Die Stadt, in der man Ihnen umsonst reines Wasser einschenkt...

Natürlich ist das Glas Wasser nie wirklich gratis. Aber wenn es nicht verrechnet wird, erinnert das an eine Welt, in der nicht alles seinen Preis hat. Wien könnte damit werben.

Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub zurückkommt? Auf Hochquellwasser und Ankerbrot.“ Mit diesem Spruch warb die Bäckerei bereits in den Zwanzigerjahren – und setzte darauf, dass den Wienern ihr Wasser besonders kostbar ist. Wer z.B. in London oder Rom jemals den Ausfluss eines Wasserhahns gekostet hat, versteht das sehr gut.

Impliziert nicht schon diese allgemeine Wertschätzung, dass das Wiener Wasser auch im Kaffeehaus seiner Preis haben darf, ja: soll? Muss Kostbares nicht logischerweise etwas kosten? Selbstverständlich, werden jetzt alle rufen, die gern die „Gratismentalität“ geißeln: Was einen Wert hat, muss einen Preis haben!

Doch so marktlogisch funktionieren die Menschen nicht. Auch nicht die Wiener. „Umsonst ist der Tod, und der kost' 's Leben“, sagen sie freilich fatalistisch. Doch natürlich wissen sie, dass nicht alles auf der Welt seinen Preis hat. Auf das „Can't Buy Me Love“ der Beatles hat zwar schon mancher Zyniker mit dem Hinweis auf Lokale mit roter Beleuchtung geantwortet, aber auf ein anderes Beatles-Zitat kann sich auch der Wiener verständigen: „Fun is the one thing that money can't buy“, das lässt sich abgemildert als „Dös is' a Hetz und kost' net viel“ übersetzen. Was heutige Besucher des Praters nicht unbedingt bestätigen können...

Im Ernst. Natürlich ist allen Kaffeehausbesuchern bewusst, dass sie nicht nur das servierte Produkt (das sogar im Fall des Wassers nicht gratis ist), sondern auch das Service, den Abwasch und einen Anteil an der Lokalmiete bezahlen. Dass das zum kleinen Braunen oder zum Achterl Welschriesling automatisch servierte Glas Wasser im Preis einkalkuliert ist.

Aber die Vorstellung, dass Wasser gratis zu sein hat, sitzt tief. Wohl auch aus evolutionären Gründen. Wir waren die meiste Zeit unserer Geschichte Jäger und Sammler; die Idee, dass ein Stück Land oder eine Quelle in Privatbesitz sein sollen, wäre unseren Ahnen vor der neolithischen Revolution (in der erstmals Besitz an Grund und Boden etabliert wurde) so absurd vorgekommen wie uns heute – noch, sagen Pessimisten – die Idee, dass Großstadtbewohner für die geatmete Luft zahlen sollen.

Die neolithische Revolution fand, abhängig von der Weltgegend, vor ca. 10.000 Jahren statt, doch Land, das frei verfügbar und nutzbar ist, gab (und gibt) es noch lange nach ihr: „Allmende“ nennt man es, oder auf Englisch „commons“. Als die ersten Gemeinden und Gasthäuser begannen, den Internet-Benützern Gratis-WLAN anzubieten, fühlten sich etliche Theoretiker daran erinnert: Die User versammeln sich um die Datenleitung wie um einen Dorfbrunnen, konstatierten sie. Natürlich müssen Politiker und Wirtsleute die Investitionen dafür anders hereinbekommen, aber es ist eine schöne Geste.

Wie das Gratiswasser in Wien, das an Zeiten erinnert, als Fremde auch in unseren Breiten selbstverständlich ohne Bezahlung bewirtet wurden. Ein Rest marktfreier Gastfreundschaft. Ein Hauch von einer Welt, in der nicht alles seinen Preis hat. Wetten, dass das bleibt – und dass es sehr bald die Fremdenverkehrsindustrie entdecken wird: Wien, die Stadt, in der man Ihnen gratis reines Wasser einschenkt. Kluge Wirte wissen längst: Den (reinen) Wein zahlen die Touristen dann umso lieber...

E-Mails an:thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2013)

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