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Botanik, Bauten, Bücher

Weinviertler Kleinode, internationale Gartenkunst, Vorarlberger Architektur aus neuen Blickwinkeln – und ungebrochen aktuelle Texte von Josef Frank: die Architekturbücher der Saison.

Zu keiner Jahreszeit ist es im Weinviertel schöner als im Sommer, wenn die Luft über den Getreidefeldern flirrt und nach reifem Korn und frisch geschnittenem Stroh duftet. Mit dem neuen Architekturführer aus der vom Verein Kunstbank Ferrum und ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich herausgegebenen Serie „Architekturlandschaft Niederösterreich“ gibt es nun auch einen guten Grund, die Feriensaison zur Entdeckung architektonischer Werte im Viertel unter dem Manhartsberg zu nutzen. Die Autorinnen Theresia Hauenfels, Elke Krasny und Andrea Nussbaum stellen Bauten seit 1919 bis heute vor. Darunter befinden sich lokale Ikonen, wie die einst berüchtigte Leobendorfer Kurven-Bar, ein Tankstellen-Espresso aus dem Jahr 1960 von Johann Staber, das von den Salzburger Architekten Axel Hupfauer und Simon Speigner inklusive originalem Terrazzoboden in die Gegenwart gerettet wurde und ein Anlass ist, sich dem Weinviertel zu nähern. Selbst Kenner der Region assoziieren mit Baukunst im Weinviertel wohl zuallererst die anonyme Architektur der Kellergassen und Kleindenkmäler.

Die Ausbeute an architektonischen Attraktionen hält sich durch die dörflich-kleinstädtische Struktur der einkommensschwachen Gegend tatsächlich in Grenzen. Die Freilichtbühne von the next Enterprise in Grafenegg hat geradezu ein Alleinstellungsmerkmal. Gleich viel Raum widmen die Autorinnen regionstypischen Zweckbauten wie dem mächtigen Getreidespeicher an der Korneuburger Donaulände oder den zahlreichen Kunstinterventionen im öffentlichen Raum. Eine Entdeckungsreise sei jedenfalls dringend empfohlen, auch um dem baukulturellen Bewusstsein in der Region auf die Sprünge zu helfen, dessen Mangel sich zusehends an den zersiedelten Ortsrändern und den wuchernden Gewerbegebieten abzeichnet. Sachkundig und kritisch tragen Essays zur Ressource Landschaft und ihrer Zerstörung (Dominik Scheuch), über die Transformation durch den Erdölabbau (Gerhard A. Stadler), die Bezüge zu den Nachbarregionen (Michael Stavarič, Henrietta Moravčíková) sowie ein Gespräch mit dem Lehmbauexperten Andreas Breuss zum Verständnis der Landschaft und des Bauens im Weinviertels bei.

Wen es über die Botanik des Weinviertels hinauszieht, dem sei als Vademekum das Buch „Der Garten als Wissensraum“ ans Herz gelegt, mit dem die Landschaftsarchitektin Karin Standler zu einer Reise zu den Gärten der botanischen Sammlungen in Europa einlädt. Aus 140 recherchierten Beispielen hat die Autorin auch nach architektonischen und gestalterischen Kriterien ein Best-of von 22 Sammlungsgärten zusammengestellt, darunter einige wohlbekannte wie Kew Gardens in London oder der moderne Jardí Botànic in Barcelona und mehrere viel weniger im touristischen Fokus stehende, wie die botanischen Gärten von Breslau, Zagreb oder Gießen. Allesamt sind sie Orte des Wissens ebenso wie des Experiments, aber auch der Rekreation und Inspiration. Städtebaulich relevant sind sie allein durch ihre Größe, oft waren sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung integraler Bestandteil urbanistischer Konzepte. Ein übersichtliches Buch, Text und Bilder in angenehmer Balance, das Lust macht, sich in die Materie zu vertiefen.

Karin Standler zeichnet auch für die Herausgabe des Katalogs „Best Private Plots – Die besten Gärten 2012“ verantwortlich, der anlässlich des gleichnamigen, von ihr initiierten und vom Land Niederösterreich ermöglichten international ausgelobten Preises erscheint. Rund 30 herausragende grüne Refugien aus aller Welt werden vorgestellt – vom Minigarten im Fastfood-Karton über Gemeinschaftsgärten bis zu eleganten Privatparks und Land-Art-Projekten. Einleitende Essays der Juroren betrachten unterschiedliche Aspekte von Gartenarchitektur und liefern nicht nur Ideen für den eigenen Garten jeglichen Maßstabs, sondern erinnern daran, dass auf den hiesigen Freiräumen viel Potenzial zu heben wäre.

Im Gegensatz zu Niederösterreich ist in Vorarlberg Architektur längst ein touristisches Zugpferd. Neue Blickwinkel aus soziologisch-ethnografischer Sicht steuert der Architekt und Architektursoziologe Günther Prechter bei. „Architektur als soziale Praxis – Akteure zeitgenössischer Baukulturen: Das Beispiel Vorarlberg“ heißt das jüngst erschienene Buch. Dass der Band außer dem Titelbild ohne Illustrationen auskommt, ist schon das erste Indiz, dass es sich um kein Architekturbuch handelt. Dennoch eröffnet es für alle an den Bedingungen zur Entstehung von Baukultur Interessierten aufschlussreiche Aspekte. Mit 16 Personen – Bauherren, Gemeindevertretern und Architekten – führte Prechter Interviews, die sich in Zitatform im Buch wiederfinden.

Diese „Zeugenaussagen“ vermitteln am besten die Atmosphäre, in der sich das, was gern als „Vorarlberger Architekturwunder“ betitelt wird, zusammenbrauen konnte. Gern würde man sie zur Gänze lesen oder hören, doch ist das Werk überkomplett. Denn während das Inhaltsverzeichnis mit schlicht übertitelten Hauptkapiteln Klarheit und Übersichtlichkeit suggeriert, ist es aufgrund der detaillierten Informationen leider lesetechnisch kaum in den Griff zu bekommen. Die zahlreichen Fußnoten nehmen gelegentlich halbe Seiten und mehr ein. Es ist jedenfalls einen Versuch wert, sich mit dem Buch ins Ländle zu begeben. Vermutlich gelingt es im Bregenzerwald leichter als in der Wiener Innenstadt, sich bei diesem achtbaren Werk den richtigen Lesefluss zu erarbeiten.

Gar nicht mühevoll hingegen ist die Lektüre eines Beitrags zur österreichischen Architekturbuchlandschaft. Tano Bojankin, Christopher Long und „Spectrum“-Autorin Iris Meder fassten alle auffindbaren veröffentlichten Texte von Josef Frank (*1885 Wien; + 1967 Stockholm) in einem zweibändigen Kompendium zusammen und machen das umfangreiche schriftliche Oeuvre des international anerkannten Architekten nun auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Dass das von Peter Duniecki gestaltete Werk auch bibliophile Interessen befriedigt, ist eine geradezu luxuriöse Draufgabe, denn allein die ungebrochene Aktualität von Franks kulturkritischen, oft auch witzigen und bissigen Texten ist wertvolle Stimulans zum klärenden Nachdenken über Architektur. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2013)