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Jünger, schlauer, schlanker: Sieben Wege für Österreich

Juenger schlauer schlanker
Juenger schlauer schlanker(c) REUTERS (Heinz-Peter Bader)
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Es geht uns noch gut, aber der Trend zeigt nach unten. Österreich muss sich aufraffen, will es nicht weiter zurückfallen. „Die Presse“ hat sieben Aufgaben formuliert.

Wien. Österreich ist ein reiches Land, ein sicheres zudem. Das duale Bildungssystem gilt als vorbildlich, die Produktivität seiner Bürger und Unternehmen ebenso – von der Natur gar nicht zu reden. Aber all das ist nicht selbstverständlich. Der Trend zeigt nach unten. Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Forschung, Transparenz und Wohlstand: In vielen Kernbereichen fällt Österreich zurück. Was kann, oder muss, die (nächste) Regierung, was können die Unternehmen und was die Bürger dagegen unternehmen?

1. Österreich muss jünger werden

Österreicher leben länger. 2050 werden Männer 86 und Frauen hierzulande 90 Jahre alt werden. Das stellt das Pensionssystem vor große Herausforderungen. Schon 2030 wird jeder Vierte älter als 65 Jahre sein. Und während sich die heutige Elterngeneration bis dahin längst in den gut dotierten Ruhestand zurückgezogen hat, fehlen die Jungen, um ihre Pensionen zu finanzieren. 2011 betrugen die Ausgaben der gesetzlichen Pensionsversicherung 34 Mrd. Euro. Ein Viertel steuerte der Bund bei. Für Österreich heißt das dreierlei: Menschen müssen zumindest bis zum offiziellen Pensionsantrittsalter arbeiten. Derzeit gehen Österreicher im Schnitt mit 58,3 Jahren in den Ruhestand. Und Österreich braucht mehr junge Erwerbstätige. Dafür müssen entweder mehr junge (und gut ausgebildete) Migranten ins Land kommen oder Familien stärker gefördert werden.

 

2. Österreich muss flexibler werden

Wenn die Experten des Davoser World-Economic-Forums nach Schwachstellen in Österreich suchen, werden sie hier fündig: ineffiziente Bürokratie und ein starrer Arbeitsmarkt. Nur in zwei von 144 untersuchten Ländern haben Unternehmer und Mitarbeiter weniger Möglichkeiten, individuelle Vereinbarungen zu treffen. Mit ihrer Forderung nach einer Aufhebung der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden läuft die heimische Industrie seit Jahren gegen Mauern. Aber auch die Unternehmen sind gefordert. Sie könnten sich in Sachen Arbeitszeit ein Beispiel an Finnland nehmen. Dort bieten über 80 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern flexible Modelle an. Und niemand arbeitet kürzer als die Finnen. 2010 waren die finnischen Beschäftigten im Schnitt nur 1679 Stunden effektiv tätig und erwirtschafteten gleichzeitig mehr als im EU-Schnitt.

 

3. Österreich muss selbstständiger werden

Sind Österreicher feiger als andere Europäer? Einer Umfrage der EU-Kommission zufolge überlegt nur jeder Zwanzigste, Unternehmer zu werden. Im Rest Europas sind es doppelt so viele. Das hat Gründe: Laut dem „Doing Business Report“ der Weltbank ist es in 133 Ländern leichter, ein Unternehmen zu gründen als in Österreich. Wer sich dennoch selbstständig machen will, braucht vor allem Geld und viel Zeit. Auch wenn die Gründung einer GmbH light nun verbilligt wurde – ausreichend Geduld müssen die angehenden Unternehmer immer noch mitbringen. Bis alle Amtswege erledigt sind, muss jeder Gründer einer GmbH 28 Tage einplanen. Ist der Weg in die Selbstständigkeit gelungen, landen 53,1 Prozent des Gewinns beim Staat.

