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Franziskus auf den Spuren der Jugend und seiner eigenen Vergangenheit

Franziskus Brasilien
Franziskus Brasilien(c) EPA (TELENEWS)
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Der Papst landete am Montagabend in Brasilien. Höhepunkt des mehrtätigen Besuchs ist seine Teilnehme am Weltjugendtag. Aber er trifft auch seine einstigen Bischofskollegen.

Rom. In Rom zurückgelassen hat Franziskus einen rundherum eingerüsteten Vatikan. Der Kommission, die er erst vor vier Wochen zur Überprüfung der Kirchenbank IOR eingesetzt hat, hat er am 18. Juli ein weiteres Gremium zur Seite gestellt: Besetzt mit sieben Laien – also nicht mit geweihten Amtsträgern – soll sie die verstreute Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhls analysieren und verschlanken. Im IOR selbst wühlen sich nach dem Rücktritt des Managements Anfang Juli nun amerikanische Geldwäscheexperten durch die Abgründe der Kontenführung. Die Beraterkommission der acht Kardinäle aus der Weltkirche, die Franziskus im April zum Zweck der Kurienreform eingerichtet hat, bereitet ihre erste Arbeitssitzung vor, die in zehn Wochen stattfinden soll – während die beinahe suspendierte Kurie nun sehr leise geworden ist, und man vor allem vom lang umstrittenen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone nichts mehr gesehen und gehört hat. Es gibt Spekulationen, Bertones Flug an der Seite des Papstes nach Brasilien könnte auch sein letzter öffentlicher Auftritt sein. Im September wird man mehr wissen. Franziskus jedenfalls macht keinen Urlaub. Er arbeitet auf seiner römischen Baustelle durch.

 

Hohe Sympathiewerte bei Jugendlichen

Vielleicht sieht Franziskus ja seinen Ausflug zum Weltjugendtag als die beste Form der Erholung an. „Das wird eine Woche der Jugend!“, rief er am Sonntag spontan aus – und sprachlich blieb offen, ob der 76-Jährige bei „Jugend“ nur an junge Leute dachte, oder auch an einen Verjüngungseffekt für sich selbst, nach seinen ersten vier Monaten hinter den dicken vatikanischen Mauern. Dass dieser Papst bei den Jugendlichen und den jungen Erwachsenen ankommt, dieses Resultat einer aktuellen Umfrage haben ihm römische Soziologen noch schnell ins Fluggepäck gesteckt: Mehr als 70 Prozent der befragten Italiener finden ihn „vertrauenswürdig“, noch weitaus mehr Italienern – 91 Prozent – flößt er Sympathie ein.

Franziskus, der immer Angst hat, seine Kirche könnte „von der schlechten Luft im eigenen Zimmer krank werden“, lässt sich in Rio nun frischen Wind um die Nase wehen. Brasilien gilt als die Wiege der Befreiungstheologie, deren gut vierzigjährige Geschichte der Argentinier Jorge Mario Bergoglio während seines genauso langen Priester- und Bischofslebens gespürt, erlitten, mitgeformt hat – zuletzt 2007, als Benedikt XVI. eigens zum Treffen der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen (Celam) ins brasilianische Aparecida angereist ist, um einen Schlusspunkt hinter diese Geschichte zu setzen und die „politisch-ideologisch verirrten“ Theologen-Schäflein endgültig in den gemeinsamen Stall zurückzulotsen.

 

Die „Kirche der Armen“

Bergoglio, seinerzeit Erzbischof von Buenos Aires, redigierte 2007 das Schlussdokument, das der Vatikan aber vorsichtshalber nicht gleich zur Veröffentlichung freigab. Erst mussten an die 200 Korrekturen am Text vorgenommen werden.

Bergoglio-Franziskus, so heißt es, habe nun mit Nachdruck darauf bestanden, die lateinamerikanischen Bischöfe als Papst noch einmal zu treffen. Er trifft den Leitungsausschuss der Celam in Rio de Janeiro, nach dem offiziellen Programm des Weltjugendtages – und ein Papst, der so sehr „eine arme Kirche“ will, wird seine eigenen Spuren in einem schwierigen theologie- und kirchengeschichtlichen Prozess hinterlassen, zu einem halbrunden Jubiläum auch noch: Vor 45 Jahren hat die Generalversammlung der Celam im kolumbianischen Medellín einen radikalen gesellschaftlichen Standortwechsel vollzogen und die Kirche als eine „Kirche der Armen“ zu verstehen begonnen.

Den vielfach nicht zu leugnenden marxistischen Beigeschmack goutierten weder die (Militär-)Regimes in Südamerika noch die Glaubenskongregation im Vatikan. Die damals nach vorangestellte „Option für die Armen“ hat sich heute im gesamtkirchlichen Sprachgebrauch eingebürgert. Der erste lateinamerikanische Papst hat ihr in seiner Person nun auch noch Gestalt gegeben. Und wieder einmal passte das Bild: Die schwere Aktentasche, die sich Franziskus für den Flug nach Rio gepackt hatte, die schleppte er gestern Morgen eigenhändig die Gangway hoch. Jeder andere hätte sie tragen lassen.

Auf einen Blick

Papst Franziskus startete am Montag seinen mehrtätigen Besuch in Brasilien. Am Donnerstag wird der Papst mit den etwa zwei Millionen Jugendlichen zusammentreffen, die in dieser Woche am Weltjugendtag in Rio de Janeiro teilnehmen. Zudem trifft Franziskus mit dem Leitungsausschuss der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen zusammen. Franziskus war vor seiner Wahl zum Papst Erzbischof von Buenos Aires.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2013)