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Boff: "Ich habe Ratzinger nichts mehr zu sagen"

Boff habe Ratzinger nichts
Papst(c) EPA (ANTONIO LACERDA)
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Der Befreiungstheologe hofft auf Reformen durch den neuen Papst Franziskus. Nach Schriften über kirchliche Missstände erteilte ihm der Vatikan 1985 Rede- und Lehrverbot. Ein "Presse"-Interview.

Die Presse: Seit Montag ist Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Rio. Er sagte, dass er Sie gern treffen würde.

Leonardo Boff: Ja, allerdings erst, nachdem er die Reform der Kurie abgeschlossen hat. In Rio hat der Papst ausdrücklich darum gebeten, ein Buch von mir zu erhalten. Es ist gerade erschienen und heißt: „Franziskus von Assisi und Franziskus von Rom: ein neuer Kirchenfrühling?“ Der Erzbischof von Rio hat es ihm überreicht.


Der Titel drückt die große Hoffnung aus, die Sie in Franziskus setzen. Was würden Sie ihm persönlich sagen?

Ich würde ihn bitten, weiter die Armen ins Zentrum seines Pontifikats zu stellen – und zwischen diese Armen den Planeten Erde, der auf unvorstellbare Weise ausgebeutet wird. Der Name Franziskus steht für eine andere Kirche – eine einfache und arme Kirche, offen für alle und eine große Fürsprecherin der Natur.

 

Wie bewerten Sie unter diesen Gesichtspunkten sein bisheriges Wirken?

Der Papst hatte noch nicht genug Zeit, alle seine Ideen zu verwirklichen. Aber er hat schon entscheidende Impulse gesetzt. So hat er seine Arbeit nicht mit der Reform der Kurie begonnen, sondern mit der Erneuerung des Pontifikats. Er will zeigen, dass der Papst mit gutem Beispiel vorangehen muss. Er ist bescheiden, direkt, nah bei den Menschen, und frei von den Symbolen der Macht. Seine größte Herausforderung ist es, die Glaubwürdigkeit der Kirche nach all den Skandalen wiederherzustellen.

Der Weltjugendtag wirkt dennoch auf viele wie ein Spektakel rund um den Popstar Papst.

Aber dieser Papst ist politischer als seine Vorgänger. Er tritt nicht als kirchliche Autorität oder Lehrmeister auf, sondern als Hirte. In Rio setzt er entscheidende Zeichen, besucht eine Favela und weiht eine Klinik für Drogenabhängige ein. Er lässt sich in einem kleinen Pkw fahren und hat es abgelehnt, in einer Suite zu wohnen. Er wählte ein einfaches Zimmer. In Rom lebt er in einem kleinen Apartment, fährt Bahn und Bus. Das ist kein Populismus, sondern tief empfundene Liebe zu den Armen und ein neues Verständnis von der Rolle des Papstes. Ich glaube, dass Franziskus den Kräften in Lateinamerika Rückenwind verleihen wird, die für die soziale Gerechtigkeit kämpfen.

 

Sie fordern eine Kirche, die sich stärker in die Politik einmischt. Ist das die Aufgabe der Kirche?

Es gibt keinen Kontinent, auf dem der Wohlstand so ungerecht wie in Lateinamerika verteilt ist. In Brasilien leben fast 200 Mio. Menschen, aber nur 5000 Familien besitzen 43Prozent des Reichtums. Diese Ungleichverteilung schwächt die Demokratie, die ein Mindestmaß an Egalität und Transparenz benötigt. Die Kirche muss sich auf die Seite der Armen, der Indigenen, der Schwarzen, der Kinder, der Frauen und der Landlosen stellen. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wurde diese Aufgabe vernachlässigt, Kirchenmänner wie ich, die sich ihr widmeten, wurden bekämpft. Beide Päpste beriefen konservative Bischöfe, die dem Dialog mit der Gesellschaft aus dem Weg gingen. Die Gläubigen Lateinamerikas erwarten, dass die Kirche sich wieder öffnet und zurück zur Großzügigkeit und Gerechtigkeit von Jesus findet.

 

Wie erklären Sie das rasante Anwachsen der evangelikalen Kirchen in Brasilien und Lateinamerika?

Diese Kirchen entstehen aus der institutionellen Leere der katholischen Kirche. Rund 65 Prozent der Brasilianer bekennen sich zum Katholizismus. Um sie zu betreuen, brauchte man hunderttausend Priester. Es gibt aber nur knapp 19.000, von denen 7000 Ausländer sind. Die katholische Kirche erlebt einen institutionellen Zusammenbruch, insbesondere an den Peripherien – dort, wo die Masse der armen und einfachen Menschen lebt. Die Brasilianer sind sehr religiös. Wenn eine christliche Kirche zu ihnen kommt, dann schließen sie sich ihr an. Die Menschen orientieren sich weniger an Doktrinen, sondern sehnen sich nach Aufnahme und Gemeinschaft. Ich sehe die Vielfalt der Kirchen deswegen nicht negativ. Sie repräsentiert den spirituellen Reichtum Brasiliens. Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die Schönheit von Jesus' Lehre und Praxis in ihrer Ganzheit darzustellen.

Was können die Gläubigen in Europa von den Lateinamerikanern lernen?

Ich glaube, dass die Europäer den gemeinschaftsstiftenden Sinn des Glaubens verloren haben. Ebenso die Fähigkeit, religiöse Symbole mit Leben zu erfüllen. Der Synkretismus zwischen Religion und Volkskultur fehlt völlig. Dadurch ist der Glaube erstarrt. In Lateinamerika ist er dagegen fröhlicher, festlicher. Er imprägniert die Menschen geradezu gegen ihren beschwerlichen Alltag. Besonders die Brasilianer sind ein tief religiöses, fast mystisches Volk. Sie spüren Gott in ihrem täglichen Leben. Der Europäer ist da kühler, rationaler.

 

Haben Sie ein Signal der Versöhnung von Joseph Ratzinger erhalten, nachdem er als Papst zurückgetreten ist?

Nein, ich erwarte das auch nicht. Als ich vorgeladen und mit Lehrverbot belegt wurde, tat Ratzinger, was er für richtig hielt. Und ich hielt an meiner Theologie der Befreiung fest, weil ich es für unverantwortlich erachtete, dass die Kirche sich nicht zu Ungerechtigkeit und Unterdrückung äußern sollte. Ich habe Ratzinger nichts mehr zu sagen, respektiere aber seine mutige Entscheidung zum Rücktritt. Er war sich seiner physischen, psychischen und spirituellen Limits bewusst. Ich hoffe, dass er voller Vertrauen zu seinem Treffen mit Gott geht.

Zur Person

Leonardo Boff (74) ist ein Begründer der Befreiungstheologie. Nach Schriften über kirchliche Missstände erteilte ihm der Vatikan 1985 Rede- und Lehrverbot. Er trat aus dem Franziskanerorden aus und lebt heute nahe Rio de Janeiro mit seiner Frau und ihren sechs Kindern aus erster Ehe zusammen. [APA/Neubauer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2013)