 

4. Österreich muss wieder produktiver werden

Zugegeben, in diesem Punkt jammern wir auf hohem Niveau. In Österreich gibt es immer noch hoch produktive Mitarbeiter mit vergleichsweise moderaten Löhnen. Doch der Vorsprung schmilzt rapide dahin. Die Lohnstückkosten sind seit 2002 viel schneller gestiegen als jene der Euroländer im Schnitt. Lohnstückkosten gelten als bester Gradmesser für die Wettbewerbsfähigkeit. Der schwache Trend der vergangenen Jahre bedeutet nicht, dass sich die Österreicher auf Kosten ihrer Arbeitgeber eine goldene Nase verdient hätten. Die Löhne sind nicht dramatisch gestiegen. Doch in der Krise ist der Output – und damit die Produktivität – stark gesunken. Die Lohnstückkosten beinhalten die gesamten Arbeitskosten, also die Bruttolöhne plus alle Abgaben, die der Arbeitgeber für seine Angestellten zu entrichten hat. Und die sind in Österreich so hoch wie in kaum einem anderen Land. Von einem Euro, den ein Unternehmer für seinen Mitarbeiter bezahlt, kommt gerade einmal die Hälfte bei ihm an.

 

5. Österreich muss schlanker werden

Der staatliche Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt in Österreich genauso hoch wie in Griechenland: bei rund 51 Prozent. Dass Österreich den effizienteren Apparat hat, ist offensichtlich. Aber was, wenn wir bloß den langsameren Weg ins Schuldendesaster gehen? Bürokratien sind per definitionem keine Effizienzbiester. Aber laut der Initiative „Verwaltungsreform jetzt“ könnte eine solche Reform rund sechs Milliarden Euro sparen: Das wäre fast das gesamte Defizit. Freilich: Das Wort Verwaltungsreform ist inzwischen fast schon ein Austro-Synonym für „Mission Impossible“. Bei den Steuern ist die Sache schon einfacher. Da sind sich eigentlich alle Parteien und Experten einig darüber, dass die Arbeit entlastet werden muss.

 

6. Österreich muss transparenter werden

Was haben Finnland, Chile, Uruguay sowie die Karibikinseln St. Lucia und Barbados gemeinsam? Sie alle liegen im Korruptionsindex von Transparency International vor Österreich, das in diesem Bereich in den vergangenen Jahren einen rapiden Abstieg erlebte. Im Jahr 2005 lag die Alpenrepublik noch auf dem zehnten Platz – zuletzt nur noch auf dem 25. Freilich: Auf dem Index stehen rund 174 Staaten – auch in Sachen Korruptionsbekämpfung steht Österreich also vergleichsweise passabel da. Und der Abstieg ist sicher auf die an sich wünschenswerte öffentliche Aufarbeitung großer Korruptionsfälle in den letzten Jahren zurückzuführen. Der Status quo ist aber dennoch besorgniserregend: Laut einer aktuellen Studie des Unternehmensberaters Ernst & Young geben 46 Prozent (!) der heimischen Manager an, dass „Korruption an der Tagesordnung“ sei. Zum Vergleich: In Deutschland sagen das 30 Prozent, in der Schweiz nur zehn Prozent.

 

7. Österreich muss schlauer werden

Im Innovationsranking der EU ist Österreich zuletzt vom sechsten auf den achten Platz zurückgefallen. Spitzenreiter ist wieder einmal Schweden – noch besser liegt das Nicht-EU-Land Schweiz. Und sowohl Südkorea als auch Japan und die USA liegen überhaupt vor Europa. Bei den Budgetquoten für Forschung und Entwicklung (F&E) zeigt sich aber auch, dass es keinen Kardinalsweg gibt. Schweden kann sowohl eine höhere Staats- als auch eine höhere F&E-Quote aufweisen als Österreich: 3,4 Prozent im Norden gegenüber 2,7 Prozent in den Alpen. Dagegen schafft es die Schweiz auf drei Prozent F&E-Quote – und zwar mit einem um zwanzig Prozentpunkte kleineren Staatsanteil an der Wirtschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2013)