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Shakespeares Aphrodisiakum

Die Chinesen haben sie kultiviert, die Römer haben sie importiert, die Europäer haben sie eingekocht. Dazwischen hat die Marille auch Eingang in die Weltliteratur gefunden.

Die Herkunft der Aprikose, die in Österreich, Südtirol und Bayern Marille genannt wird, ist nicht restlos geklärt. Ihr botanischer Name – Prunus armeniaca, also armenische Pflaume – leitet sich von der ursprünglichen Annahme ab, dass sie aus Armenien stammt. Dort wird sie bereits seit der Antike angebaut, wie mehrere Schriften belegen.

Heute geht man jedoch davon aus, dass die Marille schon vor 4000 bis 5000 Jahren kultiviert wurde – im Nordosten Chinas. Über Zentralasien (also auch Armenien) gelangte die Schwester des Pfirsichs aus der Familie der Rosengewächse nach Europa. Die Römer hatten sie um 70 vor Christus importiert.

Die Europäer hielten die Marille lange für ein Aphrodisiakum. In diesem Kontext taucht sie auch in der Literatur auf: In John Websters „Herzogin von Malfi“ oder bei William Shakespeare. Im „Sommernachtstraum“ weist Elfenkönigin Titania ihre Untergebenen an, dem Weber Nick Bottom Aprikosen zu verabreichen, um seine Liebe zu ihr zu wecken: „Be kind and polite to this gentleman. Follow him around. Leap and dance for him. Feed him apricots and blackberries [...].“

Das Wort Aprikose geht – über Umwege – auf das lateinische praecox zurück, das frühreif bedeutet. Denn die ersten Früchte werden bereits Ende Mai geerntet, unter anderem auch im Mittelmeerraum. In Österreich dauert die Saison von Mitte Juli bis Ende August.

Die Bezeichnung Marille ist vermutlich eine Ableitung des italienischen armellino, das seinen Ursprung wiederum im Lateinischen hat, im Wort armeniaca (aus Armenien stammend). Aus der Amarelle und der Morelle wurde schließlich die Marille bzw. – im Schweizerdeutsch – die Barille.

Die weltweit größten Plantagen befinden sich in der osttürkischen Provinz Malataya. Dort wird die gelbe Frucht, die persische Dichter einst als „Samen der Sonne“ besungen haben, meist entkernt und getrocknet, seit einigen Jahren aber auch in ungetrockneter Form nach Europa exportiert.

Die Türken brachten die Aprikose auch in die ungarische Tiefebene. Während ihrer Herrschaft legten sie riesige Gärten an, die nach dem Abzug verödeten. Erst im 19. Jahrhundert, als sich die Tiefebene nach heftigen Stürmen in eine Sandwüste zu verwandeln drohte, begann man erneut mit dem Anbau. Denn die Marillenbäume, denen Hitze und Trockenheit kaum etwas anhaben können, eigneten sich zum Binden des Flugsands.

Traditionellerweise wird die Marille auch weiter westlich geerntet, in einigen Gemeinden des Burgenlandes (vor allem in Kittsee), in der niederösterreichischen Wachau und im Schweizer Kanton Wallis. Marktführer in Europa sind aber die Mittelmeerstaaten, vor allem Italien und Spanien.

Giftige Samen. Auch dort werden die Aprikosen zu Marmelade eingekocht oder zu Schnaps gebrannt. Die Japaner legen sie lieber ein (Umeboshi), damit sie länger genießbar bleiben. Verwertbar ist auch der mandelförmige Samen im Kern der Marille, der nach Marzipan schmeckt. Er kommt zum Beispiel in den Amaretto. Aber nicht nur: Popstar Lady Gaga mischt neben Safran, Honigtropfen und einer Orchidee auch gemahlene Marillenkerne in ihr Parfum.

Die Samen sind allerdings nicht ganz ungefährlich. Sie enthalten circa acht Prozent des giftigen Amygdalin. Pro Tag sollte man daher nicht mehr als ein bis zwei verzehren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)

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