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Rebell aus Heidenreichstein: "Aufsperren, wann ich will"

Rebell Heidenreichstein Aufsperren wann
Rebell Heidenreichstein Aufsperren wann(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Von einem Trachtenhändler, der an Feier- und Sonntagen aufsperrt. Und dafür Strafen in Kauf nimmt – "weil es sich locker rechnet".

Er ist erst 40 Jahre alt, aber Sascha Golitschek kann mit seiner beruflichen Laufbahn schon durchaus zufrieden sein. Im Jahre 1993 – da war er erst 20 Jahre alt – erwarb er eine Textilproduktion im niederösterreichischen Heidenreichstein. Die Produktion wurde zwar schon längst geschlossen, aber Golitschek hat rechtzeitig umgesattelt. Und das gar nicht so schlecht: Er hat sich auf den Verkauf von Trachten spezialisiert.

Mittlerweile hat er drei Standorte für die sogenannten Trachten-Outlets: einen in Parndorf, einen in Heidenreichstein, einen in Wien. Zusammen kommt Golitschek somit auf rund 1500 Quadratmeter Verkaufsfläche, mit 33 Mitarbeitern bringt er es auf einen Jahresumsatz von rund zehn Millionen Euro.

Sascha Golitschek könnte also durchaus zufrieden sein. Wäre da nicht etwas, was ihn ziemlich wurmt.

Der junge Trachtenhändler führt seit Jahren einen Kampf gegen Behörden respektive Gesetzgeber, der durchaus auch seine skurrilen Facetten hat. Es geht ums Offenhalten an Sonn- und Feiertagen.

Nicht an allen, wohlgemerkt. Nein, Golitschek möchte bloß am 1. Mai und am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober, Trachten verkaufen. Plus an den vor- oder nachgelagerten Sonntagen. Und zwar ausschließlich in Heidenreichstein.

Darf er natürlich nicht. Tut er trotzdem. „Das sind für mich die umsatzstärksten Tage des Jahres“, sagt er, „sonst würde ich ja auch nicht offen halten.“ Bestechende Logik.

Dass diese Tage für ihn so ein Renner sind, hat einen ebenso guten Grund: Heidenreichstein liegt hart an der tschechischen Grenze. Und die Gemeinde ist nicht gerade ein Ausbund an wirtschaftlicher Dynamik, geschweige denn Hoffnung. Zuletzt machte dort eine Firma mit dem Namen „Die Käsemacher“ Schlagzeilen. Mit einer Insolvenz.

Vor vielen Jahren wurde in der Gemeinde also die sogenannte „Mini-Messe“ ins Leben gerufen. Immer an einigen Tagen um den 1. Mai findet sie statt. Immer gut besucht. Verschiedene lokale Firmen stellen in den Räumlichkeiten eines ortsansässigen großen Möbelhändlers aus, der Kundenandrang soll – für dortige Verhältnisse – beachtlich sein.

Jedenfalls so beachtlich, dass Golitschek eine zündende Idee hatte: Er sperrt sein Geschäft kurzerhand am 1. Mai sowie entweder am Sonntag davor oder danach auf. Und das seit Jahren.

Das macht er auch rund um den 26. Oktober so. An dem Tag gibt es in Heidenreichstein nämlich ein wahres Naturspektakel. Da werden die Karpfen im Bruneiteich abgefischt, hunderte Besucher sind Jahr für Jahr dabei. Was liegt also näher, als diese Besucher auch zu Kunden zu machen? Golitschek sperrt also auch am Nationalfeiertag auf – und erfreut sich regelmäßig hoher Besucherzahlen im Outlet. 1500 Kunden sollen es an einem Tag sein.

Mit dabei – alljährlich: Gewerkschafter und Mitarbeiter des Arbeitsinspektorates. Freilich nicht als Kunden.

Jahr für Jahr also das gleiche Spiel: Golitschek sperrt auf und bekommt dafür Strafen in Höhe von knapp 3000 Euro aufgebrummt. Dass es nicht mehr ist, liegt daran, dass an den Tagen vor allem Familie und Verwandte verkaufen. Aber halt nicht nur. Golitschek kann sich die Strafe jedenfalls locker leisten. Obwohl die beschäftigten Mitarbeiter an den Tagen natürlich einen hundertprozentigen Gehaltszuschlag (neben einem hundertprozentigen Arbeitszeitausgleich) bekommen. „Bei dem Umsatz, den ich mache, geht sich das problemlos aus“, sagt Golitschek.

