spar"-Sackerln, mit je 1 Stück Seife, 1 Duschbad, 1 Shampoo, 1 Fleischaufstrich, 1 Bahlsen-Lebkuchenpackung, 1 Nussstrudel, 1 Packerl Suppe. Dazu zehn Euro. Und davor das Bier, zwei pro Person. Letztes Jahr durfte man unbegrenzt trinken. Das Unfallkommando musste dann 20 Gäste mitnehmen.
"I hab nie getrunken", sagt Franz. "I hab immer g'wusst, wann i anfang, is es aus." Eine Scheidung, ein Hauskauf (von sieben Millionen Schilling Hypothek drauf habe er nichts gewusst) hätten ihn ruiniert. "In Waidhofen konnt i nimma bleiben, da hat mich ja jeder gekannt." Also fünf Jahre Tschechien, ein Jahr Wien Nordbahnhof, ein Jahr Wien Südbahnhof. Jetzt hat er nicht nur eine Wohnung, er will endlich versuchen, mit seinen drei Töchtern Kontakt aufzunehmen, die er seit der Scheidung nicht gesehen hat. "Das konnt i ned, so lang i auf da Straßn war." Weihnachtswunsch hat er keinen: "Mir fallat nix ein, so glücklich bin i im Moment mit der Wohnung."
"I will survive, I will survive . . .", schallt es allen Mut zu. "In Österreich muss niemand verhungern, niemand erfrieren", versichert mir einer der Helfer. Helmut sitzt strahlend zwischen Krücken, Schrammen, Uringestank. Sogar der gepflegt aussehende alte Herr neben ihm riecht nicht so sauber, wie er aussieht. Gerade eben habe er sich "angwaschelt", aber am Abend in der "Gruft" bekomme er ein neues Gewand. Mehrere Stunden täglich arbeitet Helmut zusätzlich zur Nachtarbeit in der Bäckerei im Caritas-Betreuungszentrum für Obdachlose. Warum? "Weil i das gebraucht hab. Das ist meine Erfüllung." Die erste "Erfüllung" war seine Frau. "Mit 19 Jahren hab ich geheiratet, mit 26 war ich verwitwet." Ein Autounfall, vor 20 Jahren.
Helfen ist schwer, sich helfen lassen oft noch mehr. "Wir haben genug Schlafplätze, aber manche wollen trotzdem auf der Straße schlafen, sie halten's nicht aus drin, die können selbst nicht erklären, warum." Die Caritas-Schlafsäcke halten bis zu 15 Minusgrade aus. Auch eine Mülltonne wärmt halbwegs - ein Altpapiercontainer etwa.
"Wissen Sie, wann kriegen wir die zehn Euro?" Es gibt hier auch Männer, die den Euro nicht mögen. Erich kam früher mit 1000 Schilling eine Woche lang aus, jetzt brauche er 100 Euro. "Jetzt schreibn S bitte mit, was man zum Essen braucht: In der Früh um fünf" - er hat eine Tigerkatze - "Milch, Kaffee, Brot, Wurst oder Kas. Um neun Kaffee, Brot, Wurst. Um zwölf a Mittagessen, was zum Trinken. Um zwei Uhr a klane Jausn, a Cola. Am Abend um sechs a Abendessen. Miete, 100 Euro für die Katze, a G'wand. I kann ja ned umadumrennen wia a Sandler!" - Erich wartet als begeisterter Donauinsel-FKK-Bader im Winter auf den Sommer. Und Weihnachtswunsch hat er nur einen: "A guade Frau." Die aber "muss man mit der Lupen suchen". In der Halle E wird er sie nicht finden: "Mit ana obdachlosen Frau kann ma nix anfangen. Ana obdachlosen Frau kann ma ned vertrauen." - Von den vertrauensunwürdigen Frauen sind wenige hier. Laut Statistiken sind Frauen von Armut besonders betroffen. Laut Psychologen schämen sie sich besonders dafür.
