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Unser Mann in Bayreuth: Der neue Festspiel-Alberich aus Wien

Martin Winkler
Martin Winkler(c) APA (Hans Klaus Techt)
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Martin Winkler avancierte vom Volksopern-Alberich in der Loriot-Version des „Rings“ zum echten Bayreuther Bühnenbösewicht.

Der Bösewicht kommt aus Wien. Oder genau genommen, aus Bregenz. Und noch genauer genommen, ist er so böse nicht. Martin Winkler, Ensemblemitglied der Wiener Volksoper und eben noch in der Loriot-Kurzvariante des „Rings des Nibelungen“ als Alberich auf der Bühne, wird auch das Nibelungen-Original in der Neuinszenierung zu Richard Wagners 200. Geburtstag bei den Bayreuther Festspielen verkörpern.

Das Wort verkörpern ist mit Bedacht gewählt, denn die Körperlichkeit, das Ganz-in-eine-Rolle-Schlüpfen, ist Winklers Markenzeichen. Seit seinen Anfängen in der freien Wiener Opernszene und an kleineren Bühnen wie jener von Schwerin, wo er sich die ersten Sporen verdient hat, erntet er als veritabler Singschauspieler Lob.

 

Der gutgläubige Finsterling

Wie finster man eine Figur wie den Alberich verstehen muss, ist nach Winklers Ansicht durchaus eine Frage der Perspektive. Freilich, die Tragweite der Flüche, die der „Nachtalbe“ ausstößt, ist atemberaubend. Doch bleibt Alberich doch der Einzige in Wagners Tetralogie, der an etwas glauben möchte: „Sein Vertrauen in den ,großen Politiker‘ Wotan ist ungebrochen, obwohl ihn der immer wieder hintergeht. Im zweiten Akt des ,Siegfried‘ fragt er ja verwundert: ,Gönnt er mir's wirklich?‘“ Feine Details im Text übersieht der Charakterdarsteller Winkler nicht: „Alberichs Hoffnung bleibt beinah bis zuletzt – am Schluss haben sich ja dann beide überlebt, Alberich, vor allem aber Wotan, der gescheitert ist.“

Gearbeitet wird an der Neuinszenierung Frank Castorfs seit vergangenem Sommer. Wobei der Regisseur, wie Winkler berichtet, „Schauspieler vom Sprechtheater gewohnt ist. Die Proben sind so etwas wie eine Fact-Finding-Mission. Der Regisseur kommt nicht mit einem fix und fertigen Konzept, sondern formuliert zunächst Ideen im Zusammenhang mit dem Bühnenbild.“

Das prestigeträchtige Engagement nach einem Vorsingen bei Festspiel-Chefin Eva Wagner-Pasquier verdankt Winkler, wie er selbst sagt, „vermutlich dem Dirigenten des neuen ,Rings‘, Kirill Petrenko“, der den Bassbariton seit seiner Zeit an der Komischen Oper Berlin schätzt.

Zur Oper hat der gebürtige Vorarlberger in einem sanften Crescendo vom Knabensopran bis zum Wiener Ensemblemitglied gefunden. Selbst zu singen war ihm zu diesem Zeitpunkt bereits etwas Selbstverständliches. „Der Apotheker in meinem Heimatort Lochau war begeisterter Hobbymusiker und hat einen Kinderchor gegründet.“

 

Aus dem Kirchenchor nach Nibelheim

„Wir sangen in der Messe, später dann durfte ich auch im Bregenzer Festspielchor mitwirken. Ich hatte an der Musikschule ein bisschen Unterricht genommen. Dort haben wir Mozarts ,Bastien und Bastienne‘ aufgeführt.“ Dabei hat Winkler in seinen „Bühnenkörper“ gefunden: „Es dauert ja ein bisschen, bis man sich körperlich wohlfühlt. Aber es hat mir gefallen, mich zu produzieren. Dass man sich traut, etwas auszuprobieren, das kommt erst etwas später...“

Im Chor zu singen, vermittelte Martin Winkler die Freude am Genre Oper erst richtig, „selbst mitzumachen ist viel mehr, als wenn man dieselbe Produktion im Fernsehen zu sehen bekommt“. Wer selbst mitmacht, leckt Blut“, sagt er, der in seiner Studienzeit bei Walter Berry an der Wiener Musikuniversität – in den Zusatzchören von Staats- und Volksoper „mitgeträllert“ hat, wie er das heute nennt. Wobei Auftritte in Wagners „Götterdämmerung“ zu den Urerlebnissen gehören: „Diese wahnsinnige Musik, diese Harmonien haben mich ungeheuer fasziniert.“

Später hat er harmonisch noch viel avanciertere Stücke selbst mitgestaltet: In der Hauptpartie von Ligetis „Grand Macabre“ gab es für ihn Schlagzeilen nach einigen erfolgreichen europäischen Produktionen. Winkler singt mittlerweile aber auch schon jenseits des Ozeans, in der New Yorker Metropolitan Opera – demnächst ist er dort Graf Waldner in Strauss' „Arabella“.

Jetzt kehrt er zunächst zu den „wahnsinnigen Harmonien“ – an deren Ursprungsort Bayreuth, wo er als Student „auf Stufensitzen“ erstmals Wagners ganz eigenartige Theaterluft schnuppern durfte: „Das ist schon ganz ungeheuer“, sagt er, „der Raum, die Textur, die das unsichtbare Orchester darüberlegt...“ Demnächst singt er dazu.

Zur Person

Martin Winkler, Mitglied des Wiener Volksopern-Ensembles, ist der Alberich in der von Kirill Petrenko dirigierten Bayreuther „Ring“-Neuinszenierung. Nach Anfängen in Produktionen der freien Wiener Opernszene, führten ihn Festengagements nach Schwerin und Berlin, wo er sich mit einem breiten Repertoire von Mozarts Papageno bis zu Ligetis „Grand Macabre“ bewährte. [Volksoper Wien]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2013)