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"Haus des Auges": Masseure (fast) ohne Augenlicht

Haus Auges Masseure fast
Florian Moser(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Vor 20 Jahren wurde das "Haus des Auges" in Wien Penzing eröffnet. Mittlerweile arbeiten hier 16 blinde und sehbehinderte Masseure, mit 20.000 Massagen im Jahr sind sie an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt.

Florian Moser hat hellblaue Augen. Zur Begrüßung streckt er die Hand entgegen – sein Händedruck ist fest –, und während er sich vorstellt, sieht er seinem Gegenüber direkt in die Augen. Rechts neben der Empfangstheke, an der Moser lehnt, befindet sich ein weiter Raum mit einer grellblauen Couch, daneben einige kleine Räume mit orangen Vorhängen statt Türen. Hier finden die Massagen statt, und Florian Moser will gleich eines dieser Zimmer zeigen. Er biegt um die Ecke, öffnet die Vorhänge, zeigt auf die Einrichtung und erklärt, macht anschließend die Vorhänge wieder zu und führt dann in einen Gang außerhalb des Empfangsraumes. Dabei lässt Moser die Spitze seines rechten Zeigefingers an der Wand entlanggleiten. Und erst jetzt wird einem bewusst, dass Florian Moser sehbehindert ist. Er erlebt die Welt mit drei Prozent Sehkraft.

Der 33-Jährige in weißer Arbeitskleidung und mit raspelkurzen Haaren ist Masseur und stellvertretender Geschäftsführer des Massageinstituts „Haus des Auges“ in Wien Penzing; 15 sehbehinderte und ein blinder Masseur arbeiten hier. Am Anfang, sagt Moser, seien viele Kunden ein wenig verwirrt, weil sich er und seine Kollegen so sicher in den Räumen bewegen. Noch viel zu oft ist die Vorstellung vom hilfsbedürftigen Sehbehinderten mit Blindenstock im Hinterkopf gespeichert. Darüber kann Moser nur lächeln. In den zehn Jahren seiner Tätigkeit im Massageinstitut hat er diese Vorstellung mehr als einmal über den Haufen geworfen.

Wenig Daten. Laut dem Blinden- und Sehbehindertenverband leben in Österreich – die letzten verfügbaren Zahlen sind aus dem Jahr 2008 – rund 318.000 Betroffene. Wie viele von ihnen in den Arbeitsmarkt integriert sind, lässt sich nicht sagen. Statistische Daten gibt es kaum, denn die Personengruppe wird in der Kategorie „Menschen mit Behinderung“ erfasst, wobei nicht ersichtlich ist, um welche Behinderung es sich handelt. Die letzten Zahlen zur Arbeitssituation von Blinden und Sehbehinderten stammen aus dem Jahr 1995, wie es im Arbeitspapier „Die verborgene Mehrheit“ zu diesem Thema heißt: Von 7800 Personen mit Sehbehinderung waren damals 800 erwerbstätig. Seither hat sich freilich einiges verändert, erst vor zwei Monaten wurde auf einer Enquete, die von der Richter- und Staatsanwältevereinigung, dem Rechtsanwaltskammertag, der Notariatskammer und der Uni Wien veranstaltet wurde, das Thema „Blinde als Richter“ behandelt. In Österreich dürfen blinde Menschen nicht als Richter arbeiten, und Deutschland soll hier als Vorbild dienen. Dort sind rund 70 blinde Richter tätig.

Beispielhaft ist auch das vor vier Jahren gegründete Unternehmen „Vier Sinne“, das ein Abendessen in völliger Dunkelheit anbietet („Dinner in the Dark“ in Wien Ottakring). Die Essen sind Wochen im Voraus ausgebucht. Geschäftsführer Emanuel Frass hat drei sehbehinderte bzw. blinde Mitarbeiter. Viele seiner Gäste seien nach dem Essen berührt vom Alltag der Sehbehinderten und Blinden, erzählt er.

Als das Massageinstitut vor rund 20Jahren gegründet wurde, stand die Integration der Betroffenen in die Arbeitswelt im Vordergrund. Was mit zwei sehbehinderten Mitarbeitern begann, ist sukzessive gewachsen – auch räumlich. „Mittlerweile“, sagt Moser, „haben wir einen ganz guten Ruf in der Branche.“ Im vergangenen Jahr gaben er und sein Team insgesamt rund 20.000 Massagen. Und damit seien sie schon an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt.

Sinne schärfen. Bevor Moser seine Ausbildung als Masseur begann, hat er die HTL besucht. Damals hat seine Sehkraft 80 Prozent betragen, aber Maschinenbauer werden, wenn man nicht so gut sieht, sei auch keine gute Idee gewesen. „Krankheitsnamen klingen auf Latein total schön“, sagt Moser, bevor er von Retinopathia pigmentosa erzählt. „Grob gesagt: Die Netzhaut löst sich auf.“ Noch bei 50 Prozent Sehkraft hat sich Moser problemlos durch den Alltag manövrieren können. Seine Sehkraft ist sukzessive schlechter geworden. Irgendwann habe er begonnen, abends den Blindenstock zu benutzen. Mittlerweile komme dieser auch tagsüber zum Einsatz.