Der Sänger vom "Stimmgewitter Augustin" legt sich ins Zeug. Warum tanzen von den 700 nur sieben, warum ist die Stimmung so flau? Schuld seien die Bierdosen, klagt ein SPÖ-Mitglied und packt die leere vor ihm, als wolle er sie erdrosseln. "Die passt fürs Beisl, für den Musikantenstadl, aber doch nicht für einen Weihnachtstisch!" Offenbar auch nicht für eine Partei, die "den zukünftigen Bundeskanzler" stellt: "Eine Katastrophe, wenn die anderen Parteien das erfahren, dann ist die SPÖ kaputt!" Wenn, dann Gläser, mit ein bisschen Wein, das werde er Herrn Gusenbauer sagen. Der sei sogar vorhin kurz hinter der Bühne aufgetaucht und sei gleich wieder verschwunden. "Er hat sich dann nicht hereingetraut." Hauptberuf des Herrn ist das Reparieren von Oldtimern, seine Hauptaufgabe aber ist es, "die Leute zum Glauben zu führen". Den Heiligen Abend verbringt er seit 20 Jahren im Stephansdom, mit Kardinal Schönborn.
Die Hirten, zu denen der Engel kam, seien Außenseiter gewesen, Proleten sozusagen, hat Abt Fürnsinn auf Ö1 gesagt. Aber auch Bert Brecht hat ein Weihnachtswunder zu bieten: Die saufenden Gäste schenken dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser, und einem Mann, der offenbar die Polizei fürchtet, drei Telefonbuchseiten mit Polizeiwachämtern. Aber der Mann liest nicht die Seiten, sondern das Zeitungspapier, in das sie eingewickelt sind, er liest: Die Polizei sucht ihn nicht mehr, die Sache ist aufgeklärt. "Und er lachte."
Die 22-jährige Gemeinderätin Laura Rudas und an die 30 Mitarbeiter sind schon froh, wenn ein bisschen Freude aufkommt, vielleicht sogar Dankbarkeit, statt: "Na, du Schlampn, di hob i a scho auf da Straß'n gsehn." Der Händedruck, der der so Angeredeten den Kunstfingernagel gekostet hat, war sicher nicht aus Bosheit so fest. Und garantiert ernst gemeint war das "Dankschön - es war ein so wunderschöner Abend!" des Paares, das sich offenbar bemüht feierlich gekleidet hat. Im Rahmen des Möglichen.
Ein ehemaliger Stapelfahrer, Bäcker ("Hepatitis C, I derf nimma arbeiten") wird am nächsten Tag nach Oberösterreich fahren, nach Eberschwang zur Mutter - seiner Schilderung zufolge muss Schwarzfahren lustig sein. Und Gemeinderat Ernst Pfleger wünscht sich "ein neues Sozialmodell". Obdachlose hätten zu wenig Anreize, ihre Situation zu verändern. Gerade habe ihm einer gesagt: "So wia's is, taugt's ma."
Rotweiß sind der Weihnachtsmann, Österreich, die "Spar"-Sackerln und die blutbefleckten Papier-Taschentücher auf dem Weg nach draußen. Wer trinkt, der fällt. Eine Dame hat zu wenig zu essen bekommen. "De Polacken fressen gleich fünfmal, und dann is nix mehr da!" Eine andere stöbert im Sackerl, hält erleichtert das Duschbad in der Hand: "Is eh da!" Die Sackerln wandern vorbei am Christbaum der Wiener Städtischen. "Machen Sie sich unseren Erfolg zum Geschenk!", ruft's vom Plakat. Und wie geht's jetzt weiter? Ein Sackerl wandert in den warmen Vorraum des Stadthallen-Bads. Der einarmige jüngere Mann steht unbeweglich an der Wand, direkt vor dem Schildchen mit dem durchgestrichenen Hund, und schaut ins Leere. Eine Minute, noch eine, noch eine und noch eine. "Oh Lord, oh Lord, I wanna go home . . ." In derselben Nacht wird in Floridsdorf der 34-jährige Zoran D. im Papiercontainer übernachten und am nächsten Tag von der Müllpresse erdrückt werden. Für alle anderen geht's weiter. Auch ohne Frohbotschaft. Irgendwie.