Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Detroit: Klassenkampf um Kulturschätze

Detroit Klassenkampf Kulturschaetze
Detroit Klassenkampf Kulturschaetze(c) REUTERS (REBECCA COOK)
  • Drucken

Dem Institute of Arts droht wegen der Insolvenz der Stadt der Abverkauf seiner Bestände. Dagegen wehren sich die Reichen im Umland, die der Stadt schon vor Jahren den Rücken gekehrt haben.

Als der große mexikanische Maler Diego Rivera im Frühjahr 1932 den Auftrag erhielt, die Wände des Detroit Institute of Arts (DIA) mit einem Zyklus über die Herstellung eines Autos zu schmücken, war er begeistert: „Er betrachtete Detroits Autofabriken als die Pyramiden Amerikas“, sagt Graham Beal, Direktor des heute fünftgrößten Museums der USA, zur „Presse“ bei einem Spaziergang durch die Sammlung.

Acht Jahrzehnte später verwirklicht sich Riveras Vergleich mit den ägyptischen Ruinen in böser Ironie. Detroit, noch Anfang der 1950er-Jahre die zweitreichste Stadt der USA, liegt nach Jahrzehnten der Misswirtschaft, der Korruption und der Absiedelung aller Autofabriken, bis auf eine von Chrysler, auf dem Boden. Die Stadt ist mit mehr als 18 Milliarden Dollar (13,7 Milliarden Euro) überschuldet. Im März dieses Jahres hat der Gouverneur von Michigan die überforderte Stadtregierung durch die Einsetzung eines Notverwalters entmachtet. Er hat eine Inventur der rund 60.000 Kunstgegenstände im DIA angeordnet. Ihr Verkauf soll zur Tilgung der Schulden der Stadt beitragen.

Denn streng genommen gehören die Bestände des im Jahr 1885 gegründeten DIA der Stadt. In der politischen Realität Detroits wäre ein Notverkauf allerdings wesentlich komplizierter, als es sich in der Excel-Tabelle der Restrukturierer darstellen mag.

 

Freiwillige Sondersteuer für die Kultur

Denn erstens wurde das Museum im Jahr 1999 aus der Stadtverwaltung ausgegliedert. Der Museumsbetrieb läuft seither über eine steuerbefreite wohltätige Einrichtung im Auftrag der Stadt. Grund für diese Ausgliederung war die wirtschaftliche Unfähigkeit und Korruption der Stadtverwaltung, sagt Beal. Niemand wollte dem Museum mehr Geld geben, solange der Detroiter Politikerklüngel seine Finger mit im Spiel hatte.

Zweitens wurde seit 1953 kein einziges Kunstwerk mehr mit Mitteln aus dem Stadtbudget gekauft. Noch heute hat Beal ein jährliches Ankaufsbudget von vier Millionen Dollar im Gesamtetat von 31 Millionen Dollar zur Verfügung; es wird zum Gutteil aus Spenden und den Einnahmen des Museums bestritten. Würde sich der Notverwalter trauen, diese Werke zugunsten der Gläubiger der Stadt verkaufen zu lassen, würde er teure juristische Streitereien mit der „Founders Society“ vom Zaun brechen, der Vereinigung der Gründer des Museums. „Es gibt keinen Präzendenzfall dafür im amerikanischen Recht“, warnt Beal.

Zudem wäre der Verkauf der Sammlung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Im Jahr 2004 wurde der Wert der Bestände zum bisher letzten Mal taxiert. Er betrug damals eine Milliarde Dollar. Selbst wenn man also das ganze Museum verkaufen und zusperren würde, könnte man damit nicht einmal ein Achtzehntel der Schulden begleichen. Und ob die Bilder, Skulpturen und sonstigen Kunstgegenstände tatsächlich so viel einspielen würden, ist zweifelhaft. „Ich habe in der Zeitung gelesen, dass der hier 100 Millionen Dollar wert sein soll“, sagt Beal und zeigt auf den monumentalen Tintoretto, den das Museum erst vor sechs Jahren mit einer ausgeklügelten Belüftungstechnik ausgestattet hat. „Sotheby's hat ihn uns erst neulich für Versicherungszwecke auf drei Millionen Dollar geschätzt.“

Das größte Hindernis für den Verkauf der Bestände des Museums ist aber gesellschaftlicher Natur. Die reiche Oberschicht, die schon vor Jahrzehnten aus Detroit in die Vorstädte geflüchtet ist, liebt das DIA. In den vergangenen zwölf Jahren hat Beal bei ihr rund 360 Millionen Dollar an Spenden eingesammelt. Im letzten Jahr stimmten die Bewohner der drei Verwaltungsbezirke Macomb, Oakland und Wayne (die Stadt Detroit liegt in Wayne County) für eine Sondersteuer, mit der das Museum finanziert wird. Seit heuer zahlen sie durchschnittlich neun Dollar pro Jahr und Kopf und bekommen dafür freien Eintritt. Das spült rund 23 Millionen Dollar in die Kassen des DIA.

Wie lässt es sich aber vertreten, dass die reiche, mehrheitlich weiße Oberschicht sich aussuchen darf, wofür sie Steuern zahlt, während im mehr als 80 Prozent schwarzen Detroit Kinder wegen der schlechten Busverbindungen zwei Stunden für den Schulweg brauchen, die Straßen von Schlaglöchern afrikanischer Dimension zerfurcht sind und die Polizei im Schnitt 58 Minuten braucht, um auf einen Notruf zu reagieren?

Museumsdirektor Beal verweist auf eine Umfrage, die belege, dass ganz Detroit auf das DIA stolz ist. „,Wer geht ins DIA?‘, haben wir gefragt. Die mehrheitliche Antwort war: ,Jeder geht ins DIA.‘ Die nächste Frage war: ,Wer geht in die Symphonie?‘ Die Antwort: ,Die reichen Leute gehen in die Symphonie.‘ Deshalb klinge ich vermutlich so selbstsicher, dass wir nicht als elitäre Einrichtung angesehen werden.“

Auf einen Blick

Detroit ist nach Jahrzehnten der Korruption und dem Niedergang der Autoindustrie mit mehr als 18 Milliarden Dollar (13,7 Milliarden Euro) überschuldet. Am Freitag hat die Stadt Insolvenz angemeldet. Das Detroit Institute of Arts (gegründet 1885) hat über die Jahre Werke von Bruegel, Van Gogh, Matisse und anderen gesammelt. Der Notverwalter Detroits hat zur Debatte gestellt, dass sie zur Schuldentilgung verkauft werden müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2013)