Integration: Nachbarn holen Frauen aus Isolation

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Der Verein "Nachbarinnen in Wien" bildet Frauen zu professionellen Vermittlerinnen aus. Ab September sollen sie zurückgezogene Migrantinnen aus ihrer Isolation holen.

Wien. Oft scheitert es an Kleinigkeiten. Das kleine Wort „Ansage“, zum Beispiel, erzählt Gültaze Ekici, habe einem Schüler mit türkischen Wurzeln grobe Probleme in der Schule bereitet. Nicht aus Faulheit oder schlechter Leistung sei die Ansage gescheitert. Sondern, weil die Familie dachte, eine Ansage sei eine Leseübung. Als die Eltern schließlich in die Schule vorgeladen wurden, hat sie als Vermittlerin das Missverständnis geklärt, von da an gab es keine Probleme mehr, die Noten wurden mit einem Schlag besser.

Es sind Kleinigkeiten wie diese, die eine große Wirkung haben können. Und Missverständnisse, die nur klären kann, wer beide Seiten versteht. Ekici ist eine von zehn Frauen in Wien, die das ab Herbst als „professionelle Nachbarinnen“ machen.

Der Verein „Nachbarinnen in Wien“ hat in den vergangenen fünf Monaten insgesamt 16 Frauen mit Migrationshintergrund ausgebildet. Zehn davon werden ab September im ganzen Stadtgebiet als professionelle Nachbarinnen – als eine Art Sozialbetreuer oder soziale Assistenten, der genaue Berufstitel steht noch nicht fest – arbeiten.

Grenzen der Sozialarbeit

Die Idee zu dieser bisher einzigartigen Initiative stammt von Christine Scholten und Renate Schnee. Scholten ist Internistin im zehnten Wiener Gemeindebezirk, Schnee Sozialarbeiterin und Leiterin des Stadtteilzentrums „Bassena“ Am Schöpfwerk. Nachdem sich die beiden dort bei einem Festwochen-Projekt getroffen haben, entstand vor rund einem Jahr die Idee zur Initiative. „Ich habe in meiner Kassenpraxis im Zehnten vieles gesehen, was mir Magengrimmen verursacht hat“, sagt Scholten. Und Schnee spricht von Situationen, „bei denen herkömmliche Sozialarbeit an ihre Grenzen stößt“. Dort, wo eine gemeinsame Sprache oder das nötige Wissen über Traditionen und kulturelle Hintergründe fehlt, setzt die Arbeit des Vereins an.

Gemeinsam mit der Klagenfurter Alpen Adria Universität wurde ein Lehrgang entwickelt, in dem die Grundlagen sozialer Arbeit, beraterische oder interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Das, was im kleinen, privaten Umfeld schon passiert, wird damit professionalisiert.

Von der Friseurin zur Studentin

„Ich habe rundherum bemerkt, wie viele geschlossene Familien es gibt“, erzählt Gül Ekici. Die 38-Jährige, sie lebt in Wien seit sie 16 ist, hat zunächst einige Jahre als Friseurin gearbeitet. Nebenbei aber, in ihrem weiteren privaten Umfeld, immer wieder Familien unterstützt, wenn es um Visa, Wohnungen, um Amtswege oder Sprachkurse ging. Oder um Unsicherheit, die zur Isolation der Frauen führt.

„Viele kommen vom Land und sind in der großen Stadt erst einmal völlig überfordert“, erzählt Ekici. Die neue Sprache und Situationen, in denen sie sich nicht verständigen können oder ungeduldig behandelt würden, reiche schon aus, damit die Frauen sich zurückziehen. „Es geht nicht nur um Familien, die neu kommen, viele leben seit 15 oder 30 Jahren in Wien“, sagt Schnee. Mittlerweile hat sich Ekici auch als Ansprechperson herumgesprochen. Und die Resonanz auf die Vermittlerarbeit, etwa in den Schulen, sei sehr positiv. Und Ekici – sie hat Schnee vor zehn Jahren über das Stadtteilzentrum „Bassena“ kennengelernt – hat damit einen neuen Beruf gefunden. Die gelernte Friseurin hat nebenbei Matura gemacht, die Ausbildung des Vereins absolviert, und studiert nun nebenbei Sozialpädagogik.

Modell könnte Schule machen

Zehn Frauen arbeiten ab September (jeweils für 20 Wochenstunden) als professionelle Nachbarinnen. Sie werden im zwölften, im zweiten und im 20. Bezirk unterwegs sein. Und ein Ausbau ist angedacht. Es ist ein Modell, so sagt Scholten, das in Wien Schule machen könnte. Und auch aus anderen Bundesländern sei schon Interesse bekundet worden. Wie viele dieser Nachbarinnen es künftig tatsächlich geben wird, das ist vor allem eine Frage der Finanzierung. Die Gelder stammen zu zwei Dritteln aus öffentlichen Fördertöpfen, zu einem Drittel aus Spendenprogrammen.

Nächstes Jahr ist wieder ein Lehrgang für Interessierte geplant. Schließlich hoffen Scholten und Schnee auf zusätzliche Stellen. Und darauf, dass sie ihre ersten zehn Frauen durch neue ablösen können. „Das Ziel ist es, diese Frauen in den Arbeitsmarkt einzugliedern“, sagt Schnee.

„Klar kann man sagen, das ist wieder nur so ein karitatives Projekt. Aber: Wenn Integration nicht funktioniert, zahlen wir alle dafür“, sagt Scholten. Und es seien meist nur Kleinigkeiten, die viel bewirken. Ein Missverständnis über das kleine Wort „Ansage“ zum Beispiel, das über den Erfolg in der Schule entscheiden kann.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.nachbarinnen.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2013)

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