Der Ruf, dass Sehbehinderte und Blinde ihre anderen Sinne schärfen und beim Tasten feinfühliger sind – dadurch auch besser massieren –, eile ihnen durchaus voraus. Letztendlich aber, sagt Marion Grünwald, ist alles Trainingssache: „Auch ein Sehender kann seinen Tastsinn so weit trainieren, dass er feinfühliger wird, wenn er sich nicht so sehr auf seine Augen konzentriert.“ Grünwald sitzt im Schneidersitz auf einem der Sofas im Massageinstitut und faltet die Hände. Schon im Gymnasium hatte die 25-Jährige Schwierigkeiten, von der Tafel zu lesen, und das Kleingedruckte in den Reisekatalogen, die sie während ihrer Ausbildung im Reisebüro durchforsten musste, war auch keine einfache Aufgabe.

Zeitweise war Grünwald Dauergast im Allgemeinen Krankenhaus, schließlich fiel die Diagnose Morbus Stargardt. In der Mitte ihres Sehfeldes ist ein Fleck: „Wie wenn man ein paar Sekunden in die Sonne blickt und dann wegschaut.“ Innerhalb von zwei Monaten hat Grünwald 20 Prozent ihrer Sehkraft verloren. „Damals war ich ideenlos. Stehst da, siehst plötzlich schlecht, was machst jetzt? Was ist überhaupt machbar als Sehbehinderte?“ Auf das Institut sei sie per Zufall gestoßen. Eigentlich habe sie das Gebäude des Sehbehinderten- und Blindenverbandes, das sich auf der anderen Straßenseite befindet, aufsuchen wollen – und plötzlich stand sie mitten im Massageinstitut. Drüben, im Hauptgebäude, habe sie sich dann gleich nach einer Ausbildung erkundigt.

Die Kunden von Moser und Grünwald kommen aus unterschiedlichen Beweggründen. Manche genieren sich für ihren Körper, rufen vorher an und fragen, ob der Masseur tatsächlich blind ist, erzählen sie. Und es gibt jene, die aus „sozialen“ Gründen kommen, wie Moser sagt. Die die Arbeit der Sehbehinderten und Blinden unterstützen wollen, „aber bleiben tun sie dann schon aufgrund unserer Qualifikation“. Die Massagen dauern hier 25 Minuten und kosten pauschal 27 Euro. Das unterscheide sie auch von den anderen Instituten, denn die Art der Massage habe keinen Einfluss auf den Preis.

Ohne Gewinne. Das „Haus des Auges“ wird vom Blinden- und Sehbehindertenverband betrieben und ist eine gemeinnützige Einrichtung (Massagen werden von der Krankenkassa nicht übernommen). Die Kosten, die aufkommen, können mit den Einnahmen abgedeckt werden. Ohne Gewinne. Das ist auch der Grund, heißt es hier, dass das Massageinstitut einstweilen nicht expandieren wird, obwohl die Nachfrage durchaus vorhanden wäre. Hinzu kommt die Raumfrage: Das Institut verfügt über zehn Kabinen, pro Masseur und Tag gehen sich mehr als elf Kunden nicht aus.

Das Institut ist für manchen Masseur auch der Sprung in andere Institute gewesen. Sie arbeiten nun in einem Umfeld, in dem sie bisweilen die einzigen Sehbehinderten bzw. Blinden sind. Solche Abgänge sind daher im Haus eher Grund zur Zufriedenheit. Und hier gibt es ja einen Masseur, der weder sehbehindert noch blind ist. Nach einem Praktikum sei er dem Team erhalten geblieben, sagt Moser. Außerdem, heißt es hier in einem locker-ironischen Ton, wolle man die Sehenden doch nicht diskriminieren.

Moser und Grünwald führen wieder zurück zum Empfangsraum. Die nächsten Kunden warten schon. Das Telefon klingelt, die Masseure gehen den Tagesplan durch, auf einem Stuhl wartet eine Frau, ihr riesiger weißer Hund liegt auf ihren Füßen. Grünwald und Moser bereiten die Massageräume vor, und Sehbehinderung ist das Letzte, woran man bei diesem geschäftigen Anblick denkt.

Massage

Im Massageinstitut „Haus des Auges“ in Wien Penzing arbeiten 16 sehbehinderte und blinde Masseure. Das Institut wird vom Blinden- und Sehbehindertenverband betrieben und ist ein gemeinnütziger Verein. Gegründet wurde es vor rund 20 Jahren mit zwei Mitarbeitern, seither ist es sukzessive gewachsen. Eine Massage kostet hier pauschal 27 Euro für 25 Minuten – unabhängig davon, um welche Massage es sich handelt. Im vergangenen Jahr wurden hier insgesamt 20.000 Massagen gegeben – aber damit sei man schon an die Kapazitätsgrenzen gelangt.

Statistische Zahlen, wie viele sehbehinderte und blinde Menschen in die Arbeitswelt integriert sind, gibt es kaum. Die letzte Erhebung fand 1995 statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2013)