Aber lästig ist das Ganze natürlich schon.

„Ich verstehe nicht: Wo ist denn das Problem?“, fragt Golitschek. „Meine Mitarbeiter haben jedenfalls keines damit – ich mach sie übrigens schon bei den Einstellungsgesprächen auf unsere etwas außertourlichen Öffnungszeiten aufmerksam.“

Der Trachtenhändler hat in der Vergangenheit also wiederholt Kontakt mit der Politik aufgenommen: Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll verwies freundlich auf die zuständige Landesrätin Petra Bohuslav. Die wiederum empfahl ein Schreiben an Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Der antwortete, dass das Ganze Ländersache sei.

Lustig genug. Doch der Inhalt der E-Mails legt noch eins drauf. Schreibt Golitschek an Landesrätin Bohuslav: „Die Crux an der Sache: Wir dürfen unseren Shop legal aufsperren (Tourismuszone), aber dürfen keine Mitarbeiter beschäftigen. Wie soll ich 1500 Kunden, die heuer am 1. Mai einkaufen waren, allein betreuen? Das ist unmöglich!“ Antwort aus dem Büro Bohuslav: „Ich gehe davon aus, dass Sie die Meinung der Länder in der aktuellen Öffnungszeitendiskussion verfolgen und sich daher bewusst sind, dass NÖ von seiner bisherigen Linie nicht abgehen wird (Öffnung in Tourismuszonen ja – Beschäftigung von Mitarbeitern nein).“

Replik von Golitschek: „Ich verstehe den Sinn nicht, ein Geschäft aufsperren zu dürfen, wenn es unmöglich ist, den enormen Kundenansturm allein zu bewältigen. Das ist wie eine Suppe auf den Tisch zu stellen – ohne Löffel.“ Antwort: „Sie können Ihre Kunden in Golitschek-bewährter Weise 72 Wochenstunden lang auf gesetzlicher Basis betreuen. Sie brauchen mir also keine Suppe ohne Löffel auf den Tisch zu stellen.“

Halten wir also fest: Ein Unternehmen, das an zwei Feiertagen gigantische Umsätze macht – zumal in einer wirtschaftlich darbenden Region – darf an diesen beiden Tagen keine Mitarbeiter beschäftigen. Oder muss dafür halt Strafe bezahlen.

Die Geschichte erinnert jedenfalls frappant an jene von Franz Josef Hartlauer. Der „Fotolöwe“ hatte Anfang der Neunzigerjahre einige wenige seiner Geschäfte am 8. Dezember einfach aufgesperrt, um die Kundenabwanderung ins Ausland an diesem Feiertag zu verhindern. Jahr für Jahr kassierte er dafür Strafen – bis der 8. Dezember schließlich offiziell zum Einkaufstag wurde.

Oder Gexi Tostmann – ebenfalls im Geschäft mit Trachten aktiv. Auch sie sperrte in den Achtzigerjahren ihren Laden bei Bedarf an Samstagen oder Sonntagen auf. Nachdem es Anzeigen hagelte, ging sie zum Verfassungsgerichtshof.

Der hob das rigide Ladenschlussgesetz im Jahre 1987 schließlich auf. Hartlauer und Tostmann ging es einerseits ums Prinzip. Aber auch um die hohen Umsätze, die sie an den „verbotenen“ Tagen machten. Die ihnen im Falle des gesetzlich vorgeschriebenen Zusperrens verloren gegangen wären.

Und jetzt also „Rebell“ Sascha Golitschek? „Rebell will ich eigentlich nicht sein“, sagt er, „Ich will nur aufsperren können, wann ich will.“

Ein bisschen etwas hat er jedenfalls bereits bewegt: Die „Mini-Messe“ in Heidenreichstein wurde zur „Messe der offenen Türen“ umgestaltet. Heißt: Alle Geschäfte haben offen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2013)