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Ein tolles "Jedermann"-Spektakel in Salzburg

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Crouch und Mertes bescheren den Festspielen mit ihrer Neuinszenierung von Hofmannsthals erbaulichem Spiel einen großen Abend. Obonya und Hobmeier erweisen sich wie viele andere im Ensemble als ideale Besetzung.

Die Dämmerung hat bereits eingesetzt am Samstag in Salzburg. Nur noch schwaches Licht fällt auf die Puppenhäuser auf der Bühne, eine putzige mittelalterliche Stadt, als das Publikum zum Domplatz strömt, um die Premiere des „Jedermann“ zu sehen. Eine Neuinszenierung verspricht bereits dieses Bühnenbild, das wie einst bei Gründung der Festspiele 1920 mit kleinem Respektabstand von der Kirche aufgestellt ist. Neu sind auch sechs große Holzsäulen mit Tauen. Sie deuten die Streben großer Kathedralen an: Es wird himmelwärts gehen in den nächsten zwei Stunden beim Sterben eines reichen Mannes.

Vom Mozartplatz her erklingt Jazzmusik, schon drängt ein bunter Zug herein. Die Spieler tragen Teufelsfratzen, führen Skelette und Instrumente mit sich. Eine bunte Vagantenschar tritt lautstark auf, an ihrer Spitze zwei großbürgerlich gekleidete Figuren mit Monumentalköpfen der Festspiel-Gründer – Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt, Autor und erster Regisseur des 1911 vollendeten „Jedermann“. Es scheint so, als ob sich die Spielleiter Brian Mertes und Julian Crouch mit diesen Masken und dieser Bühne von den Ahnen die Legitimation für ihr Spektakel holen wollen.

 

Gott ist ein Kind, ein Mädchen

Zurück zu den Ursprüngen lautet das Motto des Amerikaners und des Schotten, nicht nur in die Zwanzigerjahre, sondern auch zum mittelalterlichen Mysterienspiel, das sie sich lustvoll angeeignet haben. Die Rückführung ist bestens gelungen – ein Theaterabend mit beeindruckender Bildsprache, ausreichend Ernst im zuweilen ausgelassenen Spiel und vor allem mit einem wunderbaren Ensemble, das nie vergessen lässt: Dieser „Jedermann“ lebt, er belehrt, unterhält und rührt. Kurz, ein Triumph.

Wo soll man bei dieser Dichte und Fülle beginnen? Am besten ganz oben. Gott verkündet, dass er den reichen Jedermann zu sich rufen will, weil er unzufrieden ist mit dem Lauf der Welt. Jedermanns letztes Stündlein wird bald schlagen. Ein mehrere Meter langes Sprachrohr wird aufs Publikum gerichtet. Und so spricht Gott: Ein Mädchen (Florentina Rucker) steht vorn in dieser überdimensionierten Blechröhre und zitiert den Tod (Peter Lohmeyer) zu sich, während die übrigen ehrfürchtig knien. Der eilt herbei, ganz in Weiß, ein fahles Tuch weht dieser Figur hinten nach, die an das Böse in Harry-Potter-Romanen erinnert.

Weiße Tücher sind gefährlich, selbst wenn sie die Tischdecke für die große Tafel des Jedermann sind. Darunter kann man sich mit der Buhlschaft bis zum missglückten Höhepunkt vergnügen, immer aber lauert dort auch der Tod. Selbst aus einem prächtigen Schloss im Hintergrund taucht er auf und hebt es hoch wie ein Kinderspielzeug. Weiß ist auch die Mutter des Jedermann gekleidet (mit Julia Gschnitzer ist die Rolle würdig besetzt). Nur kurz schreckt sie einmal hoch, als sie die grässliche Gestalt in einem Baum erblickt, doch auch die Mutter wird dann, so wie ihr Sohn zum Schluss, eine friedliche Begleiterin des Todes.

Crouch und Mertes erzeugen in Serie mächtige Bilder, etwa wenn der Glaube (Hans Peter Hallwachs) ganz oben auf einer hohen Bretterwand, flankiert von Riesenengeln, thront und den Jedermann im Finale prüft, eine Schüssel Wasser auf ihn runterregnen lässt, ihn reinwäscht. Und Mammon (Jürgen Tarrach) ist eine gar fürchterliche Erscheinung, die sich aus einer Schatzkiste zum Ungeheuer auftürmt, während die Werke (Sarah Viktoria Frick), ein Leben lang vom Reichen arg vernachlässigt, kümmerlich als Puppe wie „Jack in the Box“ um Jedermann kämpft. In solch eine Kiste taucht schließlich auch der Teufel ab, der von Simon Schwarz als gelenkige, nicht nur lustige, sondern auch gefährliche Inkarnation des Bösen gegeben wird.

Lauter großartige Leistungen, alle im Ensemble geben ihr Bestes in dieser mustergültigen Inszenierung mit nur wenigen klammen Passagen des Diffusen. Vor allem aber wurde das Paar im Mittelpunkt ideal gewählt. Cornelius Obonya ist ein ebenbürtiger Nachfolger seines Großvaters Attila Hörbiger, er steigert sich sogar auf dem Weg vom Lebemann zum Leidensmann und dominiert die Szenen allein mit seiner prächtigen Stimme, die bei all dem Plakativen dieser Verse so viele Zwischentöne erzeugt. Die Auftritte, in denen er sich als gnadenloser Gläubiger geriert und gemein mit dem Gold wie mit den Schuldnern spielt, sind noch prüfend. Die Verzweiflung danach und die Läuterung wirken völlig überzeugend.

Das Differenzierte gelingt auch der Buhlschaft. Brigitte Hobmeier macht aus der begrenzten Rolle das Maximum. Sie schlägt das Publikum ab dem Moment in Bann, als sie frisch per Rad auf die Bühne prescht und Jedermann spielerisch umkreist. Später entwickelt sich mit wehend roten Röcken sogar eine Art Stierkampf mit ihm. Hobmeier wirkt nicht nur lasziv, liebesdurstig oder verliebt, sondern in raren Momenten auch besorgt um den Geliebten. Schweigend wird sie ihn schließlich verlassen, wie im Schock unterhalb der Bühne liegen, bis sie sich schließlich vom geläuterten Toten verabschiedet.

Auch dieser Schluss ist ergreifend. Der Tod breitet sein Leichentuch über den mit seinem Schicksal versöhnten Jedermann. Die Totengräber schaufeln Erde auf den Leichnam, dem dann die ganze Truppe die letzte Ehre erweist, mit einer Handvoll Staub. Selbst der Teufel und der Liebe Gott trauern. Dann hat der Glaube das letzte Wort. Die Glocken läuten. Schon sind wir gerettet, wir armen Seelen. Ein toller Abend, der mit stehenden Ovationen endete.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2013)