Drei Wiener Galerien, die Sie besuchen sollten, bevor endgültig alle in Sommerpause gehen.
Immer zu wenig Zeit und Platz bleibt für das Wiener Galerientreiben, das seinesgleichen sucht in Europa. Gerade einmal London, Berlin und Paris können in dieser Qualitätsdichte mithalten, das ist für ein Land dieser Größe doch recht beachtlich und wird international auch beachtet. Zum Saisonende drei Ausstellungen herauszugreifen, ist natürlich unfair, da gibt's gar nichts schön zu reden. Aber irgendwo muss man anfangen. Zum Beispiel im Galeriengrätzel in der Eschenbachgasse.
Türkisch für Fortgeschrittene. Ganz sicher fühlt man sich nicht vor den Bildern von Nilbar Güres, einer der zur Zeit interessantesten, teils in Wien lebenden türkischen Künstlerinnen (1977 in Istanbul geboren). Als Klischee-ängstlicher Nicht-Türkin fällt es einem allerdings schwer, die Botschaft der sozialen Situationen eindeutig zu entschlüsseln, die Güres in ihren großformatigen Fotos (ab 9900 Euro) inszeniert: eine märchenhaft aussehende Zusammenkunft von Frauen unterschiedlichen Alters und Aufmachung, eine Hausfrau, die einen kunstvoll aufgestapelten Berg Wäsche vor sich herträgt. Zwei sich umarmende Frauen, die vor einem Graffiti stehen: „Ayse liebt Fatma“. Das wirkt auch für kulturell Außenstehende prekär. Noch verzwickter, aber unglaublich schön geht es in den großen Collagen auf schwarzem Stoffgrund zu (ab 15.000 Euro), alle kleinen Dinge des Lebens scheinen hier aus der Nacht heraus zu strahlen und ihre Bedeutung zu wechseln. Ein Dildo steht neben einem Kaktus steht neben einem Blumenstrauß. Reizwäsche liegt auf einem Babystuhl. Das Halsband, gehört es einem Hund? Toll sind die.
Galerie M. Janda, bis 27.7., Eschenbachg. 11, Di.–Fr. 11–18h, Sa. 11–16h
Die Katzen der Eremitage. Solche Geschichten lieben nicht nur Künstler: Seit 250 Jahren werden in der Eremitage in St. Petersburg Katzen gehalten, um die Ratten zu vertreiben. Während der Belagerung im Zweiten Weltkrieg wurden sie gegessen, in den 1960er-Jahren kurzzeitig verboten – beide Male breitete sich binnen Kurzem die Nagetierplage aus. Mittlerweile sind die Muzis sozusagen beamtet, so porträtiert sie jedenfalls Anna Jermolaewa (1970 in St. Petersburg geboren, lebt in Wien), die sie in den Kellergängen des Museums besucht hat: Ihre Wand mit den Porträtfotos zitiert dabei die strenge Rasterhängung einer sozialistischen Ehrentafel, auf der besonders fleißige Arbeiterinnen gewürdigt wurden. (Ein Foto 850 Euro, ganze Installation samt Video 34.000 Euro). Es gibt auch noch andere Arbeiten aus 2013, etwa zwei Pokal-Setzkästen, in denen alle Auszeichnungen dieselbe Höhe erhalten. Oder ein Video auf den Spuren eines Brotverkäufers in Havanna, dem die Leute Sackerl an Leinen herunterlassen. Kulturtechnik par excellence.
Galerie Engholm, bis 3.8., Schleifmühlg. 3, Wien 4, Di.–Fr. 11–18h, Sa. 12–16h.
Ledertaschen-Köter. Kinder und Tiere haben auf der Bühne nichts verloren. Heißt es im Theater, für die bildende Kunst gilt auch diese Einschränkung nicht, siehe Gabi Trinkaus (1966 in Graz geboren). Ihr Thema ist die Collage, die sie erstmals auch ins Dreidimensionale dehnt. Aus alten Ledertaschen näht sie stramme Hündchen, die unheimlichen Zerberuskötern gleich den Eingang bewachen. Wenn man den Paradiesgedanken weiterspinnt, der einem später unterkommt, könnte man die beiden großen Porträts im Untergeschoß als Adam und Eva interpretieren. Diese Bilder kennt man von Trinkaus, sie sind eindrucksvoll aus Magazinausschnitten zusammengepuzzelt. Es folgt der Sündenfall, eine Reihe von Babygesichtern, die die Collagemethode mit Stecknadeln noch zeigt. Und dann wunderschöne neue, dunkel-romantische Bilder, in denen Zeichnung, Zeitungsausschnitte, Fotografie und Stoff zusammenkommen (ab 7700 Euro). Ihnen liegen zwei Vorstellungen vom Paradies zugrunde: Werbebilder von Ferienanlagen und der Traditionsstoff Toile de Youy, der bukolische Szenen zeigt. Nein, man sollte ihnen nicht trauen, diesen Idyllen.
Galerie Kargl, bis 14.8., Schleifmühlg. 5, Wien 4, Di.–Fr. 11–19h, Sa. 11–16h.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)